Den Hardangerfjord in Norwegen bietet malerische Landschaften

Herbe Schönheit : Atemberaubende Fjordlandschaft Norwegens

Riesige Wasserfälle, Gletscherwanderungen und Felsenwege erwarten Urlauber am Hardangerfjord im Südwesten des Landes.

Mark van de Buerie atmet sie tief ein, die kalte, klare Luft. „Das ist für mich der schönste Ort der Welt. Ich will nie wieder weg“, schwärmt der gebürtige Belgier, der in der Fjordlandschaft Norwegens seine neue Heimat gefunden hat. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Hans Olav Laegreid, einem wettergegerbten Norweger, führen sie Touristen vom Dorf Eidfjord am Ufer des Hardangerfjords über zerklüftete, in Felsen gebrochene Wege, vorbei an dröhnend rauschenden Wasserfällen hinauf auf die Ebene, „die genau so hoch ist, wie die Fjorde tief sind“.

Doch hier oben erzählen die beiden noch andere Geschichten. Van de Buerie weiß alles über die Wikinger, die einst an diesen weitverzweigten Fjorden lebten und von dort ihre gefürchteten Beutezüge starteten. 300 Jahre tauchten sie in Europa überall dort auf, wohin sie ihre wendigen Langschiffe trugen. Hans Olav Laegreid wiederum weiß Geschichten von kühnen Bergsteigern, die im Winter die Wasserfälle hochkraxeln, wenn diese gefroren sind und als eisige Säulen an den Felsen kleben.

Oder er erzählt vom Fossli Hotel, das 1891 auf dem höchsten Felsen des Hardangergebirges erbaut wurde. Weil damals noch keine Passstraße hinaufführte, schleppte Ola Garen, der diese kühne Idee einer Herberge in luftiger Höhe hatte, das gesamte Baumaterial mit Pferden auf den Berg. Heute führt längst eine Straße hinauf auf die Hochebene und die Gäste des Fossli Hotel genießen einen grandiosen Blick über die karg bewaldete Felslandschaft und auf den mächtig tosenden Voringsfossen, der mit 182 Metern der höchste Wasserfall Europas ist.

Ausgangspunkt für alle Touren ist Eidfjord am Ende des Hardanger­fjords. Leicht verschlafen breitet sich das Dorf auf den Hügeln am Fuß der Berge aus. Häuser mit gedrungenen Fenstern und dicken Wänden, die den Winterstürmen trotzen müssen, reihen sich entlang der Hauptstraße. Doch der Ort mit seinen knapp 1000 Einwohnern erwacht zu ungeahntem Leben, wenn Kreuzfahrtschiffe den Weg durch den Fjord finden, um ihren Gästen die herbe Schönheit dieser urtümlichen Landschaft näherzubringen. Zehntausende sind es jedes Jahr. Dann wird der Trollzug angespannt, der in einer knappen Stunde alle Sehenswürdigkeiten abfährt, unter anderem Westnorwegens größtes Gräberfeld aus der Eisen- und Wikingerzeit. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann sich im Hotel Voringfoss einquartieren. An schönen Tagen können die Gäste auf ihrem Balkon den Untergang der Sonne über dem Fjord genießen, wenn sie mit ihren letzten Strahlen das stille klare Wasser in satte Farben taucht.

Wer mehr über die norwegische Landschaft und seine erdgeschichtliche Historie wissen will, kann das Naturzentrum besuchen, das etwas abseits liegt und im Frühjahr 2018 komplett neu gestaltet wurde. Schon der Panoramafilm „Fjorde, Berge, Wasserfälle”, der wegen der konkaven Mega-Leinwand im Vorführraum den Eindruck vermittelt, als würde man im Hubschrauber über die Landschaft gleiten, verschlägt einem den Atem. Auf drei Etagen taucht man anschließend in 2,9 Milliarden Jahre norwegische Erdgeschichte ein, lernt, wie die Fjorde und Gletscher in zahlreichen Eiszeiten entstanden und wie die ersten Jäger das raue Land eroberten. Die Tagesaktivitäten sind eher sportlicher Natur. Dazu gehören neben geführten Wanderungen eine Art Bunjee-Sprung über dem Wasserfall, Mountainbiking, Kajak fahren oder Angeln in der reißenden Strömung eines wilden Flusses.

 Doch die Natur am Hardanger­fjord kann nicht nur wild, sie kann auch malerisch sein. So zum Beispiel im Städtchen Rosendal, drei Autostunden südwestlich von Eidfjord. Die Berge, die hinauf zum Folgevonn-Nationalpark führen, rücken ein wenig in den Hintergrund und machen einer sattgrünen Talaue Platz, in die einzelne Baumgruppen gesprenkelt sind. Ein fast südländischer Charme geht von der Baronie Rosendal aus. Das stattliche weißgetünchte Haus mit seinen Sprossenfenstern gilt als das kleinste Schloss Skandinaviens. Eingebettet ist es in einen Landschaftspark, in dem Gemüse- und Blumenbeete in sanfter Eintracht nebeneinander stehen. Obstbäume, Wiesen und Wege lockern die strenge Beet-Geometrie auf und fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Ganz anders wirkt der unweit vom Schloss angelegte Steingarten auf den Besucher. Die aus den nahen Bergen gehauenen und geometrisch geformten Granitbrocken bilden einen spannungsreichen Kontrast zu den Steinen, die von der Natur scheinbar wahllos in die Landschaft geworfen wurden. Auf Schautafeln wird – auch in deutscher Sprache – die Zusammensetzung der Steine erklärt und warum sich in ihren Hohlräumen Kristalle bilden können.

Mit 182 Metern ist der Voringsfossen im norwegischen Bergen der höchste Wasserfall Europas. Foto: Visitnorway.de/Gaby Bohlen

Was die Besucher im Folgevonn-Nationalpark auf dem Bergrücken östlich von Rosendal erwartet, ist im gleichnamigen Center in der Ortsmitte zu besichtigen. Dort werden sie auf eine beinahe alpine Landschaft vorbereitet – mit grünen Bergseen, saftigen Wiesen-Oasen, aber auch mit Gletschern und Felslandschaften, auf denen nur Moose und Flechten wachsen. Bereits seit 1833 lockt der drittgrößte Nationalpark Norwegens tritt- und gehfeste Naturliebhaber aus der ganzen Welt an.

Mehr von Saarbrücker Zeitung