Unterwegs mit dem König der Züge

Unterwegs mit dem König der Züge

Verlassene Wälder, spiegelglatte Seen und grüne Hügel – Schottland ist für seine unberührte Natur bekannt. Passagiere des Zuges „Royal Scotsman“ können das Land auf eine ganz besondere Art erkunden.

Für Iain Grant gibt es jetzt erstmal ein Bier. Er hat es sich verdient. Eine halbe Stunde lang ist er an Gleis 10 im Bahnhof von Edinburgh neben dem Zug mit den goldumrankten Emblemen auf den Waggonwänden auf und ab paradiert. Währenddessen hat er unermüdlich dem Dudelsack Töne abgepresst und zum feierlichen Abschluss die Hymne "Scotland the Brave" gespielt. Solange bis selbst die Aussichtsplattform am Ende des letzten Waggons nicht mehr zu sehen war. Längst hatte der Lärm der anfahrenden 3000-PS-Lok die Melodie durcheinander gebracht.

Iain Grant kennt das, verzieht keine Miene - und spielt weiter. Mindestens einmal geht das jede Woche zwischen April und Oktober so, und während er spielt, winken die Menschen auf dem Bahnsteig und die im Zug: Grant legt gewissermaßen einen roten Teppich aus Tönen für den König der schottischen Züge aus, für die historischen Waggons des "Royal Scotsman", die in Edinburgh zur Highland-Rundfahrt starten.

Nur maximal 36 Passagiere sind auf jeder Reise dabei, wohnen in den Abteilen der restaurierten Waggons aus den 1950er und 60er Jahren, die jeder für sich über eine eigene Dusche und Toilette verfügen. Und während der Zug den Meeresarm Firth of Forth nördlich von Edinburgh auf der über zweieinhalb Kilometer langen Eisenbahnbrücke quert, Kurs auf Inverness, Aberdeen und Dundee nimmt, tauschen die Gäste bereits Lebensgeschichten aus, plaudern von Träumen und Wünschen und der heißgeliebten Miniatur-Gartenbahn zuhause.

Andere stehen zur selben Zeit schweigend auf der Aussichtsplattform am Ende des Zuges, genießen den Fahrtwind, den Ausblick, das schillernde Violett des Heidekrauts, später das Hellgrün der baumlosen Hügel des Cairngorms-Nationalparks. Schafe kleben an den Hängen und stemmen sich gegen den Wind. Häuser und Dörfer haben Seltenheitswert, Städte sind rar. Nur Bahnübergänge finden sich noch ab und zu mitten im Nirgendwo.

Die Passagiere sind hauptsächlich Amerikaner, dazu ein paar Briten, ein paar Deutsche, diesmal ein Paar aus der Schweiz, zwei Japaner, dazu ein spanisches Pärchen das wenig spricht und viel Händchen hält. Schottland hat etwas Romantisches, und es mag sein, dass der Rahmen eines Eisenbahnfensters diese Romantik noch steigert, wenn irgendwo zwischen den Wiesen plötzlich ein Castle auftaucht, eines dieser robusten Schlösser irgendwo inmitten kinoreifer Landschaft hinterm Bahndamm.

Craig Wood und seine Kollegen haben für all das keine Zeit: Sie gehören zu den wenigen Menschen, die bei 60 Meilen pro Stunde Pfifferlinge anbraten müssen. In der gut sechs Meter langen und nur 1,70 Meter breiten Kombüse zaubert das Küchen-Team, was in den zwei Speisewagen auf die Tische kommt: Lachsravioli mit Langustinos zum Beispiel. Oder Filet vom Angus-Rind in Madeirasoße mit Pfifferlingen. Oder gebackene Jacobsmuscheln mit wildem Knoblauch. "Was immer ich verbrauche, nehmen wir nach Möglichkeit frisch während der Reise an Bord", erzählt er: "Lachs aus dem River Tay, Steaks aus Dundee, sogar frische Kräuter."

Während des Abendessens haben die Stewardessen die Betten gemacht, Blumen auf die kleinen Schreibtische der Abteile gestellt, die schweren Vorhänge zugezogen. Nachts sucht sich der Luxuszug ein stilles Abstellgleis, parkt im Highland-Nirgendwo oder auf einem Nebengleis in Dundee: kein Ruckeln, keine Fahrgeräusche, nur Stille - bis es am nächsten Morgen an der Tür klopft und Tee serviert wird.

Wieder tauchen die Hügel auf, die spiegelglatten Seen und statt Schafen turnen diesmal Ponys am Bahndamm herum.

Und wenn der Zug irgendwann im Schritttempo wieder auf Gleis 10 an Edinburghs Waverly Station einfährt, wird Iain Grant mit gut trainierter Lunge am Gleis warten, um zur Begrüßung Dudelsack zu spielen. Er wird dabei ernst schauen, auf und ab marschieren - und irgendwann zur Belohnung ein Bier bekommen.

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Auf einen BlickDer "Royal Scotsman" fährt von Mitte April bis Ende Oktober auf verschiedenen Routen. Gäste können zwischen einer bis sieben Übernachtungen im Zug wählen. Weitere Infos gibt es im Internet und bei der Tourismusorganisation Visit Britain, Alexanderplatz 1, 10 178 Berlin, Telefonnummer: (0 30) 31 571 90. hsoroyalscotsman.comvisitbritain.de

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