Sväty Jur in der Slowakei

Sväty Jur in der Slowakei : Ein Dorf entwächst der Renaissance

Jahrhundertelang war das slowakische Svätý Jur ein verschlafener Winzerort – bis junge Leute kamen und frische Ideen mitbrachten.

Marek Lorinc hat viel vor. Vor zwei Jahren hat er sich gemeinsam mit Freunden ein Haus in Svätý Jur gekauft, einem kleinen Dorf im Westen der Slowakei am Fuße der Kleinen Karpaten, rund 15 Kilometer von der Hauptstadt Bratislava entfernt. Das Haus hat eine jahrhundertelange Geschichte. Eine in den steinernen Fenstersims geritzte Jahreszahl verrät sein Alter: 1650. Renesancný Dom haben sie es getauft, das Renaissance Haus – und es bedeutet jede Menge Arbeit. Die blassgrüne Farbe blättert von den Mauern, der Putz bröckelt. In den niedrigen Räumen stapeln sich Unrat, Möbel und Bretter.

Jahrelange Mühen warten jetzt auf die Besitzer und doch strahlt der schattige Innenhof gerade durch das Unfertige und Improvisierte einen gewissen Charme aus. 100 Jahre alter Wein rankt sich an der Wand hoch, eine Lichter­kette wurde quer über den Hof gespannt. Im Schatten einer Kastanie stehen bunt zusammengewürfelt ein paar Tische und Stühle, die zu dem gemütlichen Café gehören, das die Besitzer in den ersten sanierten Räumen eingerichtet haben: das Coko Kafé.

„Wenn die restlichen sechs Zimmer fertig sind, wollen wir sie an Feriengäste vermieten“, sagt Lorinc, der eigentlich Software-Entwickler ist. 260 000 Euro haben er und seine Freunde vor zwei Jahren für das Renesancný Dom gezahlt, und seitdem jedes Jahr weitere 100 000 Euro hineingesteckt.

Haben sie sich nicht zu viel zugemutet? Der 38-Jährige ist Optimist. Im vergangenen Sommer seien sie gar nicht dazu gekommen, die Sanierungsarbeiten fortzusetzen. „Wir hatten jedes Wochenende eine Hochzeit mit bis zu 200 Leuten hier.“ Und nicht nur das. Auch Weinproben und -feste steigen regelmäßig im Renaissance Haus.

Seit Jahrhunderten ist Svätý Jur ein Weinbaugebiet. Auf rund 400 Hektar wird vor allem Müller Thurgau, Rheinriesling, Königsast, Blaufränkisch und St. Laurent angebaut. Rund 30 Winzer leben im Ort, alteingesessene und junge, Profis und Hobby-Winzer. In den vergangenen Jahren haben junge Leute das Dorf für sich entdeckt. Sie brachten Schwung ins Leben, wollen etwas wagen und neue Dinge probieren.

So wie im Renaissance Haus oder im Vinocentrum, einem kleinen Laden mitten im Ort, der mit Stehlampe und gestreifter Tapete eher nach Wohnzimmer als Vinothek aussieht. Dort kann man rund 100 Weine aus Svätý Jur probieren. Erst vor wenigen Jahren wurde es eröffnet, vorher werkelte jeder Winzer allein vor sich hin. Jetzt gibt es diesen zentralen Treffpunkt, wo sich die Einheimischen abends gern auf einen Schluck treffen, aber eben auch Touristen, Weinliebhaber und Ausflügler aus dem nahen Bratislava.

Viele Winzer bauen ihren Wein hobbymäßig an und kommen so auf gerade einmal 5000 Flaschen pro Jahr, die sie an Familie und Freunde weitergeben. Nur ein paar schaffen 60 000 bis 100 000 Flaschen, die man in vereinzelten slowakischen Vinotheken kaufen kann. Aber am besten probiert man den Wein einfach direkt in Svätý Jur, in einem gemütlichen Sessel im Vinocentrum. Oder man erklimmt mit dem Glas in der Hand die Weinberge, die hinter dem Dorf sanft ansteigen und einen wunderschönen Blick auf das Dörfchen in der Abenddämmerung bieten.

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