Melnik: Wein-Hochburg im Land des Bier-Weltmeisters Tschechien

Wo die Moldau in die Elbe mündet : Wein-Hochburg im Land des Bier-Weltmeisters

In der ruhigen Kleinstadt Melnik können Besucher viel über die turbulente Geschichte Tschechiens im 20. Jahrhundert erfahren.

Abseits des Trubels der Millionenstadt Prag thront hoch oben über dem Zusammenfluss von Elbe und Moldau das Schloss Melnik. In der Ferne kann man von hier aus die Vororte der tschechischen Hauptstadt erkennen. Wer den Kontrast sucht zur pulsierenden Metropole und seinen kaum versiegenden Touristenströmen, für den kann sich ein Tagestrip in das knapp 50 Kilometer entfernte und ziemlich ruhige Melnik mit seinen gerade einmal knapp 20 000 Einwohnern lohnen – vor allem, wenn er kein Bier mehr sehen kann und Lust auf ein Gläschen Wein hat.

Die Wenigsten wissen, dass es beim Bier-Weltmeister Tschechien auch nennenswerten Weinbau gibt. Vor allem im südöstlichen Mähren, aber eben auch im Herzen von Böhmen. Dort ist Melnik das größte Weinbaugebiet. Ein Teil davon ist in den Händen der Familie Lobkowicz, einem der ältesten böhmischen Adelsgeschlechter. Das derzeitige Familienoberhaupt ist Georg Johann von Lobkowicz, der Besitzer von Schloss Melnik. Er führt heute höchstpersönlich durch sein etwa 4000 Quadratmeter großes Anwesen. Hier können Besucher in einer Dauerausstellung mehr über die Geschichte der Adelsfamilie erfahren.

Was Lobkowicz über sein eigenes Leben und das seiner direkten Vorfahren erzählt, ist ein Spiegelbild der turbulenten tschechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nach dem deutschen Einmarsch 1939 verlor der Großvater seinen Besitz zunächst an die Nazis. Die Familie musste in Prag zur Untermiete wohnen. Nach der deutschen Niederlage und der Machtübernahme der Kommunisten verlor die Familie Lobkowicz 1948 erneut ihren Besitz und musste in die Schweiz emigrieren. Dort wurde das heutige Familienoberhaupt 1956 geboren. Er wurde erfolgreicher Bankier und arbeitete unter anderem in Zürich, London, Paris und New York. Dann schlug der Lauf der Geschichte erneut zu. Nach dem Niedergang des Kommunismus’ erhielten die einst enteigneten Gutsbesitzer ihr Land und ihre Anwesen zurück – so auch Familie Lobkowicz.

Nach der Wende kehrte Lobkowicz in das Land seiner Vorfahren zurück. Er beriet die neue tschechische Regierung, gründete zwei Parteien und rekonstruierte sein Schloss, das im Laufe des 16. Jahrhunderts von einer mittelalterlichen Burg zu einem Renaissanceschloss umgebaut worden war.

Gut 650 Jahre zuvor soll dort im 9. Jahrhundert den Überlieferungen zufolge die Heilige Ludmilla von Böhmen geboren worden sein. Sie soll auch die ersten Weinberge in der Region angepflanzt haben. Nicht umsonst ist die Großmutter des Heiligen Wenzel – des wichtigsten Landespatrons der Tschechen – in Melnik allgegenwärtig. Weine aus dem Hause Lobkowicz tragen ihren Namen. Die Kapelle im Schloss ist der Heiligen gewidmet, die die erste christliche böhmische Herrscherin war. Und das jährliche Weinfest in Melnik wird immer rund um den Namenstag von Ludmilla am 16. September gefeiert – in diesem Jahr vom 20. bis 22. September. Das Spektakel auf dem Friedensplatz in der kleinen Altstadt lockt Jahr für Jahr viele Touristen an.

Die kommen auch abseits des Festes zum Weintrinken nach Melnik. Etwa 20 000 bis 25 000 Weinverkostungen im Keller seines Schlosses verzeichnet Lobkowicz jedes Jahr. „Vom Weinbau kann man gut leben“, sagt er. Die Nachfrage in Tschechien sei gestiegen. Dafür werde inzwischen etwas weniger Bier getrunken – wenn auch pro Kopf immer noch weltweit am meisten.

Auch in Melnik kann man in den Restaurants rund um den Friedensplatz natürlich ein Bier zu den klassischen böhmischen Knödeln bestellen – das allerdings wäre in Böhmens Wein-Hochburg ein Stilbruch.

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