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Was Urlaubern die Souvenirs vergangener Reisen bedeuten

Andenken in Zeiten von Corona : Was Urlaubern Souvenirs bedeuten

„Souvenirs einer großen Zeit sind die bunten Träume unsrer Einsamkeit“ – das trällerte der deutsch-amerikanische Schlagsänger Bill Ramsey 1959. Selten war dieser Satz so passend wie in Zeiten der Corona-Pandemie.

Die ganze Welt sitzt in den eigenen vier Wänden, zu reisen ist unmöglich. Andenken früherer Urlaube erinnern an bessere Tage. Zeit für die Frage: Warum kaufen wir Souvenirs? 

 „Für mich sind Souvenirs mehr als eine Erinnerungsstütze“, sagt die Kunsthistorikerin Katharina Koppenwallner, die in ihrem Shop ethnische Textilien verkauft. „Sie sind oft auch handwerkliches Überbleibsel einer Welt, die bei uns verschwunden ist.“ Ein Beispiel seien handgemachte Stoffe aus Indien. So etwas gebe es in Deutschland nicht mehr. „Souvenirs sind in Verruf geraten, weil alle Leute denken, das sei Folklore-Quatsch“, sagt Koppenwallner. „Aber es gibt in jedem Land eine materielle Kultur, die man entdecken kann.“

Doch ein Andenken müsse weder Kunstobjekt noch Alltagsgegenstand sein. „Ich finde auch ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love New York“ gut“, sagt Koppenwallner. „Auch das kitschige, ironische Souvenir kann eine Geschichte erzählen. Man sollte sich hüten, das zu bewerten.“

Sind Souvenirs durch die vielen Urlaubsfotos und Selfies nicht obsolet geworden? „Souvenirs haben eine höhere Wertigkeit erhalten durch die Inflation der Bilder“, sagt Kulturwissenschaftler Professor Wolfgang Kaschuba. „Das Souvenir ist darauf ausgelegt, eben nicht flüchtig zu sein.“ Koppelwallner weist noch auf einen anderen Punkt hin: „Ein Foto spielt einem eine Realität vor, die es nicht unbedingt gibt. Objekte können das nicht und versuchen es auch gar nicht.“

Häufig kauft der Reisende das Souvenir nicht für sich selbst, sondern für andere – dann wird daraus ein Mitbringsel, das für Geselligkeit sorgt. „Denken Sie an die Flasche Wein“, sagt Kaschuba. „Die trinkt man irgendwann gemeinsam und stellt fest: In Italien schmeckt sie doch am besten.“

Dieser Tage fällt der Blick nur auf die Souvenirs daheim. Das könne Fernweh, aber auch Vorfreude auf die Zeit nach Corona auslösen, sagt Kaschuba. „Das Prinzip Hoffnung.“