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Von Jammertal keine Spur

Von Jammertal keine Spur

Die Namen klingen wenig einladend: Elend und Sorge. Doch gerade dort ist der Harz besonders verführerisch. Im Sommer lockt dessen Idylle Wanderer und Naturfreunde an, im Winter Skifahrer und Langläufer.

Bachtäler in schroffem Fels, Pfade unter dichten Baumkronen und schmale Stege über dahinplätschernde Gewässer - zwischen Elend und Sorge präsentiert sich der Harz von seiner romantischsten Seite. Wie im Heimatfilm schnauft eine betagte Dampflok vorbei, ein paar altmodische Waggons mit Touristen hinter sich herziehend. Der Zug gehört zu den Harzer Schmalspurbahnen, die Elend und Sorge bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts mit der Welt verbinden.

Den Harz durchziehen viele Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, darunter der Harzer Hexen-Stieg von Osterode über den Brocken zum Hexentanzplatz Thale. Für die knapp 100 Kilometer müssen Wanderer mehrere Tagesmärsche einplanen. Wer nicht auf den höchsten Gipfel will, kann die Brockenumgehung nutzen und gelangt auf direktem Wege nach Elend.

"Fremdes Land"

Elend, das wie Sorge seit 2010 zur Stadt Oberharz am Brocken gehört, verweist mit Stolz auf seinen Status als staatlich anerkannter Luftkurort. Zwischen den beiden Weltkriegen war es jedes Jahr Ziel zehntausender Urlauber. Zu DDR-Zeiten durften vor allem linientreue Genossen ihre Ferien in den dortigen Erholungsheimen an der innerdeutschen Grenze verbringen. Laut Mandy Leonhardt vom örtlichen Tourismusbüro bietet der Ort Unterkünfte für etwa 370 Touristen. Sie seien nicht nur im Sommer gefragt, sondern auch im Winter. Ein ausgebautes Loipennetz für Langläufer, Wanderwege und Rodelbahnen ziehen Windersportler an.

Die meisten Touristen interessiert, wie das idyllische Elend zu seinem Namen kam. Ortsbewohner verweisen auf den althochdeutschen Begriff "eli-lenti", was in etwa "fremdes Land" bedeutet. Daraus wurde das mittelhochdeutsche "Ellende", von dem sich der Ortsname ableitet. Die Gegend erlebte aber tatsächlich schon sehr schlechte Zeiten, zum Beispiel, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Eisenhütte geschlossen wurde und viele Männer erwerbslos wurden. Erst der aufkommende Fremdenverkehr verbesserte die wirtschaftliche Lage.

Auch im Nachbarort Sorge mag man den Namen nicht auf schlechte Verhältnisse zurückführen. Er stamme vom mittelhochdeutschen Wort "Zarge" ab, was Grenze bedeute, erklärt Ortsbürgermeisterin Inge Winkel. Tatsächlich trafen hier früher verschiedene Hoheitsgebiete aufeinander: im frühen 19. Jahrhundert das des Königreichs Preußen und das des Herzogtums Braunschweig. Nach der Teilung Deutschlands lagen Sorge und Elend direkt am Todesstreifen. Inge Winkel lebte zur DDR-Zeit im Grenzgebiet und stellte sich unmittelbar nach der Wende die Aufgabe, "die Erinnerung an die Zeit der Teilung Deutschlands wachzuhalten". Auf dem ehemaligen Grenzstreifen blieben Grenzzäune, ein Wachturm, eine Hundelaufanlage und ein Bunker erhalten. Hinweistafeln informieren über das System der Grenzsicherung.

Viele junge Gäste

Der Harz zieht zunehmend auch jüngere Besucher an. Seit sieben Jahren reisen im Sommer viele Fans zum Freiluftfestival "Rocken am Brocken". Etwa 5000 waren es 2013. In diesem Jahr rockt der Brocken vom 31. Juli bis zum 2. August. Hoch geht es außerdem her, wenn in der traditionellen Walpurgisnacht am 30. April Feuer die bösen Geister vertreiben und tags darauf Maibäume aufgerichtet werden.

Im Winter wird es sportlich exklusiv. Wie im mondänen Schweizer Ferienort St. Moritz finden Wettbewerbe im sogenannten Skikjöring statt. Bei diesem aus Skandinavien stammenden Sport lassen sich Skifahrer an einem Seil über eine Schnee- oder Eispiste schleppen. In der Traditionsklasse zieht ein Pferd die Wagemutigen, in der Motorklasse ein Geländewagen, ein Motorrad oder ein Quad. Rund 10 000 Besucher wohnen diesem Spektakel nach Angaben der Veranstalter jährlich bei.

Zum Thema:

Weitere Infos zum Harz gibt es im Tourismusbüro in Elend. Telefon: (03 94 55) 3 75, Mail: elend@oberharzstadt.de. dpaharz.eu