Die marokkanische Hafenstadt Essaouira ist eine Reise wert

Kostenpflichtiger Inhalt: Essaouira : Die Stadt der Bilder

In Essaouira haben viele Kulturen ihre Spuren hinterlassen. In den 1960er Jahren war die Stadt an der Atlantikküste ein echter Hippie-Magnet, vor Kurzem wurde sie Schauplatz der bekannten Serie Game of Thrones.

Er ist bildgewaltig dieser Ort. Spült einen an wie die Atlantikwelle das Fischerboot. Wenn sie dagegenrauscht, spritzt es, knallt es. Kein Anker ist sicher. Auch an Jimi Hendrix prallten diese Wellen nicht ab. Die Rock-Legende ließ sich von ihnen tragen und inspirieren. Von den Farben, vom Leben, von der Kultur dieser Stadt, die das Bild – arabisch „Sura“ – im Namen trägt. Essaouira. Hier am Hafen wechseln sich Schubkarren, Lastwagen und Boote im Sekunden-Takt ab. 170 Kilometer von Marrakesch und Agadir entfernt, in diesem von Möwen umflogenen Stück Küste füllt sich das Blickfeld mit Männern, vielen Männern. Die einen wuchten Fischerboote Richtung Ufer, die anderen befreien Fische aus dem Netz. Es piept, Motoren rattern. Wenn das Chaos eine Heimat hätte, wäre das wohl genau hier an diesem Ort. Wo Touristenführer Nejmedine Choukri regelmäßig sein schlagwortbefülltes Google-Suchleisten-Deutsch bemüht.

Jetzt steht er vor dem Hafentor Bab al Marsa, sagt „Judentum, Christentum, Islam“. Hier hätten die drei Weltreligionen im 18. Jahrhundert friedlich zusammengelebt. Eine Jakobsmuschel, ein Davidstern und ein Halbmond zeugen davon. Zeugen von einer Stadt, die die Phönizier im 7. Jahrhundert vor Christus entdeckten. Später, im Mittelalter, kamen die Portugiesen und tauften sie „Mogador“. Das blieb so bis 1765. Dann verpasste ihr Sultan Muhammad Ibn Abdallah den neuen Namen Essaouira. Den größten Hafen wollte er bauen, den größten Umschlagplatz in der sichersten Stadt – Festung und Handelshochburg zugleich. Der Hafen wurde zur kontrollierten Eingangspforte – auch für Entdecker wie den französischen Forscher Charles de Foucauld. Ende des 19. Jahrhunderts brach er in das Land auf, in dem Europäer als Spione galten. Er musste sich tarnen. Heute muss sich in Essaouira niemand mehr verstecken.

„Modern, reich, diplomatisch“, so beschreibt Choukri seine Stadt heute. „Kunst- und Kulturstadt“, präzisiert der Reiseführer, der mit seiner französischen Malermütze selbst ein wenig wie ein Künstler aussieht. Nur ein paar Meter weiter, entlang der Hafenfestungsanlage Squala du Port, kommen Besucher an einen Ort, den Millionen Netflix-Abonnenten kennen, der hier, in der analogen Möwenwelt, aber nicht ausgeschildert ist. An der Stadtmauer – gesäumt von Kanonen aus portugiesischer Zeit – entstand ein Teil der Kult-Serie Game of Thrones. In der Kulissen-Stadt Essaouira, die Ende der 1960er Jahre auch zum Hippie-Magneten wurde. Viele Juden verließen das Land damals Richtung Israel. Etliche Häuser standen von einem auf den anderen Tag leer. „Billige Wohnungen, frischer Fisch und ein leerer Strand“ hätten die jungen Wilden angezogen, sagt Choukri.

Bis 1975 habe die „Hippie-Welle“ angehalten. Die Mentalität sei geblieben. Kunst, Musik, Malerei, Theater. Einige der Hippies von damals seien hier nur auf Durchreise gewesen, andere hätten hier Familien gegründet. Auch ihren kreativen Köpfen sind die Riads entsprungen – die prachtvoll begrünten Innenhöfe.

