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Reisebericht
Zu Besuch im winterlichen Südböhmen

Das Schloss Hluboká nad Vltavou, auf Deutsch auch Frauenberg genannt, gilt als eines der schönsten Schlösser in ganz Tschechien. Es thront hoch auf einem Felsen und wird umrahmt von einem gepflegten Landschaftspark.
Das Schloss Hluboká nad Vltavou, auf Deutsch auch Frauenberg genannt, gilt als eines der schönsten Schlösser in ganz Tschechien. Es thront hoch auf einem Felsen und wird umrahmt von einem gepflegten Landschaftspark. FOTO: Jan Pirgl/Südböhmische Tourismuszentrale
Prag. Zur Weihnachtszeit verwandelt sich der Südwesten Tschechiens mit seinen verträumten Schlössern in ein zauberhaftes Märchenland. Von Sabine Mattern

Am Ende wird dann doch alles gut. Statt der garstigen Stiefschwester bekommt das Aschenbrödel den Prinzen. Und da wir ja im Märchen sind, spielen auch die Temperaturen keine Rolle, wenn die Glückliche schließlich im hauchzarten Brautkleid auf ihrem Schimmel Nikolaus durch die verschneite Landschaft galoppiert – Seite an Seite mit dem Mann ihrer Träume.


Spätestens in dem Augenblick, da die beiden Reiter hinter dem Horizont verschwinden und der Abspann über den Bildschirm flimmert, ist das Maximum an Romantik erreicht und ein Seufzen dürfte manches Wohnzimmer füllen. So wie immer kurz vor Jahresende, wenn der Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Programm gleich mehrerer Fernsehsender auftaucht und seinem Publikum die Seele wärmt.

Über vier Jahrzehnte sind vergangen, seit der Kultfilm als gemeinsame Produktion aus der DDR und der Tschechoslowakei Premiere feierte – gedreht unter anderem in den Kulissen des Potsdamer Filmstudios Babelsberg. In den Filmstudios Barrandov in Prag, die zu den größten und ältesten Europas zählen, wurden die Kostüme geschneidert. Sowohl Aschenbrödels rosa Ballrobe als auch ihr perlenverziertes, weiß-silbernes Hochzeitskleid können in der legendären Produktionsstätte an der Moldau in einem Filmmuseum bewundert werden. Wie auch viele andere Kostüme, denn unser Nachbarland war und ist bekannt für seine Märchenfilme. Auch heute noch bringt die dortige Filmindustrie jedes Jahr ein neues Märchen ins Fernsehen. Und zwar genau zum Heiligabend, dem Tag, an dem das Christkind, das Náš Ježíšek, mit den Geschenken kommt.



Wie passend, dass Tschechien da mit rund 2000 Burgen und Schlössern, Ruinen inklusive, für jede Gelegenheit den richtigen Drehort bietet. Besonders Südböhmen verzaubert seine Besucher. Hier hinterließen die einflussreichen Adelsgeschlechter der Eggenbergs, Rosenbergs und Schwarzenbergs in einer Landschaft aus duftenden Nadelwäldern, ausgedehntem Weideland und glitzernden Teichflächen ein sehenswertes architektonisches Erbe. Zumal im Winter, wenn der Tourismus eher auf Sparflamme kocht und sich die Region im Grenzgebiet zu Deutschland und Österreich mit ihren schönen Städtchen und Dörfern ganz und gar märchenhaft zeigt.

Einer dieser Orte ist Tábor, dessen außergewöhnliche Geschichte in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Als Anhänger des Kirchenreformators Jan Hus, der wenige Jahre zuvor als Ketzer auf dem Scheiterhaufen brannte, hatte sich eine radikal-religiöse Gruppe auf einen Berg um die Burg Kotnov geflüchtet, wo sich ihr Lager schnell zu einer richtigen Stadt mit engen, verwinkelten Gässchen auswuchs.

