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Ein Spaziergang hinter die Fassade Turins

Piemont : Ein Spaziergang hinter die Fassade Turins

Viele Touristen lassen die Hauptstadt des Piemonts links liegen. Dabei beherrscht sie die Kunst der Verführung wie kaum ein anderer Ort.

Turin ist eine Schönheit. Das wird auf den ersten Blick klar. Die Hauptstadt der Region Piemont beeindruckt mit ihren großen prachtvollen Bauten aus der Zeit des Barock. Eine gute Verführerin überzeugt jedoch nicht mit hübschem Auftreten alleine. Dem, was hinter der schönen Fassade steckt, was erst bei näherem Hinsehen ans Licht kommt, verfallen die Besucher dann endgültig.

Wer der Stadt etwas Zeit gibt und nach dem Besuch der bekanntesten Sehenswürdigkeiten wie dem Königlichen Palast, dem Turiner Wahrzeichen Mole Antonelliana oder der Kirche Santa Maria auf dem Monte dei Cappuccini einen Blick in die Seitenstraßen wirft, lernt ihre bescheidene und charmante Seite kennen. In den schmalen Gässchen reihen sich Antiquariate an Straßencafés, unter den Arkaden, die sich kilometerlang durch die Stadt ziehen, spielen Straßenmusiker für vorbeispazierende Passanten und in rustikal eingerichteten Restaurants werden regionale Spezialitäten serviert. Und Liebe geht ja eben auch durch den Magen.

Der Norden steht dem Süden Italiens kulinarisch in nichts nach. Das Piemont ist beispielsweise für Vitello Tonnato (hauchdünn geschnittenes Kalbfleisch mit Thunfischsauce und Kapern), Grissini, Carne Cruda (Kalbstatar) und Gianduiotti (Nougatpralinen) über die Landesgrenzen hinaus bekannt – und natürlich für seine weltberühmten Weine wie Barolo und Barbera. Im Piola da Cianci, einem kleinen Restaurant direkt im Zentrum, gibt es die piemontesischen Delikatessen zu besonders günstigen Preisen ­– ab fünf Euro. Und das obwohl die Pasta dort jeden Tag frisch hergestellt wird. Gute Nudelgerichte gibt’s auch im Restaurant Bartu in der Nähe des Campus Luigi Einaudi. Für beide Lokalitäten gilt es, etwas Geduld mitzubringen. Denn Turin ist eine Studentenstadt und die wissen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis in guter Lage bekanntlich sehr zu schätzen.

Ebenfalls im Zentrum liegt das Caffè Al Bicerin, bekannt für das gleichnamige Heißgetränk aus Espresso, Kakao und Vollmilch. Bei einem Preis von sechs Euro nicht gerade eine günstige Sünde, aber ein Muss für Touristen, die eine Vorliebe für Schokolade haben. Die kommen in Turin besonders in der Vorweihnachtszeit auf ihre Kosten: Dann findet dort nämlich das Schokoladen-Festival Cioccolatò statt, das Besucher aus aller Welt anzieht.

Weltweite Bekanntheit hat die Stadt neben der Schokoladenproduktion, und natürlich dem Fußballverein Juventus Turin, durch die Familie Agnelli und deren Unternehmen Fiat erlangt. Wer von dieser Tatsache vor der Reise in die 900 000-Einwohner-Stadt noch nichts wusste, weiß es spätestens, wenn er das erste Mal unter die Bettdecke im Hotelzimmer schlüpft. „La Fiat“ hat den Italienern das Herz gebrochen. Schon bei der bloßen Erwähnung des Namens kochen alte Gefühle wieder hoch. Zuneigung und gekränkter Stolz gleichermaßen.

Denn die Agnellis haben der Region lange Zeit großen Reichtum gebracht. Und sie dann in eine Identitätskrise gestürzt. Die Tore der Fiat-Fabrik Lingotto, auf deren Dach eigens eine ein Kilometer lange Auto-Teststrecke gebaut worden war, wurden längst geschlossen. In den 90er-Jahren musste das Unternehmen massenhaft Mitarbeiter entlassen und seit der vollzogenen Fusion der „Fabbrica Italiana Automobili Torino“, wofür die Abkürzung Fiat steht, mit Chrysler im Jahr 2014 befindet sich nicht einmal der rechtliche Firmensitz mehr in Turin, sondern in Amsterdam.

Die Stadt am Po setzt seit der Fiat-Krise auf Einnahmen durch den Tourismus. Sie will die Vergangenheit abstreifen und in neuem Glanz erstrahlen – obwohl für eine professionelle Verschönerungskur eigentlich die Mittel fehlen. Und noch wird Turin von den Besuchern auch nicht so hofiert wie die anderen italienischen Schönheiten Neapel, Rom, Florenz und Venedig. Ein Fehler.