Der Nationalpark Bayerischer Wald ist ein Naturparadies

An der Grenze zu Tschechien : Den Luchsen und Wölfen auf der Spur

Naturliebhaber, die gerne wandern und Tiere beobachten, finden im Nationalpark Bayerischer Wald vielfältige Möglichkeiten.

Wo sind sie denn? Weit und breit keine Spur. Weder vorne im Gebüsch, noch hinten im Wald oder bei den Felsen. Hier bewegt sich nichts. Das Gebiet ist aber auch riesig. Da ist Geduld gefragt – und ein geschultes Auge. Wir stehen auf einer Plattform am Großgehege für Luchse im Tier-Freigelände des Nationalparkzentrums Lusen in Neuschönau. 250 ­Hektar groß ist das Tag und Nacht offen zugängliche Gebiet im Nationalpark Bayerischer Wald, in dem in 16 Großgehegen und Volieren rund 40 verschiedene Säugetier- und Vogelarten aus der heimischen Tierwelt leben. Es sind Tiere dabei, die früher hier lebten, wie Bär und Wolf, und Exemplare, die es heute auch in freier Wildbahn gibt wie Luchs, Wildkatze, Otter oder Uhu.

Der Blick schweift über das weitläufige und hügelige Gelände für die Luchse. Und bleibt plötzlich in den Felsen weit oben hängen. Liegt da nicht was? Tatsächlich, denn kurz darauf hebt einer der Luchse den Kopf und wenig später den Oberkörper — schaut ganz entspannt von weit oben auf uns neugierige Besucher hinab. Mindestens drei bis vier Stunden sollten Besucher für den sieben Kilometer langen Rundweg einplanen, wenn sie in Ruhe nach Wisenten, Elchen, Luchsen, Uhus und einigen anderen Tieren Ausschau halten wollen.

Ortswechsel: Von Neuschönau fahren wir 34 Kilometer (oder 35 Auto-Minuten) mitten durch den Nationalpark Bayerischer Wald zur Gemeinde Lindberg beim Glas-Städtchen Zwiesel. In Lindberg-Ludwigsthal lädt im Nationalparkzentrum Falkenstein ein weiteres Tier-Freigelände zum Besuch ein. Auch hier leben in großen, nach den Lebensbedingungen der Tiere gestalteten Gehegen Luchse und Wölfe, außerdem Wildpferde und Auerochsen. Einen der Luchse haben wir relativ schnell entdeckt, er bewegt sich in einiger Entfernung durch die Büsche und ist stets halb verdeckt. Weiter oben, in einem Waldgebiet, haben wir mehr Glück: Ein Prachtexemplar streift um die Bäume, bleibt stehen, setzt sich auf die Hinterbeine, präsentiert sein geflecktes, sandfarbenes Fell und den Kopf mit dem Backenbart und den Ohren mit den schwarzen Haarpinseln – ein prächtiges Tier.

Doch wo sind die Wölfe? Deren Gelände ist ebenfalls nur zu einem kleinen Teil einsehbar. Wir bleiben mehrmals stehen, scannen das Gebiet – nichts. Hinter der Brücke führt der Weg zu einem hohen Holzturm. Unsere letzte Chance. Wir steigen die Treppen hoch bis zur Plattform ganz oben. Gehen einmal rund – und stutzen: Was ist das für ein grau-weißer Fleck da hinten auf dem Waldboden? Der Blick durch die Kamera mit dem Teleobjektiv gibt Gewissheit: Da hat es sich ein ausgewachsener Wolf auf einer kleinen Lichtung zwischen Gestrüpp, Moosen, Baumstümpfen und Steinen gemütlich gemacht. Es dauert ein Weilchen, dann hebt er den Kopf, schaut in unsere Richtung, reckt sich kurz, dreht sich in die andere Richtung und kuschelt sich zusammen. Nach dieser Begegnung kehren wir im Haus zur Wildnis im Nationalparkzentrum ein und genießen im Restaurant die leckere Bio-Küche.

