Die jütländische Insel Fanø gilt als besonders hyggelig

Insel Fanø : So geht Gemütlichkeit auf Dänisch

Die Nordsee-Insel Fanø will in der kalten Jahreszeit Urlaubern aus aller Welt ein besonderes Gefühl der Behaglichkeit vermitteln.

An diesem eisigen Wintermorgen ist der Himmel ein einziges Grau. Nachts waren es drei Grad unter null. Auch nach Sonnenaufgang ist der Frost noch zu spüren. Am Strand des kleinen Dorfes Sønderho im Süden von Fanø lässt sich niemand blicken, weder Jogger noch Spaziergänger. Der Wind weht über die Dünenkette, vor der sich das Wattenmeer scheinbar endlos ausbreitet. Gemütlich ist es nicht gerade. Dabei gilt Fanø, die kleine Insel vor der jütländische Westküste mit ihren rund 3400 Menschen als Inbegriff dänischer Behaglichkeit, um die viele Deutsche die nördlichen Nachbarn beneiden. Die Dänen haben dafür ein eigenes Wort, das es sogar in den deutschen Duden geschafft hat: Hygge.

Doch bei diesen Temperaturen ist davon nichts zu merken, jedenfalls nicht, wenn der Wind von vorne kommt. Helen Dörte Mähler ist das gewohnt. Die 37-Jährige trägt einen Schneeanzug, der die Kälte nicht durchlässt, und macht am Strand ein, zwei vorsichtige Schritte. Im Wattenmeer vor Fanøs Küste ist Ebbe, die Nordsee hat sich weit zurückgezogen. Eine dünne Eisschicht bedeckt den Wattboden.

Mähler kennt das Watt gut, auch im Winter. Nach ein paar Minuten läuft es sich auf dem spiegelglatten Eis wie sonst auf dem Schlickboden. Sie macht regelmäßig Führungen auf der Insel, bei gutem Wetter bis zu der Sandbank, auf der sich Seehunde und Kegelrobben von ihren Beutezügen in der Nordsee ausruhen. An diesem Wintermorgen ist sie leer. Bei Kälte lassen sich die Seehunde dort seltener blicken. „Da müssen sie mehr fressen und sind häufiger im Wasser“, sagt Mähler nach einem Blick durch ihr Fernglas.

Mähler stammt aus der Nähe von Hamburg. Sie ist mit ihren Eltern drei Jahrzehnte lang im Urlaub immer wieder nach Fanø gefahren und wohnt mit ihrer eigenen kleinen Familie seit mehr als vier Jahren in Sønderho in einem Reetdachhaus. Davon gibt es dort ziemlich viele. Rund 75 stehen unter Denkmalschutz. Das Dorf mit seinen 350 Einwohnern wurde im Jahr 2011 zum schönsten in ganz Dänemark gewählt. Alle Häuser haben höchstens zwei Etagen. Manche scheinen etwas schief zu stehen. Hier ist mal ein Fenster schief, da eine Tür. „Die Fanø-Häuser haben kein Fundament“, erklärt Mähler bei ihrer Dorfführung. In den Fenstern stehen oft Porzellanhunde, wie Seefahrer früherer Jahrhunderte sie als Souvenirs mit nach Hause brachten. Die Frauen sollen sie genutzt haben, um ihren Liebhabern zu signalisieren, ob sie vorbeikommen können: „Gucken die Hunde raus, ist der Ehemann noch auf See“, erklärt Mahler.

