In Nordjütland können Urlauber den Charme der dänischen Nordsee erleben

Nordjütland in Dänemark : Warum ein Leuchtturm auf Reisen geht

Die Jammerbucht im dänischen Nordjütland lockt mit riesigen weißen Stränden, hohen Dünen und charmanten Badeorten.

Er thronte auf einer Klippe rund 60 Meter über dem Meer. Er ist 23 Meter hoch und von seiner Plattform genießt man einen herrlichen Rundumblick auf die dänische Nordsee, die spektakuläre Küste und die Sanddünen in Nordjütland. Der Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr in der dänischen Gemeinde Hjørring im Nordwesten des Landes ist seit vielen Jahren eine Touristenattraktion, rund 250 000 Besucher kommen jährlich, wandern von einem Parkplatz gut einen Kilometer bis zu dem imposanten Turm hoch über dem Meer. Doch das Wahrzeichen Nordjütlands an der Jammerbucht unweit des Badeortes Lokken drohte, ins Meer zu stürzen und deshalb musste das etwa 700 Tonnen schwere Gebäude jetzt um 70 Meter landeinwärts versetzt werden.

Im Sommer dieses Jahres konnten wir den Leuchtturm besichtigen und Jakob Kofoed, unser Naturguide von Visit-Nordjylland, erzählte uns die Geschichte von Rubjerg Knude Fyr und von dem bevorstehenden „Umzug“, für den es noch kein Datum gab. „Der Turm war im Jahre 1899 gebaut und im Dezember 1900 in Betrieb genommen worden“, so Kofoed. Damals seien die Dünen an dieser Stelle noch niedrig gewesen, doch besonders zwischen 1910 und 1920 sei es zu starken Sandverwehungen gekommen. Es seien Pflanzen gesetzt worden, „doch der Vormarsch des Sandes war nicht zu stoppen, er wanderte immer näher an das Gebäude heran“. In den 50er-Jahren habe man die Sandmengen, die zu dicht an den Turm herangekommen waren, ausgehoben, doch alle Maßnahmen hätten nichts gebracht. Die Dünen standen schließlich so hoch, dass sie das Licht des Leuchtturms blockierten. Im August 1968 wurde das Licht schließlich abgeschaltet.

Während der 1970er-Jahre stand der Turm leer, dann wandelte man ihn und zwei kleine Nebengebäude in ein Museum um. Ironie des Schickals: Das dort untergebrachte Museum für Sandtreiben, das die Geschichte des Leuchtturms, des Steilhangs Rubjerg Knude und den Kampf der Menschen gegen die Naturgewalten vermitteln sollte, musste schließlich auch weichen, weil die mächtigen Dünen die Gebäude zu verschlingen drohten. „2002 zog das Museum um“, berichtet unser Guide Jakob, jetzt ist es auf dem Hof des Strandaufsehers von Rubjerg, dem Strandfogedgården, zwei Kilometer südwestlich des Turms untergebracht. Von den beiden Nebengebäuden sind heute nur noch Fundamentreste übrig geblieben.

Früher war es der viele Sand, später das Meer selbst, das den Leuchtturm bedrohte. Die Düne, die rund 20 Meter geschrumpft war, so berichtet unser Naturguide, „wandert jedes Jahr ein paar Meter Richtung Inland.“ Inzwischen haben der Wind und das Wasser die Klippe so weit abgetragen, dass der Turm zuletzt nur noch sechs Meter von der Kante entfernt stand. Am Dienstag dieser Woche musste Rubjeg Knude Fyr umziehen, innerhalb von sieben Stunden wurde der Turm auf Schienen aufrecht und im Ganzen landeinwärts gerollt. Rund 700 000 Euro soll der in Dänemark und darüber hinaus viel beachtete Umzug gekostet haben. Das 120 Jahre alte Wahrzeichen bleibt der Region also erhalten – und die Geschichte des Leuchtturms ist um eine spektakuläre Episode reicher.