Die beiden Tier-Freigelände sind nur zwei Attraktionen, die der 1970 eröffnete, älteste Nationalpark Deutschlands zu bieten hat. Er ist gut 24 000 Hektar groß und bildet zusammen mit dem angrenzenden Nachbarnationalpark Sumava in Tschechien das größte Waldschutzgebiet Mitteleuropas. Zwischen Atlantik und Ural gibt es keinen Ort, an dem sich die Natur auf so großer Fläche nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln kann. „99 Prozent der Fläche sind Wälder, ein Prozent offene Hochmoore und historisch gewachsene Waldweiden“, erklärt uns Waldführer Richard Buchner bei einem Rundgang durch das Freigelände des Nationalparkzentrums Lusen. Dort lockt auch der 1300 Meter lange Baumwipfelpfad Bayerischer Wald. Der führt in acht bis 25 Metern Höhe über dem Waldboden durch die Natur und dann auf den 44 Meter hohen Baumturm, von dem man einen großartigen Rundumblick genießen kann. Hier liegt einem der Nationalpark quasi zu Füßen und der Blick schweift bis zu den höchsten Gipfeln, dem Lusen (1373 Meter) und dem Großen Rachel (1453 Meter).

„Der Bayerische Wald gehört zu den ältesten Gebirgen der Welt“, berichtet Waldführer Buchner, „er ist 300 Millionen Jahre alt.“ Im National­park, der nächstes Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, hätten Stürme und Borkenkäferbefall, die man ja eigentlich als Katastrophen einstuft, für eine Walderneuerung gesorgt. „Aus einseitigem Wirtschaftswald entwickelt sich hier immer mehr ein Urwald mit großer Artenvielfalt“, sagt Buchner, der auch seltenen Tieren wie Luchs, Wildkatze oder ­Auerhahn Rückzugsräume biete. Wenn die alles dominierenden Fichten zurückgedrängt werden, verjünge sich der Wald, so würden hier jetzt wieder vermehrt Holunder und Vogelbeere, Birken, Weiden und Weißtannen wachsen. „Inzwischen haben wir im Nationalpark 489 Moosarten“, berichtet der Waldführer. „Wenn man die Natur in Ruhe lässt, ist es faszinierend, was sich alles entwickeln kann.“ Zweiter Hauptbestandteil ist neben dem Wald das Wasser, rund 800 Kilometer lang sind die Gewässer, die sich durch den Nationalpark ziehen, aus 500 Quellen sprudelt wertvolles Waldwasser, deckt große Teile der Trinkwasserversorgung ab.

Ein faszinierendes Erlebnis ist die Besteigung eines der höchsten Gipfel im Nationalpark. Willi Selwitschka von der Nationalparkwacht kennt sich bestens aus, führt uns nicht über die markierte Haupt­route, die sogenannte „Himmelsleiter“, zum 1373 Meter hohen Lusen, sondern über schmale Pfade durch eine unberührte Landschaft an der tschechischen Grenze vorbei. „Auf Wander- und Radwegen sowie Loipen kann man den Nationalpark erkunden“, weiß Selwitschka – und damit eine der wildesten und ursprünglichsten Regionen Europas mit einer außergewöhnlichen Naturentwicklung kennenlernen.

In den großen Tier-Freigehegen im Nationalpark Bayerischer Wald, die Tag und Nacht zugänglich sind, kann man Luchse und Wölfe beobachten. Sie haben hier Rückzugsräume, die denen in der freien Natur ähneln. Foto: Thomas Reinhardt
Nationalpark Bayerischer Wald TR. Foto: Thomas Reinhardt
Wildromantisch: Die Steinklamm bei der Gemeinde Spiegelau. Foto: Thomas Reinhardt

Nach einer wildromantischen Tour durch eine Heidelandschaft mit schier endlosen Heidelbeersträuchern folgt der steile Anstieg über mächtige Felsplatten. Der ausgedehnte Gipfelbereich des Lusen ist vollständig mit Granit-Felsblöcken bedeckt, die mit hellgrünen Flechten bewachsen sind. Oben am Gipfelkreuz bietet sich ein fantastischer Rundumblick. Ein paar Meter unterhalb kehren wir mit unserem Nationalparkführer ins Lusenschutzhaus ein und genießen deftige bayerische Kost und hausgebackenen Kuchen.

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