In Sønderhos erstaunlich großer Kirche aus dem späten 18. Jahrhundert hängen 15 Schiffsmodelle, die meisten von Seeleuten mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail gebaut. Vom alten Hafen am Ortsrand des Dorfes ist allerdings nichts mehr zu sehen, er ist versandet. „Fanø wächst jedes Jahr ein paar Zentimeter Richtung Westen“, weiß Mähler. Sie ist vor einer Sturmflutsäule stehengeblieben und zeigt auf die Wasserstände bei Land unter – den rechten Arm muss sie dabei weit nach oben strecken. Sturmflut an der Nordsee ist alles andere als gemütlich. Auf Fanøs Westseite erstreckt sich der rund 15 Kilometer lange Strand – der Hauptgrund, warum die Insel bei Touristen so beliebt ist und warum Fanø das erste Kurbad Dänemarks hatte. Die Ostseite zum Wattenmeer friert im Winter schon mal zu. In früheren Jahrhunderten fuhren Inselbewohner dann mit der Kutsche aufs Festland. Fanø war in der dänischen Schifffahrtsgeschichte mal eine große Nummer: Die Insel hatte die zweitgrößte Flotte nach Kopenhagen, und Sønderho fast dreimal so viele Einwohner wie heute. Schon damals war der „Sønderho Kro“, eines der ältesten Gasthäuser Dänemarks, eine der ersten Adressen der Insel. Erbaut wurde es 1722.

Auch wenn es draußen schüttet, der Wind pfeift und es am frühen Abend längst stockdunkel ist, sitzen dort die Gäste in der Stube mit der tiefen Holzdecke und den holländischen Fliesen an den Wänden. Der Rest der Welt scheint dann weit weg zu sein. Zwei Frauen an einem Tisch in der Ecke scheinen mit einer dänischen Spezialität nachhelfen zu wollen. Sie bestellen Kaffeepunsch mit Brøndums-Snaps, einem hochprozentigen Aquavit.

Es gibt in der kalten Jahreszeit Tage, da ist der Nebel so stark, dass die Masten im Jachthafen der Inselhauptstadt Nordby geradezu malerisch aus dem Nichts aufzutauchen scheinen. Und am Fähranleger ist das Schiff aus Esbjerg noch kurz vor Erreichen des Ufers nur schemenhaft zu erkennen.

Lone Müller Sigaard sitzt in der Küche ihres Hauses, das vom Fähranleger nur fünf Minuten entfernt ist. Am Nachmittag hat sie genäht, eine Jacke, wie sie zur Tracht der Insel gehört. Sie hat schon eine, die ihrer Urgroßmutter gehörte und eine von ihrer Mutter. „Aber ich wollte eine, die mir wirklich passt.“

Nähen ist für Lone Müller-Sigaard etwas Typisches für die kalte Jahreszeit, wenn auf der Insel alles deutlich ruhiger wird. „Es war allerdings das erste Mal, dass ich mich an eine Jacke gewagt habe“, erzählt die 46-Jährige. „Man braucht einen ganzen Winter dafür.“ Um zu lernen, wie man’s macht, hat die Inselbewohnerin an einem Trachtennähkurs teilgenommen. „Die Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø, die hier nie ausgestorben sind. Ich nähe auch für meine Tochter noch ein Kleid“, erzählt sie.

Zu den Traditionen der Insel gehört auch der Volkstanz. Die Gruppe in Nordby trifft sich einmal die Woche, Lone Müller-Sigaard ist ebenfalls dabei. Vielleicht macht es auch die Insel gerade für viele Deutsche so attraktiv, dass vieles hier noch authentisch wirkt.

Lone Müller-Sigaard stammt von der Insel, hat aber 18 Jahre lang in Valencia und Kopenhagen gewohnt. Inzwischen lebt sie davon, dass viele andere Fanø genauso gemütlich, besser gesagt hyggelig, finden wie sie. Und mit ihrer Hilfe auf der Insel heiraten wollen.

Rund 500 Paare reisen jedes Jahr zur Hochzeit auf Fanø an, viele davon aus Deutschland. „Hochsaison dafür ist von Mai bis September und dann im Dezember“, sagt Lone Müller Sigaard. Warum bloß? „Dezember ist der Hygge-Monat.“ Im Winter sei dieses Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit noch viel intensiver zu spüren. Wenn es draußen dunkel und kalt ist, wird hier zusammengerückt.

(dpa)