Die Bewohner der Insel Föhr setzen auf Traditionen und neue Ideen

Urlaub an der Nordsee : Heimatliebe auf Bierflaschen und Grabsteinen

Vor 200 Jahren wurde Wyk auf Föhr zum Seebad. Heute setzen die Bewohner der Insel auf ihre Traditionen ebenso wie auf neue Ideen.

 Lange geheim halten konnte Volker Martens sein neues Hobby nicht. Als der gelernte Tischler vor ein paar Jahren damit anfing, in der alten Melkkammer seines Vaters Bier zu brauen, sprach sich das auf Föhr rasch herum. Nur 82 Quadratkilometer groß ist die Insel vor Schleswig-Holsteins Westküste, rund 8400 Bewohner verteilen sich auf ein Dutzend Orte, in denen reetgedeckte Friesenhäuser mit Sprossenfenstern stehen. Im Winter, wenn der Wind von der Nordsee die Menschen näher zusammenrücken lässt, verbreiten sich Neuigkeiten wie ein Lauffeuer.

„Zunächst wollten Freunde mein Bier testen, dann kamen Anfragen von Gastronomen und Hofläden“, erzählt Martens. Also beantragte der 35-Jährige Fördergelder und entwarf Etiketten. Anfang 2019 ging sein „Biar Brauhüs“ an den Start. „Regionalität und lokale Produkte werden den Menschen immer wichtiger, sowohl den Einheimischen als auch den Touristen“, sagt er.

Seine Heimatverbundenheit drückt Martens schon auf dem Etikett aus. „Hünjmots“ soll sein Bier heißen, friesisch für Pilz. Ein Bild zeigt den Strand im Südwesten Föhrs: die Wellen der Nordsee, den Himmel, an dem sich Wolken zusammenbrauen, Dünengras im Wind.

Breite Strände, salzige Luft und das Wattenmeer, seit zehn Jahren ein Unesco-Weltnaturerbe: Das sind auch die Dinge, die Urlauber auf die Insel locken, rund 208 000 kommen pro Jahr. Im Windschatten der Nachbarn Sylt und Amrum gelegen ist die Nordsee bei Föhr ruhiger als anderswo. Das ziehe vor allem Familien an, sagt Walter Stubenrauch vom Nationalpark-Haus Föhr. Seit mehr als 30 Jahren führt der Biologe Besucher ins Watt, das Interesse an unberührter Natur sei groß.

Genau 200 Jahre ist es her, dass der Land- und Gerichtsvogt Hans Friedrich Carl von Colditz die Inselhauptstadt Wyk zum Seebad erklärte. Im Frühjahr 1819, als die goldenen Zeiten des Walfangs vorbei waren und Napoleons Kontinentalsperre die Handelsschifffahrt zum Erliegen gebracht hatte, gründete Colditz mit wohlhabenden Mitstreitern eine Aktiengesellschaft. Mit deren Startkapital wurden ein Haus, vier Badewannen für Warmbäder sowie drei Badekarren angeschafft, mit denen die Gäste hinaus aufs Meer gefahren wurden.

„Ein frühes Start-up, wenn man so will“, sagt Ulrike Wolff-Thomsen, Direktorin des Museums Kunst der Westküste. 61 Gäste kamen in der ersten Saison. Föhr gehörte damals zu Dänemark, Wyk war das erste Seebad des Staates. Christian VIII., der von 1839 bis 1848 König von Dänemark war, reiste an, um zu kuren, und mit ihm sein ganzer Hofstaat. Mit dem Adel kamen auch Künstler: die Schriftsteller Theodor Fontane und Theodor Storm, der Komponist Johann Strauß, Maler wie Otto ­Mueller und Otto H. Engel. „Ich habe jeden Tag gebadet, und ich muss sagen, dass es das unvergleichlichste Wasser ist“, schwärmte der Märchendichter Hans Christian Andersen.

Später folgten preußische Prinzen, und um das Jahr 1900 brachten Dampfschiffe Gäste von Hamburg oder Bremerhaven aus auf die Insel. Künstler trafen sich im Gasthof von Grethjen Hayen. Heute ist der einstige Szenetreff im Dorf Alkersum ein Restaurant, das den Namen seiner damaligen Wirtin trägt, und in einem modernen Anbau wurde vor zehn Jahren das Museum Kunst der Westküste eröffnet. Neben den Ausstellungen bietet der Gasthof Raum für Fragen: Welche touristischen Wege geht Föhr zukünftig? Denn schöne Küstenorte gibt es vielerorts. Aber sie laufen mit steigender Anzahl an Hotels, Cafés und den immer gleichen Souvenirläden Gefahr, austauschbar zu werden.

„Es ist wichtig, das Einzigartige von Föhr hervorzuheben“, sagt Marion Koziol. Vor ein paar Jahren hat die Hessin ein Friesenhaus auf der Insel gekauft und renoviert: Blau-weiße Kacheln zieren das Esszimmer, ein alter Ofen bollert in der Stube, sie hat Badewannen statt Duschen einbauen lassen, „weil das früher halt so war“.

Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte das Haus dem letzten Walfänger von Föhr, heute bringt Koziol im „B&B Friesin“ Urlauber und Einheimische zum „Klönschnack“ an einen Tisch. „Regionalität mit Pfiff“ nennt sie ihr Konzept. „Man kann alte Traditionen, etwa friesische Rezepte, natürlich modifizieren, damit sie dem heutigen Geschmack entsprechen“, sagt sie. „Aber es darf nicht alles Mainstream werden.“

Mit Traditionen kennen sich die Föhrer aus. Viele Einheimische sprechen Platt oder Fering, wie die friesische Sprache auf der Insel genannt wird. Frauen tragen bei Feiern ihre Trachtenkleider und silbernen Brustschmuck. Und die Dörfer schmücken sich mit Reetdachhäuschen, Windmühlen und ganz besonderen Friedhöfen.

Südlich der Ortschaft Süderende, im Schatten der backsteinernen St. Laurentii-Kirche, stehen zum Beispiel steinerne Kunstwerke. „Sprechende Grabsteine“, sagt Markus Thiessen. „Schon vor Jahrhunderten war es üblich, in Inschriften und symbolischen Motiven etwas über den Verstorbenen zu erzählen.“ War er Walfänger oder Landwirt? Wen hinterlässt er? Leben seine Kinder noch?

HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Alexandra Frank vom 25. April: Dünen an der Nordsee: Seit 200 Jahren zieht Föhr als offizielles Seebad Urlauber an, die Erholung suchen. Foto: Oliver Franke/Föhr Tourismus GmbH/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++. Foto: dpa-tmn/Oliver Franke
Einheimische und Touristen schätzen die Strände Föhrs, wie diesen nahe des Dorfes Nieblum. Foto: Oliver Franke/Föhr Tourismus GmbH/Oliver Franke

„Wer etwas von sich hielt, gab schon zu Lebzeiten Grabsteine in Auftrag, die prächtigsten hatten den Gegenwert eines ganzen Hauses“, sagt Thiessen, der Steinmetz ist und mit seiner Arbeit an diese Tradition anknüpft. Auch neue symbolträchtige Grabsteine schmücken nun die alten Friedhöfe. Oft zeigen sie das, was Föhrer und Urlauber gleichermaßen schätzen: das Meer, die Küste und den weiten Horizont.

(dpa)
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