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Prunk und Pracht in Polen

Der Pozanski Palast an der Ogrodowa Straße in Lodz ist die größte Familienresidenz Polens. Foto: Tourismusbüro der Woiwodschaft Lodz
Der Pozanski Palast an der Ogrodowa Straße in Lodz ist die größte Familienresidenz Polens. Foto: Tourismusbüro der Woiwodschaft Lodz FOTO: Tourismusbüro der Woiwodschaft Lodz
Lodz. Lodz, im Herzen Polens, bewegt sich zwischen Vergangenheit und Moderne. Wo einst Arbeiter in Textilfabriken schufteten, besuchen heute Studenten eine renommierte Modeschule und zeigen Künstler ihre Werke. Lothar Warscheid

Wenn einst Schlagerstar Vicky Leandros nicht unmissverständlich "Theo, wir fahr'n nach Lodz " geträllert und damit den Sommerhit des Jahres 1974 gelandet hätte - wer weiß, wie viele Deutsche Lodz , die einstige Industriemetropole im Herzen Polens, überhaupt kennen würden. Es wäre schade, denn Lodz steckt voller Leben, Energie und vitaler Kreativität.


Es war eine Generationenaufgabe, aus der Industriestadt mit ihren vielen Textilfabriken eine Metropole für Film, Kunst und Mode zu machen. Noch ist es nicht überall gelungen, doch der Wandel nach dem Zusammenbruch des Staats-Sozialismus Ende der 1980er Jahre, als die Fabriken schließen mussten, ist beeindruckend. Das soll jetzt auch Touristen nähergebracht werden.

Früher Residenz, heute Museum

Lodz lebte seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert von der Textilwirtschaft. Familien-Dynastien mit ihren Gründer-Patriarchen an der Spitze prägten damals die Stadt: Es waren Männer wie Izrael Poznansky, Karol Scheibler, Ludwik Geyer oder Henryk Grohman, die weitläufige Fabrikhallen und eng verschachtelte Arbeiterquartiere bauten und Lodz damit zum "Manchester des Ostens" machten. Sie selbst gönnten sich prachtvolle Villen und Paläste, die heute zu den wichtigsten Anlauf-Adressen für Besucher gehören.

Den prächtigsten Palast haben die Poznanskys an der Ogrodowa Straße hinterlassen. Die größte Familienresidenz Polens, der Poznanski Palast, beherbergt heute das Museum für Stadtgeschichte. Izrael Poznansky hat die Stilrichtungen vieler Epochen in seiner Pracht- und Protzvilla vereinigt, die direkt neben den früheren Arbeiterhäusern steht. Das Treppenhaus im Jugendstil wirkt trotz der repräsentativen Größe elegant und leicht. Der Speise- und Ballsaal ist in seinem Dekor hell und verspielt. Eine Seitenfront der Außenfassade erinnert an den Louvre in Paris. Das Haupthaus strahlt die verschnörkelte Wucht eines Barockschlosses aus. Die schlichten dorischen Säulen, die den Balkon über dem Haupteingang stützen, bilden den Kontrast dazu.



Ein ganz anderes Konzept verfolgte der Industrielle Ludwik Geyer, der Hospitäler baute, für seine Arbeiter eine Krankenversicherung einführte und für deren Kinder Schulen errichtete. Er hat die "Weiße Fabrik" hinterlassen, ein Kleinod polnischer Industriearchitektur. Schnörkellos funktional, aber doch majestätisch erstreckt sich die mehrstöckige Fassade entlang der Piotrkowska Straße. Im Innern stützen einzig und allein Stahlträger das Gebäude. Die Fabrik beheimatet das zentrale Textilmuseum mit Webstühlen aus dem 19. Jahrhundert, vor deren komplexer Mechanik man staunend stehen bleibt. Noch bis zum 30. Oktober lockt außerdem die "15. Triennale of Tapestry" in die Fabrik. 136 Künstler aus 46 Länder zeigen eindrucksvoll, welche fantastische Vielfalt Stoffe entfalten können.

Aber nicht nur die Triennale und das Textilmuseum schlagen einen Bogen von den Wurzeln der Stadt bis in ihre Zukunft. Es ist auch die Hochschule für bildende Künste mit dem Fach Modedesign, die die beste Modeschule Polens sein soll.

Lodz gilt zudem als "Hollywood des Ostens". Star-Regisseure wie Roman Polanski haben diesen Ruf begründet. Studios und eine Film- und Schauspiel-Schule mit 800 Studenten sorgen für den cineastische Flair der Stadt. Einmal im Jahr - beim Light Move Festival - tauchen die Filmschaffenden die Fassaden der Villen, Kirchen und Häuser in ein Meer aus Licht und Farben. Sie werden zu in Stein erstarrte Riesen-Leinwände, auf denen die Filmkünstler kleine Geschichten erzählen oder Farb- und Laser-Phantasien ablaufen lassen. 2016 findet das Festival vom 7. bis 9. Oktober statt. Freund Theo jedenfalls würde staunen, wenn es heute wieder heißen würde: "Theo, wir fahr'n nach Lodz ".

Zum Thema:

Auf einen Blick Mit der Bahn kommt man von Berlin am besten nach Lodz . Allgemeine Auskünfte über Reisen nach Polen erteilt das Polnisches Fremdenverkehrsamt in Berlin, Telefon (030) 21 00 92-0. red polen.travel