| 11:57 Uhr

Reise
Stürmische Zeiten am Golf von Biskaya

Am Dünenstrand von Liencres, vor den Toren der kantabrischen Hauptstadt Santander, wütet ein Sturm. Immer mehr Besucher zieht es an die spanische Nordküste, um solche Naturspektakel zu beobachten – entweder aus nächster Nähe oder aus sicherer Distanz.
Am Dünenstrand von Liencres, vor den Toren der kantabrischen Hauptstadt Santander, wütet ein Sturm. Immer mehr Besucher zieht es an die spanische Nordküste, um solche Naturspektakel zu beobachten – entweder aus nächster Nähe oder aus sicherer Distanz. FOTO: Helge Sobik
Suances . Entlang der Nordküste der iberischen Halbinsel erfreuen sich Besucher an der Naturgewalt der Wellen, die mit Wucht auf Land prallen. Von Helge Sobik

Die Wellenreiter mussten für heute abbrechen, ihre Bretter wieder verladen und sind fürs Erste nach Hause gefahren. Am Mittag noch ließen sie sich hier auf den Kämmen gewaltiger Brecher Richtung Strand tragen, jetzt ist es selbst ihnen zu stürmisch dafür geworden. Der Wind schiebt die Wellen weit auf den Strand bei ­Liencres, drückt sie gegen die Klippen nahe der Playa de los Locos bei Suances, lässt die aufgetürmten Wasserberge an der Kaimauer von Ribadesella mit Donnertosen in Abermillionen Tropfen zerstieben. Was für ein Spektakel!


Ein paar Schaulustige stehen nicht weit von der Abbruchkante der Felsen im Freien und breiten die Arme aus, als wollten sie fliegen. Viel fehlt nicht mehr, und es könnte ihnen gelingen. Andere schauen lieber von drinnen, aus Café, Restaurant oder dem eigenen Hotelzimmer ins Freie.

Herbstliches „Stormwatching“, Sturmbeobachten, nennt sich das, was sie hier an der kantabrischen und asturischen Biskaya-Küste machen. Die Spanier selbst nennen es „Observación de tormentas“, und mittlerweile finden immer mehr Besucher Gefallen daran, den Stürmen zuzuschauen. Entweder aus nächster Nähe oder aus sicherer Distanz.



Die Stürme aus der Zeit von Oktober bis Februar haben es geschafft, zur Sehenswürdigkeit zu werden. Von Jahr zu Jahr kommen ausgerechnet dann immer mehr Fremde, wenn das Wetter entlang der wilden und touristisch noch recht unerschlossenen Nordküste der iberischen Halbinsel auf den ersten Blick am schlechtesten ist.

Sie fühlen sich magisch angezogen von jenen Naturgewalten, von den Stürmen, die über den Atlantik Anlauf nehmen und mit ungewohnter Wucht auf die Küste prallen. Die Schaulustigen nisten sich in kleine Hotels oben auf den Klippen, ganz vorne an den Strandpromenaden der Küstenorte ein, um vom privaten Logenplatz aus das Tosen des Meeres zu erleben.

Mit ungeheurer Kraft drückt der Wind an diesem Nachmittag wieder gegen die Häuser auf den Klippen, presst gegen die Fensterscheiben und heult gewaltig, während drinnen in den Hotels mit Meerblick bald darauf gebratene Seezunge mit Mandelkruste aufgefahren wird, Kellner gegrillten Tunfisch bringen oder Schalentierplatten jonglieren. Seeschwalben reiten draußen derweil den Wind aus. Den Vögeln scheint das zu gefallen.

Ob Enrique Luzuriaga einen Lieblingsplatz fürs Stormwatching hat? Der pensionierte Leuchtturmwärter von Santander muss es schließlich wissen: „Ich setze mich auf die Dünen von Liencres, nicht weit von Santander, und stemme meinen Oberkörper gegen den Wind, um die Stürme aus nächster Nähe und gleichwohl in sicherem Abstand zu fühlen.“

Der Wind rupft derweil an den Halmen, als wolle er allen Strandhafer auf einmal umpflanzen. Er faucht durch das Pinienwäldchen, das die Dünen festhält. Wenn Enrique Luzuriaga sich den Kopf hat durchpusten lassen, setzt er sich in sein Auto und fährt wieder zurück nach Santander, zum Parkplatz vor seinem inzwischen automatisierten Leuchtturm, um dort nochmal dem Heulen des Windes zu lauschen.