Einen solchen Hof hat auch die stadtbekannte Patisserie Chez Driss. Es ist ein regelrechter Kunst-Tempel. Die Wände sind gepflastert mit gerahmtem Leben. Turban-Männer, Pferde und Dromedare, Frauen bunt verschleiert. Auf dem Tisch sind Kaffee und Gebäck drapiert. Wer also nicht nur von Eindrücken satt werden will, ist hier genau richtig. Was auch für die Altstadt als Ganzes gilt – seit 2001 gehört sie zum Unesco-Kulturerbe. Anders als in den Touristen-Hotspots vieler Länder fällt hier eines auf: Die Händler der Souks, der orientalischen Märkte, sind fast unsichtbar. Dabei wäre man bei dem ein oder anderen Artikel für eine kurze Einweisung dankbar. Wie im Falle von „Viagra turbo“. Wie diese Wurzel am effektivsten ihre Wirkung entfaltet, erschließt sich keinem Laien von selbst. „Das kann man wie Tee trinken“, erklärt der Händler auf Nachfrage und setzt ein breites Grinsen auf.

Gut gelaunt ist auch Ahmed Handour, der ein paar Viagra-Stände weiter – es gibt sie tatsächlich an jeder Ecke – in einer kleinen, aber aufgeräumten Küche mit Zwiebeln und Petersilie hantiert. Sein Reich liegt nur neun Gehminuten vom zentralen Mouley-Hassan-Platz entfernt. Es ist das Hotel Heure Bleue Palais, wo der 43-Jährige seit 2007 auftischt. Wer schon immer mal wissen wollte, wie eine marokkanische Fisch- oder Fleischpastete entsteht, kann hier einen Kochkurs belegen. Handour reicht dann eine Schürze und erklärt auf Französisch, Englisch oder Arabisch, wie viel Wasser in die Soße muss. Hier in Essaouira sind nicht nur Sprachübergänge fließend.

Im vergangenen Jahr empfing die 80 000-Einwohner-Stadt knapp 195 000 Besucher aus aller Welt, fast 16 000 aus Deutschland. Die größte Gruppe mit 35 633 Touristen kam nach Angaben des Fremdenverkehrsbüros aus Frankreich.

Aber es gibt auch andere, die immer wiederkommen. Nach Angaben des Fremdenverkehrsbüros besuchten 2018 etwa 80 000 Juden das Land – circa 50 000 aus Israel. „Juden gibt es in Marokko seit mehr als 2800 Jahren“, erklärt Choukri. Erst hätten sie sich in der Wüste und im Gebirge angesiedelt. Jetzt lebten sie eher in Casablanca, in größeren Städten. Seine nicht ganz ernstgemeinte Bilanz: „In Essaouira gibt es nur noch drei Juden.“ Und in der Tat: Menschen mit Kippa sucht man hier vergeblich. Auch das frühere Judenviertel Mellah ist als solches kaum noch erkennbar. Früher soll es in der Stadt bis zu 47 Synagogen gegeben haben. Nach dem zweiten Weltkrieg, mit der Gründung des Staates Israel, haben viele Juden den Ort verlassen. Jetzt kommen sie jedes Jahr vor allem im September wieder. Dann ist auch Hochbetrieb in der Synagoge Slat Attia, einem von drei offen zugänglichen jüdischen Gotteshäusern in Essaouira. Sie sieht aus wie eine moderne Galerie. Namen von Künstlern wie der jüdischen Filmregisseurin Ronit Elkabetz hängen hier mit Erklärtexten an der Steinwand, zwischen Säulen und Bögen in Sandfarbe. Im „Bayt al Dakira“, wie das Gotteshaus heißt – Haus der Erinnerung. Choukri schwärmt auch dort wieder von seiner „Kunst-Kultur-Stadt“, von malerischer Ruhe und ruhiger Malerei.

Nejmedine Choukri führt Touristen durch den Küstenort, dessen Altstadt seit dem Jahr 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Foto: Fatima Abbas

Die hat Jimi Hendrix übrigens nicht allzu lange bewundert. Er soll nur einmal dort gewesen sein, im Sommer 1969 für elf Tage. Andere sagen, er habe sogar noch früher abreisen müssen. So genau weiß es wohl niemand, auch nicht Nejmedine Chokri. Hendrix sei wie vieles hier eine Art Stadtmythos. Ein Gedächtnismonument – so bild- und tongewaltig wie der möwenumflogene Hafen.