In Katowice erlebten Polens Bergleute Wohnkomfort

Reise nach Katowice : Wo Polens Bergleute Wohnkomfort erlebten

Die Zechensiedlung Nikiszowiec bei Katowice birgt als eines der ersten Arbeiter-Wohnprojekte Europas Bergbau-Geschichte zum Anfassen.

Das erste, was ins Auge sticht, sind die roten Fenster. Noch roter als der Backstein, der die gesamte Bergarbeitersiedlung Nikiszowiec bei Katowice (Kattowitz) prägt, sind die Fensterumrandungen quasi ein Wahrzeichen der Bergarbeitersiedlung. Rostrot sind die Ziegel gestrichen, die hier jedes Fenster einfassen. Das ist kein Zufall, denn die Bergleute haben ursprünglich die Rostschutzfarbe verwendet, die auch in der Zeche zum Einsatz kam.

Nikiszowiec, seit 2011 unter Denkmalschutz gestellt, ist eine der interessanteren Sehenswürdigkeiten in der Bergbauregion um Katowice. Denn die Siedlung ist Anfang des 20. Jahrhunderts als soziales Wohnprojekt der Zechenbetreiber der ­Gies­chegrube gebaut worden.

Deren Betreiber, die Bergbaugesellschaft Georg von Giesches Erben, wollte die Arbeiter näher an der außerhalb der Stadt gelegenen Zeche ansiedeln. Denn die Bergleute mussten zuvor zu Fuß in den knapp zehn Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Vorort Janów laufen. „Bei Schnee und Eis und häufig hohen Minusgraden im Winter kein Spaß“, sagt Krystian Gryglaszewski von der Stadtverwaltung in Katowice.

Die Bergbausiedlung gilt als eine der bemerkenswertesten Arbeitersiedlungen in Europa. Die Berliner Architekten Georg und Emil Zillmann haben sie in zwei Bauphasen zwischen 1908 und 1915 sowie 1920 und 1924 gebaut. Dabei ist Nikiszowiec ein Vorbild sozialen Wohnungsbaus. Die Siedlung, die aus neun bis zu dreistöckigen Wohnblöcken mit jeweils eigenem Innenhof besteht, integrierte alle Bereiche des täglichen Lebens. Von der Schule über ein zentrales Heizkraftwerk, ein Waschhaus und zahlreiche Läden war in der Siedlung alles vorhanden, was die Bergarbeiter benötigten. Und auch für die spirituellen Bedürfnisse war gesorgt. Ab 2014 nahmen die Architekten den Bau der neobarocken Kirche Sankt Anna in Angriff, deren Bau zwar 1922 wegen Geldmangels unterbrochen wurde, nach einer Geldspritze des schlesischen Parlaments aber 1927 fertiggestellt wurde.

Wer heute nach Nikiszowiec kommt, kann bei einem Spaziergang durch die historische Siedlung der Vergangenheit gut nachspüren. Nicht nur auf dem Marktplatz neben der Sankt-Anna-Kirche, an dem sich auch heute noch zahlreiche Läden und Cafes befinden, sondern auch im historischen Waschhaus, das heute als Museum dient. Beeindruckend auch eine Gedenkwand neben der Kirche, die den Bergbauopfern der nahegelegenen Grube einzelne Gedenktafeln widmet. Wie viel sicherer der Bergbau in den letzten Jahren des mittlerweile stillgelegten Abbaus wurde, zeigt die stark abnehmende Zahl der Tafeln in der jüngeren Zeit.

Auch heute seien die Wohnungen in der Arbeitersiedlung sehr begehrt, sagt Gryglaszewski. Bis 1990 waren in den 45 bis 60 Quadratmeter großen Quartieren nur Bergleute zugelassen, Anfang der 90er Jahre wurden die Wohnungen dann privatisiert. Heute sind sie weitgehend in genossenschaftlichem Besitz.

Nikiszowiec zeigt ebenso wie die nahegelegene Bergbausiedlung Giszowiec, wie attraktiv früher die Arbeit unter Tage sein konnte. Neben Heizdeputaten gab es für die Bergleute zahlreiche Sozialleistungen bis hin zum Urlaub am Meer.

Auch die sehenswerte Siedlung Giszowiec wurde als Ansiedlungsprojekt vollkommen neu in der Nachbarschaft der Zeche geplant. Dort verfolgten die Betreiber allerdings ein anderes Konzept. Statt einer Großsiedlung gab es 400 Ein- bis Zwei-Familien-Häuser, jeweils mit kleinem Garten, von denen heute noch zahlreiche erhalten sind. Mit dem benachbarten Park ist hier für die Bergarbeiter quasi eine Siedlung im Wald entstanden. Doch auch die Arbeiter in Nikiszowiec mussten nicht auf Grün verzichten. In der Nachbarschaft der Siedlung besaßen viele Bergarbeiter einen Schrebergarten.

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