Der berühmte Heerführer der Hussiten hieß Jan Žižka und steht heute unübersehbar auf dem verschlafenen Hauptplatz von Tábor. In Sandstein gemeißelt und hoch auf einem Sockel, in nachbarschaftlicher Eintracht mit der spätgotischen, in folgenden Epochen dann architektonisch aufgepeppten Dekanatskirche und dem prachtvollen Rathausbau.

Auch der Marktplatz im knapp 60 Kilometer entfernten Trebon (auf Deutsch: Wittingau) ist fein herausgeputzt und kann sich sehen lassen. Im Zentrum einer malerischen Altstadt füllt da holpriges Pflaster zwischen dem bunten Nebeneinander historischer Giebelhäuser ein langgezogenes Viereck, an dessen südwestlicher Ecke sich hinter einem Tor das Renaissance-Schloss der Familie Rosenberg versteckt.  Komplettiert wird es durch die barocken Anbauten derer von Schwarzenberg, die 1660, rund 50 Jahre nach dem Tod des letzten Rosenbergs, in den Besitz von Schloss und Stadt kamen.

Trebon, das sich in ein verträumtes Mosaik aus Wäldern, Mooren und Hunderten Teichen bettet, in denen fette Karpfen als weihnachtliche Leibspeise der Tschechen schwimmen, öffnet das Zuhause seiner blaublütigen Herrschaft von einst für die Öffentlichkeit. Speisesaal, Frauenzimmer und Kunstkammer lassen hier Besucher einen Blick in die Welt des Adels werfen. Was auch 30 Kilometer Richtung Westen im Schloss Frauenberg, das als eines der schönsten Schlösser Tschechiens gehandelt wird, möglich ist.

Hluboká nad Vltavou, so sein für westeuropäische Zungen kaum zu bewältigender Name, thront hoch auf einem Felsen – mit Türmen und zinnenbekrönten Mauern und wie ein Juwel umrahmt vom gepflegten Grün eines Landschaftsparks. Nur zu gern würde man das Aschenbrödel und seinen Prinzen in diesem Märchenschloss über der Moldau sehen.

Aber wie auch anderswo waren es mal wieder die Schwarzenbergs, die sich in die Besitzerliste von Frauenberg einreihten. Und es war auch einer von ihnen, nämlich Johann Adolf II., der auf einer England-Reise seine Liebe für die Tudorgotik entdeckte und dem Schloss im 19. Jahrhundert das entsprechende Design verpasste.

Den Gang durch einen Teil seiner 142 Räume erleben Besucher wie einen Sinnenrausch. Prunk, wohin man schaut. Da unterstreichen Gobelins und Gemälde die sinnliche Üppigkeit eines Schlafzimmers. Ein 27 Tonnen schwerer Kamin dominiert das edle Ambiente des Spielsaals, während Regale, verziert mit Säulen aus glänzendem Holz und goldenen Kapitellen, Platz für die 12 000 Bücher der Bibliothek schaffen.

Bevor Johann Adolf II. seine Zelte in Frauenberg aufschlug, residierte die Familie in Krumau, dem heutigen Ceský Krumlov. Die Unesco hat die mittelalterliche Stadt, die ihre Häuser ausgesprochen pittoresk auf den Anhöhen zwischen den eng geschnürten Flussschleifen der Moldau verteilt, nicht ohne Grund auf die Welterbeliste gesetzt.

Ein guter Blick auf diesen Stein gewordenen Traum ergibt sich von der Aussichtsterrasse neben dem Regionalmuseum. Auf das Gedränge roter, brauner, grauer Dächer, die das ständige Auf und Ab schmaler Gassen und die herrlichen Fassaden jahrhundertealter Bürgerhäuser unter sich verbergen. Auf einen winzigen Ausschnitt des Flusses, dessen Kapriolen im Sommer die Kanufahrer verblüffen. Auf die Baderbrücke, die die „Altstadtinsel“ mit dem Latrán-Viertel verbindet. Auf den riesigen Burg- und Schlosskomplex, der von Gotik bis Klassizismus alle Stilmerkmale einer über 700-jährigen Bauzeit aufweist. Und der alles beherrschend oben auf dem vernarbten Stein seines Felsens sitzt. Gemacht für die Ewigkeit.