Matera in Italien wird 2019 Kulturhauptstadt.

Reisebericht: Matera in Italien : Wie ein Bergdorf zu Italiens ganzem Stolz wurde

Einst galt Matera als Schandfleck auf der Landkarte. Jetzt wurde der aus Bibelfilmen bekannte Ort zur Kulturhauptstadt ernannt.

Matera in der Region Basilicata zwischen Neapel und Bari wirkt wie ein unscheinbares Bergdorf. Mit den antiken Gemäuern und der urzeitlichen Landschaft sieht es hier so altertümlich aus, dass in dem italienischen Ort oft Bibelfilme gedreht werden. Jetzt wird Matera, das neben Aleppo in Syrien zu den ältesten Städten zählt, in den öffentlichen Fokus gerückt: 2019 ist sie zusammen mit dem bulgarischen Plowdiw Europäische Kulturhauptstadt.

In den 1950er Jahren ging Matera als „la vergogna d’Italia“, die Schande Italiens, in die Geschichte ein, denn in den Sassi, den zwei ältesten Stadtteilen, lebten damals noch rund 15 000 Menschen in unzumutbaren hygienischen Bedingungen. „Sasso“ heißt Stein auf Italienisch. Die Wohnungen in den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano waren Höhlensiedlungen, bewohnt seit der Spätantike. Menschen lebten dort zu Dutzenden, zusammen mit Tieren, auf einem Fleck. Licht war rar, die Luft schlecht, Krankheiten verbreiteten sich schnell.

Der italienische Schriftsteller und Arzt Carlo Levi machte in seinem Roman „Christus kam nur bis Eboli“ aus dem Jahr 1945 auf die schlimmen Zustände aufmerksam: „Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt“, schrieb er über die Sassi di Matera.

Im Laufe der Zeit wurden die Sassi schließlich geräumt, die Menschen umgesiedelt, das Viertel verfiel. In den 1980er Jahren fingen die Bewohner an, es zu restaurieren. Mit Erfolg: 1993 ernannte die Unesco die Siedlungen zum Weltkulturerbe. Aus der „vergogna“, Schande, wurde schließlich „orgoglio“, Stolz.

Die verwinkelten und treppenreichen Gassen, die durch die hügeligen Viertel führen, bieten Besucher eine herrliche Aussicht auf die weißen Felsen und die darin liegenden Höhlen, in denen nun wieder Menschen leben und arbeiten. Und auf die Murgia. Der rund 8000 Hektar große archäologische Park liegt gegenüber der Stadt, die am Rand einer Schlucht steht, durch die sich der Fluss Gravina schlängelt.

Schaut man hinüber zur Murgia, sieht man Menschen auf den Felsen wandern. Wie sie da am höchsten Punkt entlanglaufen, wirkt es, als gingen sie am Ende der Welt spazieren.

In den Sassi wiederum rechnet man jeden Moment damit, hinter einer Ecke eine biblische Szene zu erleben. Hier wurden neben Mel Gibsons „Die Passion Christi“ unter anderem auch „Das Erste Evangelium – ­Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini oder „König David“ mit Richard Gere gedreht. Statt Jesus treffen Besucher hier heute auf Cafés, Eisdielen und Restaurants.

Der Titel als Kulturhauptstadt beschert der Stadt einen Aufschwung, viele junge Italiener kommen in den Heimatort zurück – andere waren nie weg. So wie Francesco Ambrosecchia, 34, und Raffaele Giannella, 25. Die Cousins betreiben die Weinbar „Nocelleria“ in den Sassi, und zwar in jenem Gemäuer, in dem noch Ambrosecchias Großvater wohnte, dessen Foto über dem Tresen hängt. Als sein Vater zwei Jahre alt war, wurde die Familie umgesiedelt. „Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen“, erklärt Ambrosecchia.

Das Bemerkenswerte an Matera ist nicht nur, wie schön es ist, sondern vor allem wie gut man diese Schönheit genießen kann. Touristennepp wie Selfie-Sticks oder Spiel-Figuren gibt es zwar auch hier zu kaufen, aber in überschaubarem Maß. Und auch wenn die Zahl der Besucher von jährlich 200 000 im Jahr 2010 auf 450 000 im Jahr 2017 gestiegen ist, schiebt man sich nicht in Massen durch die kleinen Straßen. Meistens hat man sie für sich alleine. Aber wird das auch so bleiben, wenn Matera zur Kulturhauptstadt wird?

Paolo Verri, Chef der Stiftung, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr verantwortet, hat sich in Städten wie Amsterdam oder Barcelona umgehört, um zu vermeiden, was dort zum Problem wurde: zu viele Besucher. Die Einheimischen dürften dadurch nicht verdrängt werden, sagt er.

Die meisten Bewohner scheinen sich darüber weniger Gedanken zu machen und sich auf 2019 zu freuen. Die Stadt brauche sprichwörtlich „un piccolo trampolino“, ein kleines Trampolin, sagt Linda Perrone, die Touristen durch die steilen Sassi führt. Für ihre Tour braucht man festes Schuhwerk, was manche Italienerinnen aber nicht davon abhält, es in Stöckelschuhen zu versuchen. Perrone zeigt viele Kirchen, die Stelle, an der Mel Gibson die Kreuzigung Jesu gedreht hat, und schließlich eine Höhle, die eingerichtet ist wie früher.

In der Casa Grotta, die bis 1958 bewohnt war, stehen Möbel aus dunklem Holz. Eine Spiegelkommode zieren Leinendecken und Heiligenfiguren, neben dem Bett hängt eine Babykrippe. Auf den ersten Blick wirkt das Zimmer zwar hübsch. Bis man weiter hinabsteigt und sich vorstellt, dass auf der zweiten Ebene früher die Tiere lebten, ohne Licht und mit wenig Luft. Ein altes Foto, das in der Grotte hängt, zeigt neun Menschen und einen Hund, zusammengepfercht in einem kleinen Raum.

Museen wie der Palazzo Lanfranchi geben ebenfalls Einblick in das Leben damals. Überhaupt gibt es in der Stadt viele außergewöhnliche Museen, eines widmet sich etwa gänzlich dem Thema Olivenöl. Denn natürlich dreht sich das Leben in Matera, wie überall in Italien, auch ums Essen. Und so kommt es auch, dass man am Ende hinter einer Ecke schließlich doch noch Jesus begegnet: Sein Bild hängt gerahmt bei einem örtlichen Metzger über der Fleischtheke.

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