Die Côte d'Azur bietet sich auch im Winter für einen Urlaub an

Südfrankreich : Stille Tage am Cap Ferrat

Vor 150 Jahren war die Côte d’Azur das angesagteste Winterziel der Reichen. Heute haben Urlauber im Februar die Küste fast für sich alleine.

 Das Meer am Horizont leuchtet tintenblau. An der felsigen Küste schwappt es glasklar über die Steine, die leise knirschen, wenn die Welle zurückrollt. Die Sonne steht tief am Himmel und wärmt das Gesicht. Das tut gut, denn die Luft ist im Februar an der Côte d’Azur noch kühl und frisch. Ein paar Spaziergänger sind unterwegs auf dem Küstenwanderweg, der um das Cap Ferrat herumführt. Oft sind es wohlhabende Engländer, die hier wohnen und ihre schicken Hunde ausführen. Kein Vergleich zum lauten, heißen Sommer mit Gekreisch, Motorradlärm und aufblasbaren Einhörnern, die das Meer in einen Rummelplatz verwandeln.

Vor 150 Jahren war dagegen an dem Küstenstreifen zwischen Nizza und Menton im Februar die absolute Hauptsaison gewesen. Besonders in Monte Carlo traf man die Reichen und Berühmten, Queen Victoria, die russische Zarenfamilie, den belgischen König Leopold, die Rothschilds, aber auch ärmere Schriftsteller und Künstler wie Friedrich Nietzsche, F. Scott Fitzgerald und Katherine Mansfield. Wer ein bisschen etwas von den alten Zeiten spüren und eine Côte d’Azur erleben möchte, die noch nicht den Banalitäten des Hochsommers mitsamt den scharenweise einfallenden Kreuzfahrtgästen zum Opfer gefallen ist, sollte im Winter kommen.

Das Licht ist tagsüber sanft, dafür sind die Sonnenuntergänge spektakulär. Der Himmel leuchtet erst minutenlang dunkelgelb, dann füllt ein sattes Rot den Horizont aus, bis innerhalb von ein paar Sekunden ein schwarzer Vorhang fällt.

Jetzt ist es Zeit, eines der traditionellen Restaurants in der Altstadt von Nizza aufzusuchen, zum Beispiel das Bistro Antoine oder Chez Acchiardo. Denn in Wahrheit sind die einheimischen Gaststätten gar keine Sommer- sondern vielmehr gemütlich warme Winterrestaurants mit rot-weiß-karierten Tischdecken und Stühlen aus Strohgeflecht. Der Rotwein, der hier getrunken wird, wärmt die Seele, und zur deftigen Küche gehört traditionell Daube, ein zartes Rindergulasch in einer Soße aus Gemüse und Rotwein, die so lange auf kleiner Flamme geköchelt wird, bis sich Fleisch und Soße zu einer dunkelbraunen Einheit verbinden. Dazu gibt es selbst gemachte Nudeln oder Ravioli.

Natürlich stieg die reiche Gesellschaft der Belle Epoque weder in die Niederungen der populären Küche hinab noch betrat sie die Altstadt von Nizza. Statt dessen rollte der Rubel im Casino von Monte Carlo. Die russische Balletttänzerin Matilda Kschessinskaja, die sowohl mit dem Zaren Nikolaus II als auch mit zwei seiner Cousins gleichzeitig ein Verhältnis hatte, besaß eine Traumvilla in dem Nobelort Cap d’Ail, die ihr einer ihrer Liebhaber spendiert hatte. Als ihr im Casino das Bargeld ausging, setzte sie beim Roulette kurzerhand ihre Villa aufs Spiel und verlor sie innerhalb von Minuten.

Doch nicht alle Villenbesitzer waren so töricht wie die Kschessinskaja. Viele Luxushäuser sind bis heute in Privatbesitz. Man kann mit dem Zug bis Cap d’Ail fahren und dann zu Fuß auf der gepflegten Meerespromenade bis Monaco spazieren und die pastellfarbenen Villen bewundern. Die Stille des Winters, das leise Rauschen der Wellen, der Duft der Pinien – das ist Urlaub, der entspannt. Kein Kampf um Strand- oder Restaurantplätze, statt dessen ist überall Platz, sogar auf der sonst stets überfüllten Terrasse im Nobelort St. Jean Cap Ferrat. Im Winter scheint gerade um die Mittagszeit die Sonne senkrecht auf den großen Platz. Davor dümpeln die Boote im kleinen Hafen von St. Jean, das Wasser klatscht leise an die Bugwände. Die Besitzer kommen erst wieder im Sommer. Und verpassen die wunderbare Ruhe des Winters.

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