Im französischen Dorf Essoyes verbrachte der Maler Renoir viele Sommer

Auf Renoirs Spuren : Malerische Sommerfrische in Essoyes

Auguste Renoir genoss viele Ferien in dem verträumten Champagne-Dorf. Heute erinnert dort ein Museum an den Künstler.

Es war das Jahr 1885 und Pierre-Auguste Renoir schon Mitte vierzig, als er zum ersten Mal vom großen Paris ins kleine Essoyes reiste. Das Dorf in der Champagne war die Heimat seiner Geliebten, Aline Victorine Charigot, der späteren Madame Renoir, und wurde zu einem Lieblingsplatz des französischen Malers, dessen Werke heute in den bedeutendsten Museen dieser Welt hängen. Das Dorfleben, die Menschen und die Schönheit der Landschaft boten Inspiration für sein künstlerisches Schaffen und zogen ihn mitsamt seiner wachsenden Familie Jahr für Jahr nach Essoyes, fast 30 Sommer lang.

Dieser Flecken im Nordosten Frankreichs, an der Grenze zum Burgund gelegen, scheint sich selbst genug. Es ist still. Und es ist friedvoll. Nur wenige Dörfer, alle von bescheidenem Ausmaß, teilen sich die hügelige Landschaft. Wir fahren über einsame Straßen, begleitet von Wald und dem gelb-grünen Wechselspiel der Felder, auf denen Getreide und Trauben an verschwenderisch belaubten Rebstöcken gedeihen. Inmitten dieser ländlichen Idylle träumt Essoyes vor sich hin. Von der Welt irgendwie vergessen und vom großen Touristenansturm glücklicherweise verschont.

Trotzdem finden natürlich Urlauber den Weg in den 750-Seelen-Ort. Daran ist der vor genau hundert Jahren verstorbene Renoir nicht gerade unschuldig, schließlich gilt er als Aushängeschild Essoyes’. Ein 1200 Meter langer Rundkurs folgt den Spuren des berühmten Impressionisten und vermittelt zugleich einen Eindruck dieses entzückenden Dorfs.

Anfang und Ende des „Parcours Renoir“ ist die Place de la Mairie, an der mit Rathaus, Touristinformation und einigen Restaurants am Ufer des Flusses Ource das touristische Herz Essoyes’ schlägt. Auch die „Espace des Renoir“, ein Museum zu Ehren seines prominentesten Einwohners, liegt an diesem Platz. Untergebracht ist es in einem modernen Glasanbau, der die Lücke zwischen zwei identischen Steinbauten schließt – den ehemaligen Stallungen des nahe gelegenen Château Hériot, in denen einmal die Pferde, Kutschen und Autos einer reichen Unternehmerfamilie standen.

Fotos, Gemäldekopien und ein nett gemachter Film illustrieren in der Dauerausstellung die vielen Informationen rund um die Familie Auguste Renoirs. Über Aline, der es gelungen war, den damals noch eher schlecht verdienenden Maler aus der teuren Hauptstadt in die Provinz zu lotsen, wo das Leben und auch die Modelle weitaus erschwinglicher waren. Über die gemeinsamen Söhne Pierre, den Schauspieler, Jean, den Regisseur, und Claude, genannt Coco, den Bildhauer und Keramiker. Und natürlich über Jeans Kinderfrau Gabrielle Renard, ein zauberhaftes Mädchen aus ­Essoyes, das Renoirs bevorzugtes Modell werden sollte.

Gut ausstaffiert mit Hintergrundwissen, können die Besucher nun dem Themenweg durchs Dorf folgen. Es geht vorbei an braunen Steingebäuden, unter die sich hin und wieder ein Fachwerkhaus schmuggelt.

Vom Museum geht es zunächst über einen blumengeschmückten Fußgängersteg, der die beiden Ufer der Ource miteinander verbindet. Das Flüsschen darunter lenkt seine seichten Wasser über Steine und Gräser, die wie Haare in der Strömung treiben, einer Steinbrücke entgegen. Eine malerische Szenerie, über der eine göttliche Ruhe liegt. Beinahe jedenfalls. Essoyes’ Einwohner, meist Weinbauern, sind bei der Arbeit auf den Feldern. Nur eine Handvoll Leute sitzt beim Kaffee auf der Uferterrasse eines Lokals und beobachtet das aufgeregte Treiben in der Ource. „Das ist der Hund vom Bäcker“, lacht Coralie, eine Mitarbeiterin des „Centre Culturel Renoir“, über das allseits bekannte braune Ungetüm, das durchs Wasser wütet und geschickt Fische fängt.

