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Nordfrankreichs grünes Labyrinth

Touristen können die Sumpflandschaft des Audomarois im Norden Frankreichs auf kleinen Booten erkunden. Foto: Mattern
Touristen können die Sumpflandschaft des Audomarois im Norden Frankreichs auf kleinen Booten erkunden. Foto: Mattern FOTO: Mattern
Saint-Omer. Per Boot, Rad oder zu Fuß geht es für Touristen in die Sumpflandschaft des Audomarois. Das Mosaik aus Seen, Flüssen und Kanälen im Norden Frankreichs bildet eine bizarre Wasserwelt, die mehr an einen Dschungel als an einen Ort in Europa erinnert. unserer Mitarbeiterin Sabine Mattern

Die Route de Clairmarais wirkt wie eine ganz normale Straße in einer ganz normalen Stadt. Am Rand Häuser, dazu Verkehr, der sich unaufgeregt von Saint-Omer in den Nachbarort Clairmarais und zurück bewegt. Irgendwo mittendrin ein Schild: "Les Faiseurs de Bateaux", auf Deutsch "Die Bootsbauer ". Der Hinweis führt weg von der Straße und über ein Brücklein mitten hinein in die Sümpfe des Audomarois, die im nordfranzösischen Departement Pas-de-Calais ein 3700 Hektar großes Labyrinth aus Wasser und Land bilden - ein wirres Netz aus Flüssen und Kanälen.


Ein fast vergessenes Handwerk

Felder umgeben die Werkstatt von Bootsbauer Rémy Colin, die nur einen Steinwurf entfernt von besagter Straße am stillen Wasser eines Kanals steht. Ein einfacher Schuppen, in dem ein fast vergessenes Handwerk gepflegt wird. Denn außer dem 28-Jährigen versteht sich in der Region niemand mehr auf die Herstellung jener traditionellen Boote aus Eichenholz, die lange Zeit die einzige Möglichkeit waren, sich in der Wasserlandschaft zu bewegen. "Das Boot hat längst seinen Platz für den Traktor geräumt", erzählt der Franzose. "Das letzte für einen Bauern wurde 1995 gebaut." Damals ging auch Rémys Vorgänger in Rente, bei dem er dennoch Jahre später alles über die beiden klassischen Bootstypen lernen sollte. Über die zehn Meter langen Bacôves, die wie ein Lkw gewaltige Lasten schleppen können. "Auf ihnen hat man früher Kühe, Pferde und die Ernte transportiert", so Colin. Und über die kleineren Escutes, auf denen die Leute zum Einkaufen gefahren oder die Kinder zur Schule gebracht worden seien.



Der letzte Bootsbauer des Marais verkauft seine Produkte unter anderem an Abnehmer im Tourismus. Ein Wirtschaftszweig, der der Familie gleich doppelt nutzt. Denn die Colins weihen Besucher bei einer Werkstattführung gern in die Geheimnisse dieser alten Boote ein, von denen eines schon am Ufer des Kanals schaukelt, in Erwartung, die Ausflügler auf eine Tour in die verschlungene Welt der Sümpfe mitzunehmen.

Aber auch anderswo lässt sich das Audomarois vom Wasser aus erleben. Viele steigen im nahen Clairmarais bei der Gesellschaft Isnor in ein Bacôve und machen sich auf in eine Landschaft, die der Mensch über Jahrhunderte geformt und die Unesco 2013 als Biosphärenreservat unter Schutz gestellt hat. Das Boot steuert auf der gut einstündigen Tour von breiteren in engere Kanäle, wechselt von bewohnten in unbewohnte Gebiete und präsentiert seinen Fahrgästen immer neue Aussichten - auf hübsche Gärtchen und weniger hübsche Hinterhöfe, auf hochgelegene Ackerflächen mit brummenden Traktoren und auf die dschungelartige Wildheit des Audomarois, wenn sich die Reise dem Naturschutzgebiet "Le Romelaëre" nähert. Doch für Boote geht es hier nicht weiter. Nur zu Fuß lässt sich die verwunschene Natur des Reservats entdecken.

Einen guten Startpunkt für eine solche Unternehmung bietet das Informationszentrum La Grange Nature, nur ein paar Gehminuten vom Isnor-Anleger entfernt. Von hier hat man schon bald den Eingang des Romelaëre erreicht, hinter dem ein Holzsteg in das 104 Hektar große Gebiet führt - ein Puzzle aus Teichen, auf denen Seerosenblätter einen filigranen Teppich bilden, und Kanälen, über deren spiegelglatten Wasserflächen bunte Libellen tanzen. Dazwischen zerteiltes Land mit Torfwald, Büschen und reichlich Schilfrohr, das sich ruhelos zum Taktstock des Windes bewegt.

Zum Thema:

Auf einen Blick Die beste Zeit um die Sumpflandschaft des Audomarois zu erkunden ist von Frühling bis Herbst. Bootstouren gibt es in Saint-Omer bei Rémy Colin (www.lesfaiseursdebateaux.com ) oder in Clairmarais bei Isnor(www.isnor.fr ). sam tourisme- nordpasdecalais.fr