Der Monte Generoso liegt im weniger beachteten südlichen Teil des Tessins

Das Mendrisiotto in der italienischen Schweiz : „Momo“ lockt Touristen ins Tessin

Der Monte Generoso liegt inmitten eines Naturparadieses am südlichen Rand des Schweizer Kantons.

Carlo Crivelli hat einen Traum. Besser gesagt: Der 55-Jährige möchte den Traum seines Vaters Wirklichkeit werden lassen. Aus dem fast verlassenen Ort Scudellate soll ein Hoteldorf werden. Als schützenswert gilt das kleine Dörfchen in 910 Meter Höhe, das nur wenige Kilometer von Italien entfernt in der Schweiz liegt, ohnehin. Geht der Hotel-Plan auf, werden es künftig viel mehr Menschen als bisher hier im Tessin besuchen.

Wenn Carlo Crivelli nicht gerade ein Bergdorf rettet, verdient er in Balerna sein Geld. Er ist Inhaber des Weinkellers Borgovecchio und organisiert für Touristen auch Touren durch die Weinberge. Mit dem Fahrrad geht es von Station zu Station. Bei jedem Halt wird gegessen: Schinken, Salami, Käse sind obligatorisch, dazu wird der eine oder andere Wein probiert. Der Tessiner Wein schmeckt. Da er die Radler ins Schwanken bringen könnte, sollte lediglich ­gekostet werden.

Im Schweizer Kanton Tessin gibt es 1097 Hektar Rebfläche. Ein Drittel davon befindet sich im südlichsten Zipfel. Mailand kennt man, Lugano auch. Die Gegend dazwischen, das Mendrisiotto, ist vielen unbekannt. Hier verbinden sich Schweiz und Italien in sehr angenehmer ­Weise.

Hier gibt es viele Winzer, die auf kleinen Parzellen im Nebenerwerb Wein herstellen und im Hauptberuf etwa bei der Eisenbahn ihr Geld verdienen. Einige von ihnen bringen erstaunliche Qualität hervor – und heimsen Preise ein. Wer im Tessin Wein probiert, stößt immer wieder auf Merlot. Er ist das, was die Winzer Leitsorte nennen. 30 Jahre hat er gebraucht, um sich durchzusetzen. Und üblicherweise ist die Traube rot. In den 1980er Jahren haben Tessiner Winzer damit begonnen, ihn weiß auszubauen. Mit Erfolg.

2170 Sonnenstunden werden im Jahr im Tessin gezählt. Eine gute Garantie für Urlauber, welche frische Luft schätzen. Am Monte Generoso lässt sich das sehr gut mit Bewegung und Genuss verbinden.

Eine Zahnradbahn erspart den Aufstieg. Sie gehört der schweizerischen Kette Migros, die auch das Gipfelrestaurant betreibt. Das hat 2016 ein völlig neues Aussehen bekommen. Mario Botta, der aus dem Tessin stammt und weltweit als Star-Architekt gilt, hat es geplant und damit den Berg verlängert, ihn um eine Steinblume (Fiore di petra) erhöht. „Momo“ nennen die Einheimischen den Monte Generoso liebevoll. Botta hat ihn als Kind bei einer Nachtwanderung für sich entdeckt. Als Architekt kehrte er sozusagen an diesen Ort seiner Kindheit zurück und setzte sein architektonisches Zeichen.

2020 wird die Zahnradbahn, die von Capolago am Luganersee zum Monte Generoso führt, 130 Jahre alt. Die Talstation liegt am See, weil einst viele Menschen mit dem Schiff hierher kamen. Zur damaligen Zeit wurden die Alpen mit moderner Technik erschlossen. Für den Süden des Kantons Tessin hat die Bahn noch heute eine wichtige Funktion, da er touristisch weniger erschlossen ist. Sie braucht 40 Minuten bis auf die Höhe von 1704 Metern – von hier aus hat man einen wunderbaren Blick und ist zu Fuß in 15 Minuten auf dem Gipfel.

Nur wenige Schritte neben der Steinblume scheint die Zeit stillzustehen. Familie Clericetti lebt hier den Sommer über mit ihren Kühen, Ziegen und Schafen. ­Formaggini stellen sie her, frische, kleine Käse, die man mit Öl, Essig, Salz und Pfeffer isst. Das kann man direkt bei den Clericettis tun – sie bringen den Käse aber auch zum Verkauf ins Tal, wo sie auch den Winter verbringen.

Auf den Alpen des Monte Generoso wird auch die Kuh- und Ziegenmilch für den Zincarlin gewonnen. Das ist ein Käse, der typisch für das Muggiotal ist. Im 19. Jahrhundert hat ihn hier jede Familie hergestellt.

Das Schöne am Mendrisiotto, diesem gar nicht so bekannten südlichen Zipfel des Tessins: Man ist sich der Traditionen bewusst und pflegt sie. Das Muggiotal etwa, hat den Ruf, eine der authentischsten Gegenden des Tessins zu sein. 2014 verlieh die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz ihm den Titel „Landschaft des Jahres“.

Allmählich will sich die eher noch wenig bekannte Ecke der italienischen Schweiz touristisch weiterentwickeln. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Und schon jetzt ist, wer es zwischendrin mal nicht ganz so ruhig und ein wenig mondäner haben möchte, schnell am
­Luganer See.

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