Wir überlassen den kulinarisch ambitionierten Vierbeiner seiner Lieblingsbeschäftigung und schlendern hinauf zur Kirche, von wo der „Parcours Renoir“ auf die Rue Carnot zusteuert. An der Ecke dieser Straße stand einmal auf einem Winzlingsgrundstück das Elternhaus von Mademoiselle Renard. Heute ist der Platz leer. Dafür ziert eine Reproduktion des Gemäldes „Gabrielle et Jean“ den gesamten Giebel des Nachbarhauses und zeigt das vertraute Miteinander des Kindermädchens und seines Zöglings in XXL.

Nur ein paar Schritte weiter, der Ort ist fast schon zu Ende, und man steht vor dem ehemaligen Heim der Renoirs. Hinter einem Empfangsgebäude windet sich ein Weg zwischen Obstgehölzen und Blumen durch den Garten. Sein erstes Ziel, Renoirs Atelier, heben wir uns für später auf und folgen dem Pfad weiter bis zum Wohnhaus, das fast gänzlich hinter Bäumen verschwindet. Es ist ein altes Bauernhaus, das die Familie 1896 für 4000 Francs kaufte. „Das war der Preis für ein Bild“, weiß Coralie. Für „Mädchen am Klavier“ nämlich, ein Ölgemälde, das heute im Pariser Musée d’Orsay zu sehen ist. Aber damit nicht genug. Für die Renovierung wurden weitere 4000 Francs fällig.

Auch wenn die Möblierung heute größtenteils nicht mehr original ist, erlaubt das hübsche, gelb verputzte Haus mit dem Turm dennoch einen sehr intimen Blick in das Leben von Auguste, Aline und den Kindern. Der Tisch in der Küche ist voller Farbflecken, und im Wohnzimmer, wo der Maler in den ersten zehn Jahren seiner Arbeit nachging, steht zwischen Sofa und Klavier die Staffelei. Davor ein leerer Stuhl. Auch Pinsel und Farbpalette liegen bereit. Ganz so, als wäre Renoir nur für einen Moment hinausgegangen.

Auf dem Rückweg zum Ausgang passiert man im hinteren Teil des Gartens noch einmal das charmante kleine Atelierhaus, das 1906 gebaut wurde, um „die Kinder nicht zu stören, wenn sie spielen“. In seinem Erdgeschoss lagerten früher die Künstlerutensilien, heute steht dort Renoirs Rollstuhl – als Symbol der Leidenschaft und Hingabe des von schwerer Arthritis gezeichneten Malers. Denn trotz seiner deformierten Hände entstanden im lichtdurchfluteten Stockwerk darüber, zu dem eine von dornigen Rosenranken beschattete Treppe führt, noch viele einzigartige Gemälde und Skulpturen.

In Essoyes bleibt jetzt nur noch eine Stätte, an der man dem Maler Renoir ganz nahe kommt: Ein kurzes Wegstück entfernt liegt der Friedhof, wo die Geschichte der Familie hinter hohen Mauern endet. Alles ist grau: die Kieswege zwischen den Gräbern, die Gräber selbst, bedeckt von dicken Steinplatten, an denen die Patina des Alters klebt. Ein Ort wie eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Nur die Kronen der Bäume, die hinter der Friedhofsmauer wie Zaungäste verharren, bringen etwas Farbe in das blutleere Bild. Und mitten in dieser Steinwüste stehen die beiden Gräber. Das von Aline, das ihrer Mutter und Cocos. Und das von Auguste, in dem der 1919 an der Côte d’Azur verstorbene Maler neben seinen beiden älteren Söhnen die ewige Ruhe gefunden hat. Gekrönt von seiner Büste, deren dunkle Umrisse sich scharf vor dem hellen Himmelsblau abzeichnen.

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