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Der barocke Irrgarten in Altjeßnitz ist der größte seiner Art

Irrgarten Altjeßnitz : Verirren ist hier ausdrücklich erlaubt

Gartenkunst aus mehreren Jahrhunderten gibt es in Sachsen-Anhalt zu bestaunen. Darunter auch der barocke Irrgarten Altjeßnitz.

Es ist Zeit Geburtstag zu feiern. Schließlich sind genau 20 Jahre vergangen, seit das Land Sachsen-Anhalt mit dem Netzwerk „Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt“ ein einzigartiges Projekt aus der Taufe hob: Eine kleine, überschaubare Auswahl schöner Parkanlagen repräsentiert seitdem die riesige Fülle an Gartendenkmalen in Deutschlands grüner Mitte und bringt der Öffentlichkeit die Historie ihrer Gartenkunst vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart nahe.

Derzeit zählen 50 Anlagen zu Sachsen-Anhalts „Gartenträumen“ und bezeugen mit ihrer Individualität die Vielfalt dieses gartenkulturellen Erbes. Da steht die Zisterzienserabtei Michaelstein mit ihren Kräuter- und Gemüsebeeten für die klösterliche Gartenarchitektur des Mittelalters, während Schloss Hundisburg ein gutes Beispiel für die verspielte Pracht und Akkuratesse eines Barockgartens abgibt. Der wurde abgelöst von den Landschaftsparks im späten 18. und 19. Jahrhundert, die das Faible für geometrische Formen zugunsten größerer Natürlichkeit aufgaben. „Begehbare Landschaftsgemälde“ wie in England entstanden, deren deutscher Prototyp sich in Dessau-Wörlitz findet, wo Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, einem weitgereisten Mann und aufgeklärten Geist, mit einem Ensemble aus Gärten, Architektur und Bildender Kunst ein großer Wurf in Sachen Landschaftsgestaltung gelang. Doch auch das Heute hat einen Platz in den „Gartenträumen“. Etwa mit der größten Rosensammlung der Welt im Europa-Rosarium Sangerhausen.

So ist jeder der 50 Gärten, die mit Farben wie Düften verführen und Besucher mit zahlreichen Veranstaltungen oder der Aussicht auf ein Picknick ins Grüne locken, besonders. Egal ob er prominent ist wie das Gartenreich des Fürsten oder eher unbekannt wie der einstige Gutspark der adligen Familie von Ende, der uns rund 40 Kilometer nordöstlich von Halle ins 400-Seelen-Dorf Altjeßnitz führt, das sich malerisch in die Auenlandschaft des Flusses Mulde bettet.

Altjeßnitz ist wahrlich ein ebenso kleiner wie bescheidener Ort. Mit einer wenig befahrenen Hauptstraße, an deren Rand sich fast unbemerkt hinter einem Zaun das Areal des Parks erstreckt. Man schrieb das Jahr 1694, als ein Freiherr von Ende, Hans Adam war sein Name, hier das Rittergut der Herren von Reppichau kaufte und nur ein paar Jahre später den Bau eines neuen Schlosses nebst spätbarocker Außenanlage in Angriff nahm. Von dem einst noblen Landsitz haben nur Reste die Zeiten überdauert. Und auch der Park hat seinen ursprünglichen Charakter, bedingt durch mehrfache Änderungen, verloren. Nur sein barocker Irrgarten, angelegt ab 1730, hat überlebt. Eine Rarität, denn nirgendwo sonst in Deutschland findet sich ein Konkurrent, der dieses Heckenlabyrinth in Alter und Größe schlägt.

Von außen ein geschlossenes Quadrat aus Hainbuchenblättern, erlaubt der Irrgarten nur an drei Eingängen den Zutritt in sein Innenleben – der vordere markiert von der Steinskulptur der spärlich bekleideten Ceres, der Göttin der Feldfrüchte.

2600 Quadratmeter misst der Irrgarten, und auf über 1200 Meter addieren sich seine schmalen Wege, die sich zwischen zwei Meter hohen Laubwänden verlieren. Genügend Potential also für jede Menge Irrungen und Wirrungen. Doch keine Sorge. „Ab und zu müssen wir zwar etwas helfen“, lacht Parkmitarbeiterin Simone Wilke. „Aber raus findet man immer!“ Und vielleicht ja auch mit etwas Glück erst einmal in die Mitte des Irrgartens, wo eine Aussichtsplattform einen 1A-Blick über das verschlungene Grün erlaubt.

Das barocke Kleinod liegt im Zentrum des ehemaligen Schlossparks. Schotterwege zerteilen dessen vier Hektar große Fläche, umrunden und begleiten Rasenstücke, auf denen die Sonne die Schatten breiter Baumkronen langsam vor sich hertreibt. Hinter einem verträumten Feldsteinkirchlein führt eine Brücke über einen Graben in den wilderen Teil des Parks, wo Efeu statt Gras den Platz zwischen alten Stämmen überschwemmt und tote Baumstümpfe überwuchert.

Vogelzwitschern füllt die andächtige Stille, während die Blätter der Rosskastanien, Eichen und Linden, von Tulpen- und Trompetenbaum, Rot- und Hainbuche im Wind leise dazu flüstern. Indes spaziert der Mensch über die Pfade oder macht Pause auf einer Bank. Und genießt einfach nur die Wahrhaftigkeit der Natur.

Reisekarte Altjeßnitz Foto: SZ/Steffen, Michael

www.gartentraeume-
sachsen-anhalt.de