Erst 2016 war dem Turm im Innern neues Leben eingehaucht worden. Das Ergebnis, das wir in diesem Sommer besichtigen konnten, ist beeindruckend: Über eine Treppe aus Stahl steigen wir hoch auf die Plattform, genießen oben in luftiger Höhe einen atemberaubenden Rundumblick auf das Meer, den Strand, die Dünen und das Hinterland. Unter der Turmspitze wurde ein Spiegelprisma angebracht, das in ein dreieckiges Kaleidoskop, worum sich die Treppe schlängelt, Licht hinunterwirft – ein faszinierendes Bild. Auch der Weg zum Turm, von einem Parkplatz an der Landstraße aus, ist ein Erlebnis. In den weitläufigen Sanddünen angekommen, wähnt man sich in Marokko oder ähnlichen Landstrichen, aber nicht im Norden Dänemarks. Wer den Leuchtturm besichtigen möchte, sollte dies in entsprechender Kleidung und mit Gesichtsschutz gegen den ständig vom Wind aufgewirbelten Sand in Angriff nehmen. Ab dem 16. November soll Rubjerg Knude Fyr nach Verankerung des Fundaments und einem neuen Anstrich wieder für Gäste zugänglich sein.

Nordjütland hat neben dem historischen Leuchtfeuer noch viel mehr zu bieten. An der dänischen Nordseeküste erstreckt sich die Jammerbucht, ein offenes Gewässer, rund 100 Kilometer lang, vom Vogelfelsen Bulbjerg im Süden bis nach Hirtshals, der Fährstation nach Norwegen. In der Jammerbucht finden Reisende 13 Strände mit feinem weißen Sand mit einer Gesamtlänge von 55 Kilometer, manche sind so lang und breit, dass sie mit dem Auto befahren werden dürfen. Die von hohen Dünen gesäumten Strände laden zu vielfältigen Aktivitäten ein: Es gibt diverse Wandertouren, Interessierte können Rad fahren, auf Islandpferden reiten, Drachenfliegen, Joggen, Spazieren oder Sonnenbaden. Übers Jahr verteilt gibt es Aktivitäten wie Konzerte, sportliche Wettbewerbe, geführte Touren, Sand- und Holzskulpturen-Festivals und einiges mehr.

Sehr abwechslungsreich ist die Landschaft rund um die Gemeinde Slettestrand. Das ist ein – zumindest in kleinen Teilen – noch funktionierendes Fischerdorf. Am breiten, autofreien Strand können Besucher vier Schiffe (wenn sie nicht gerade auf See sind) nebst einem Seilwinde-System besichtigen. Slettestrand war im 19. Jahrhundert Teil des „Skudehandels“ zwischen Norwegens und Dänemarks Westküsten. Von Dänemark nach Norwegen wurden Getreide und Lebensmittel verschifft, von Norwegen kamen Holz und Metall. Die dafür verwendeten Schiffe eigneten sich besonders zum Anlegen an Sandstränden.

Das waldreiche Gebiet um Slettestrand lädt besonders zu Wanderungen und Radtouren ein. Im Tal Fosdalen wurde ein elf Kilometer langer, reizvoller Wanderweg geschaffen, der überwiegend auf Naturpfaden durch eine hügelige Landschaft führt. Die Tour wurde vom Deutschen Wanderinstitut als Premium Wanderroute ausgeizeichnet und mit 79 Punkten sehr gut bewertet. Wer Radtouren unternehmen möchte, kann sich zum Beispiel auf dem Nordseeradweg austoben.

Lohnenswert sind auch Besuche in der Kleinstadt Lokken und im Badeort Blokhus, zwei charmante Gemeinden, die direkt am Meer in der Jammerbucht liegen und vielfältige Möglichkeiten bieten. In der Umgebung von Lokken können Interessiete direkt am breiten Strand alte Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg besichtigen. Das größte Erlebnis hier aber ist das Zusammenspiel aus blauem Meer, weißem Sand, hohen Dünen, reizvollem Licht und guter Luft.

Am Dienstag dieser Woche wurde der Leuchtturm auf Rädern und Schienen 70 Meter von der Küste weggezogen. Foto: dpa/Henning Bagger
Die bunten Fischerboote und die große, alte Seilwinde am Slettestrand in der Jammerbucht sind nach wie vor in Betrieb. Foto: Thomas Reinhardt

Übrigens: Wenn früher Stürme auf dem Meer tobten, suchten die Schiffe Schutz in der Jammerbucht. Die Bewohner schickten Pferde mit Leuchten unter den Bäuchen an den Strand, um die Besatzung der Schiffe näher zu locken. Wenn diese auf Grund liefen, wurden sie überfallen und geplündert. Das erweckte bei den Seeleuten großen Jammer – und daher kommt der historische Name der Bucht.

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