Galway ist die Kulturhauptstadt 2020 und einen Besuch wert

Irland : Musik und Meer am Ende Europas

Galway ist Kulturhauptstadt 2020. Der lebendige Ort an der Westküste Irlands feiert auch bei schlechtem Wetter seine Traditionen.

Auch im Sommer sagt die Wetter-App tagelang Regen voraus, aber es ist nicht so, dass das die Iren stören würde. Sommer ist hier, wenn der Kalender es sagt. Die Männer tragen bei 16 Grad und Platzregen kurze Hosen, die Frauen Sandalen, nur Hunde sieht man mit Regencape. Und sobald es aufklart, kommen auch die letzten Leute nach draußen: Willkommen in Galway.

80 000 Menschen leben in der kleinen Universitätsstadt im Westen Irlands. Sie ist rund zwei Zugstunden von der Hauptstadt Dublin im Osten entfernt und wird nächstes Jahr neben dem kroatischen Rijeka europäische Kulturhauptstadt. Der Titel wird jährlich von der Europäischen Union vergeben.

Das Leben in Galway spielt sich am Wasser ab. Durch die Stadt rauscht der Fluss Corrib, der an der Küste in den Atlantik mündet. Es riecht nach Salz, Fisch und Regen. Die bunten Häuser am Meer unterhalb vom Zentrum gehören zum Stadtteil Claddagh, wo einst Fischer wohnten. Die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer erzählen von einer bewegten Vergangenheit: Am Spanish Arch, dem noch erhaltenen Torbogen, wird auf einem Gedenkstein behauptet, dass Seefahrer Christoph Kolumbus in Galway das letzte Mal an Land war, bevor er Amerika entdeckte.

Zwischen den Dächern der bunt angestrichenen Häuschen in der Innenstadt flattern kleine Wimpel in allen Farben, Pubs reihen sich an Musikkneipen und Instrumentengeschäfte. Auf einer Bank sitzt eine Bronzefigur des berühmten irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900).

Galway gilt als Hochburg traditioneller irischer Musik. An jeder Ecke stehen Straßenmusiker. Die Stadt hat nicht nur einen berühmten Musikpub, sondern viele. Zum Beispiel die Crane Bar im Westend, die es schon seit 1894 gibt. Mick Crehan, der die Bar zusammen mit seiner Frau betreibt, hat eine Flöte zwischen den Fingern und eine silberne Kastenbrille auf der Nase. „Heute spielen mehr junge Leute traditionelle irische Musik als je zuvor“, sagt Crehan, der seit 2001 jeden Sommer das Musikfestival „The Galway Sessions“ organisiert und eine Schule für traditionelle Musik gegründet hat. Aber was macht diese Musik aus?

„Das Alte ist ein wichtiger Teil“, sagt er. Die Geschichte mancher Lieder reiche Jahrhunderte zurück, was aber nicht alle, die sie spielten, auch wüssten. Wichtig sei auch der Austausch zwischen den Generationen. Crehan ist 59 und hat schon als Kind angefangen, Musik zu machen. Sie gehört zum Alltag der Familie. Dass Galway Kulturhauptstadt wird, hat Crehan unterstützt. „Wir sind stolz auf das, was wir tun, und wir wollen es zeigen.“ Motto seines Festivals sei nächstes Jahr dann auch Europa. Dann gehe es etwa darum, wo irische Musik überall Wurzeln geschlagen hat.

Auf dem Tresen stehen Pints, darüber hängt Werbung für das dunkle, süffige Guinness-Bier. Die Gespräche drehen sich um Fußball. Wer in der Regionalliga gegen wen spielt. Oder um das WM-Viertelfinale. Das von 1990. Weiter sind die Iren bei einer Meisterschaft nie gekommen. In anderen Kneipen tragen die „Reserviert“-Schilder auf den Tischen nicht die Namen derer, die reserviert haben, sondern der Fußballvereine, auf die angestoßen werden soll. Egal, wo man einkehrt, die Menschen sind laut und fröhlich. Kellner fragen oft, ob es einem auch gut gehe. In der Innenstadt hängt ein Banner, Galway sei die freundlichste Stadt der Welt.

Und was isst man in dieser geselligen Küstenstadt? Die klassischen Fish and Chips – frittierter Fisch und Pommes frites – gibt es, aber die Stadt kann mehr als Fast Food. Einige Restaurants tragen Michelin-Sterne, erzählt Stadtführerin Orla Egreder bei einer Food Tour.

Auf sechs Stationen werden eher große als kleine Häppchen gereicht – vom Windbeutel-Donut über luftgetrocknete Lammsalami, dunkle Schokolade und Sushi bis zum schwarzen Tee und Gebäck. Noch interessanter als das Essen sind die Geschichten, die Egreder erzählt. In Griffins Bakery etwa: Dort liegt auf der Theke ein überdimensionaler Brotlaib, weil Bäcker Jimmy Griffin beim Tauchen von einem Aal in die Backe gebissen wurde. Um das Trauma zu überwinden, habe er angefangen diese Brote zu backen, sie haben die Form und Größe des Aales.

Egreder hält Galway für die richtige Wahl als europäische Kulturhauptstadt. Fast jeder hier habe eine Verbindung zu Kunst, Musik oder Literatur, die vielen Kulturfestivals jedes Jahr sprächen dafür. Die Stadt sei offen, kenne keine Berührungsängste. „Die Leute sind viele Besucher gewöhnt.“ Und ist das Kulturhauptstadt-Jahr in Zeiten des Brexits nicht auch ein Zeichen pro Europa? Egreder sagt, sie habe schon öfter erlebt, dass Leute denken, auch Irland werde die Europäische Union verlassen. Galway werde der Welt 2020 zeigen: „Wir sind und bleiben Teil Europas.“

(dpa)
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