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Einfach mal blau machen

Bei der Aquafari-Tour sieht man zwar aus wie ein Minion auf Tauchgang, aber es gibt viel zu entdecken: Versunkene Schätze, Schiffswracks und bunte Fische. Foto: Aquafari
Bei der Aquafari-Tour sieht man zwar aus wie ein Minion auf Tauchgang, aber es gibt viel zu entdecken: Versunkene Schätze, Schiffswracks und bunte Fische. Foto: Aquafari FOTO: Aquafari
Frühmorgens um halb sieben besteigt eine Handvoll mutiger Landratten die "Miss Ann". Als Wegzehrung gibt es einen Pappbecher mit lauwarmem Tee und einen ungesalzenen Cracker auf die Hand. "Hilft gegen die Seekrankheit", sagt Schiffsköchin Solange. Als das Boot das offene Meer erreicht, beginnt das große Schaukeln. Keine Sorge, beruhigt Käpt'n Pieter van der Vlies: "Die Rückfahrt wird ruhiger, dann fahren wir mit der Strömung." Also Augen auf den Horizont richten und durch. Gischt erfrischt das Gesicht, fliegende Fische zwitschern vorbei. Landratten? Nein, oben auf der Reling fühlt man sich wie ein echter Pirat, Eroberer, ach, zumindest Rumschmuggler. "Mit ein bisschen Glück könnt ihr auch Delfine sehen." Pieter kennt keine Seekrankheit, stammt aus einer alten niederländischen Seefahrerfamilie. Seit 30 Jahren lebt er auf der Antillen-Insel Curaçao, am Rande der Karibik, nur 65 Kilometer vor der Küste Venezuelas gelegen. Dreimal die Woche steuert er die "Miss Ann" nach Klein-Curaçao. Das kleine, unbewohnte Eiland ist sechs Seemeilen von der großen Schwester entfernt. Eva Lippold

Auf die eineinhalbstündige Schaukelfahrt folgt der Einsame-Insel-Traum. Langer weißer Sandstrand, kiloweise Korallen , Palmen. Pieter empfiehlt, direkt vom Boot ins Meer zu springen. Kaum abgetaucht, sind alle Anzeichen von Seekrankheit wie weggeblasen. Durch glasklares Wasser schimmern zerklüftete Korallenriffe , Fische in allen Farben und Formen, das pralle Leben. Und beim Schnorcheln schweben armlange Schildkröten in aller Seelenruhe vorbei. 54 Suppenschildkröten sollen noch vor der Insel leben, erzählt Pieter.



Das Meer rund um Curaçao hat eine Farbe, die süchtig macht. Im direkten Vergleich ist die Farbe des Bitterorangenlikörs, der den Namen der Insel weit in die Welt hinaus getragen hat, nur ein müder Abklatsch. Mundwasser- bis Azurblau schmiegt es sich an die Strände des nur 444 Quadratkilometer großen Eilands, glitzernd, glasklar und unwirklich schön.

Dabei ist die Insel auf den ersten Blick alles andere als unwirklich schön, mehr Wilder Westen als Karibik-Klischee. In der kargen Landschaft wächst kaum ein Baum, dafür riesige Kakteen und Aloe Vera . An der Nordküste bestimmen raue Klippen und eine wilde See das Bild. Und westlich der Hauptstadt Willemstad qualmen Schornsteine: Dort bearbeitet und verschifft die staatliche Raffinerie Venezuelas Erdöl.

Die Insel ist ebenso kontrastreich wie die bonbonbunte Handelskade in der Bucht von Willemstad. Keines der in holländischem Stil erbauten Giebelhäuschen gleicht dem anderen - ein hübsches Sinnbild für die bunte Völkermischung auf der Insel: Spanier, Portugiesen, Afrikaner, Niederländer und Briten - sie alle sind hier gestrandet und haben sich zu einer Kultur verbunden. Die Landessprache Papiamentu ist ein wilder Mix aus diesen Einflüssen. "Bonbini" heißt "willkommen", "danki" heißt "danke" und das wohl wichtigste Wort ist "dushi". Je nach Kontext kann es süß, lieb oder lecker bedeuten.

Etwa 120 Nationalitäten leben hier, erzählt Henry Tjen-A-Kwoei, der Touristen einem Dreirad-Mobil, einem sogenannten Tuk-Tuk, durch die Stadt fährt. Und das bei nur 150 000 Einwohnern. Henry steuert durch Scharloo, das jüdische Viertel. Beeindruckende Villen sephardischer Juden, die vor der Inquisition hierher geflüchtet sind, trotzen seit 200 Jahren Salz und Wind. Von der Geschichte der Insel erzählt auch die gelbe Fassade der Garnisonskirche im Fort Amsterdam: In ihr steckt noch eine Kanonenkugel, die angeblich Käpt'n Bligh von der "Bounty" aus abgeschossen hat.



Beim Plausch über Piraten und Kanonen klopft der Primeminister Henry freundlich auf die Schulter. Hier kennt jeder jeden. Und manchmal kommt auch die niederländische Königsfamilie vorbei, um mal zu gucken, wie weit ihr Hoheitsgebiet reicht.

