Die heimliche Hauptstadt Europas

Spa · Einst war das Kurbad Spa der Treffpunkt gekrönter Häupter. Heute wirbt die Stadt in der Wallonie, die auch wegen ihrer Rennstrecke bekannt wurde, mit Nostalgie, Gastronomie, Kultur und einer neuen Therme.

 Gaëtan Plein, hier vor der alten Therme im belgischen Spa, ist Fremdenführer und Märchenschreiber. Foto: Martin Rolshausen

Gaëtan Plein, hier vor der alten Therme im belgischen Spa, ist Fremdenführer und Märchenschreiber. Foto: Martin Rolshausen

Foto: Martin Rolshausen

Casanova hatte die Sache mit dem Zimmermädchen offenbar falsch eingeschätzt. Statt Spaß hatte der Frauenheld plötzlich "ein Problem", sagt Gaëtan Plein. Der Mann sei einfach "zu forsch" gewesen. Ins Detail geht Gaëtan Plein nicht - er ist schließlich Fremdenführer, keine Klatschbase. Aber Geschichten zu erzählen, hat er viele. Denn seine Heimatstadt Spa , durch die er - manchmal auch im historischen Kostüm - Touristen führt, liefert ihm jede Menge Stoff für Stories. Königinnen und Könige waren hier, Generäle , Künstler und Wissenschaftler. "Um Wasser zu trinken", wie Gaëtan Plein sagt. Dass die Römer die Heilquellen von Spa schon kannten, wird erzählt, ist aber nicht belegt.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Ort in der Wallonie jedoch zum Kurbad entwickelt. Zeitweise tummelten sich so viele gekrönte Häupter in der Kleinstadt, dass man Spa das "Café de l'Europe" nannte - das Kaffeehaus, in dem die Belange des ganzen Kontinents besprochen wurden.

Die wichtigste Quelle, die in einer 1880 errichteten Halle im Stadtzentrum sprudelt, ist nach dem russischen Zar Peter dem Großen benannt, der 1717 sechs Wochen in Spa weilte. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., sei nach seiner Abdankung auf dem Weg ins niederländische Exil sogar ganze sechs Monate in Spa geblieben, erzählt Gaëtan Plein.

Als Wilhelm ging, war es allerdings schon eine ganze Weile ruhiger geworden in dem belgischen Städtchen. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieg, sagt Gaëtan Plein, sei "die goldene Zeit" von Spa zu Ende gegangen. Die großen Namen der Vergangenheit stehen in der Ortsmitte in Stein gemeißelt, neue kamen aber kaum hinzu.

Ein paar amerikanische Generäle , die im Zweiten Weltkrieg in Spa Station machen, wurden auf den Tafeln noch verewigt - und Albert Einstein . Der Physiker, erzählt Gaëtan Plein, sei so etwas wie das Gegenteil von Casanova gewesen. Die Hotelwirtin, die nicht wusste, wer er war, habe ihn "für etwas beschränkt gehalten, weil er so ruhig war".

Und dann kam ein Deutscher, den die Stadt Spa sogar zu ihrem Ehrenbürger machte: Michael Schumacher , der auf der Rennstrecke in Francorchamps vor den Toren der Stadt einige Formel-eins-Siege gefeiert hat. Die Bedeutung der Rennstrecke wuchs im Laufe der Zeit, das einst prunkvolle Thermengebäude an der Place Royale zerfiel immer mehr. Heute steht es leer. 2004 wurde auf einem Hügel eine neue Therme eröffnet. Damit, sagt Gaëtan Plein, sei Spa auch wieder als Badeort interessant geworden. Die Kombination aus großer Geschichte und modernem Badebetrieb, guter Gastronomie und viel Kultur mache Spa zu etwas Besonderem.

Und dann hat der Fremdenführer noch eine Geschichte zu erzählen - nicht von einem, der herkam, sondern von einem, der ging und nie wieder kam: Georges Krins. Der Belgier Krins wollte von Spa aus in die Welt. Und der Musiker fand einen Job, der ihm das ermöglichte: Er wollte sich auf einem Schiff die Überfahrt in die neue Welt erspielen. Er war Geiger in der Kapelle, die auf der Titanic spielte bis zum Schluss.

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Auf einen BlickSpa hat rund 10 000 Einwohner und liegt in der wallonischen Provinz Lüttich im Herzen Belgiens. Die im 14. Jahrhundert entstandene Ortschaft erhielt 1594 die Stadtrechte. Neben der Therme und der Rennstrecke bietet Spa unter anderem das Chansonfestival "Francofolies de Spa " (das nächste Mal im Juli 2016). Info: Tourismusbüro Rue du Marché 1A, B- 4900 Spa , Tel.: (00 32) 87 79 53 53. ols

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