Händler aus Venezuela bieten auf dem Schwimmenden Markt direkt vom Boot Früchte und Fisch feil. Und in der alten Markthalle Marshe Bieuw kochen Frauen in riesigen Töpfen auf dem Feuer kreolische Spezialitäten. Einheimische und Touristen speisen an großen Holztischen gemeinsam Karkó-Muscheln, Kaktussuppe, Papaya-Stew, geschmortes Zicklein oder fangfrischen Thunfisch, der hier gerne noch rosafarben verzehrt wird.

Nebenan, im Viertel Pietermaai, wird abends in den Bars Livemusik gespielt. Ein blauer Cocktail, eine Cohiba und der sehnsuchtsvolle Klang einer Trompete. Etwa im "Mundo Bizarro", wo Menschen jeden Alters ausgelassen und anmutig zu karibischen Rhythmen tanzen. Und irgendwo klingt Tambú, der "Curaçao Blues", mit dem einst die Sklaven ihren Nöten und Sorgen Ausdruck verliehen.

Über zwei Jahrhunderte, bis 1863, war Curaçao der größte Umschlagplatz für afrikanische Sklaven vor der Küste Lateinamerikas. Hier wurden sie nach der Überfahrt aufgepäppelt und weiterverschifft. Dieser dunklen Inselgeschichte widmen sich die Museen Kura Hulanda in Willemstad und Kas di Pali im Westen der Insel. Beide werden privat betrieben - offenbar hat der Staat, der seit 2010 unabhängig vom Niederländischen Königreich ist, kein allzu großes Interesse an einer Aufarbeitung. Und die niederländische Regierung drückte erst 2013 ihr "tiefes Bedauern" aus, lehnt bis heute ein Schuldeingeständnis ab.

Eine Inselberühmtheit ist Dinah Veeris. Die 76-Jährige will ein anderes Kapitel Inselgeschichte für die Nachwelt erhalten. In ihrem botanischen Garten hat sie rund 200 Arten einheimischer Pflanzen gesammelt: Kalebasse, Mispel oder den Wunderbaum Moringa, ein wahrer Alleskönner, sagt Dinah. Was sie über die Pflanzen weiß, hat sie von den Alten gelernt und gibt es an die Kinder der Insel weiter. In ihrem Laden verkauft sie Tee, Liebes- und Glücksöl. Ein paar Tropfen auf Bauch, Brust und die Mulde am Hals, und dem großen Glück steht nichts mehr im Weg, heißt es. Die Wirkung können Mutige am Abend im Casino in Willemstad testen. Aber wie sagte Dinahs Sohn: "Geld macht nicht glücklich." Vielleicht hatte er Recht. Ob das Liebesöl besser wirkt?

Unbedingt lohnt sich ein Abstecher in den Nationalpark Shete Boka. Über 150 Vogelarten sind dort zu Hause, und auf Schritt und Tritt huschen kleine, drachenähnliche Leguane vorbei. An den Traumstränden im Westen ist nur sonntags wirklich was los. Dann machen die Einheimischen große Barbecues. Und Touristen lassen sich beim Rauschen des Meeres massieren oder nehmen eine Yogastunde - mehr Entspannung geht nicht.

Wer immer noch nicht genug hat vom Blau, sollte unbedingt auf Aquafari-Tour in der Piscadera Bay gehen. Begleitet von Profi-Tauchern geht es dabei auf einer gelben Unterwasservespa bis zu sieben Meter unter den Meeresspiegel. Unter der Sauerstoffglocke sieht man zwar aus wie eine dieser einäugigen Zeichentrickfiguren, die derzeit bei Sechsjährigen für Furore sorgen. Aber es gibt auch viel zu sehen. Zum Beispiel Schiffswracks, die es rund um die Insel gibt wie Korallen am Karibikstrand. Und mit Dinahs Glücksöl bestimmt auch wieder Schildkröten.

dinahveeris.com

aquafari.net

curacao.com/de

Zum Thema:

Auf einen Blick Nach Curaçao fliegt Air Berlin von Düsseldorf ab 465 Euro. Ganzjährig herrschen dort angenehme 30 Grad, Regen gibt es kaum. Stilvoll übernachten kann man zum Beispiel im Avila Beach Hotel (ein Geheimtipp ist die Blues-Bar). Ausflugstouren nach Klein-Curaçao inklusive Tagesverpflegung sind unter www.missannboattrips.com , Yogakurse per Mail an tsamirapieterz@hotmail.com buchbar. lip

Auf dem Schwimmenden Markt in der Hauptstadt Willemstad bieten Händler aus Venezuela ihre Waren feil. Fotos: Eva Lippold
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Karibik-Traum mit schneeweißem Korallensand und glasklarem Wasser: Der Strand „Cas Abao“ im Westen der Insel.
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Tsamira Pieterz gibt Touristen Yogastunden am Strand.
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Henry fährt Besucher im Tuk-Tuk durch Willemstad.
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Der alte Leuchtturm auf der Nachbarinsel Klein-Curaçao.
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Grüne Leguane isst man auf Curaçao auch in der Suppe. Sie schmecken wie Hühnchen.
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Boka Pistol, Pistolenschlund, heißt diese Felsformation an der rauen Nordküste der Insel. Denn wenn die Wellen an die Klippen schlagen, knallt und spritzt es.
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