Belfort und Ronchamp ziehen Architekturfans aus aller Welt an

Kostenpflichtiger Inhalt: Belfort : Entdeckungen in der Burgundischen Pforte

In Belfort und Ronchamp haben bekannte Architekten Bauwerke erschaffen, die Menschen aus aller Welt faszinieren.

Ein imposanter Löwe wacht seit 140 Jahren über Belfort. Die monumentale Skulptur aus roten Sandstein-Blöcken ist über 21 Meter lang und fast elf Meter hoch. Direkt unter der ebenso eindrucksvollen Zitadelle verbreitet das Wahrzeichen der Stadt nicht nur majestätisches Flair, sondern wirkt auch „furchterregend in seiner wütenden Raserei“, wie der Löwe von seinem Schöpfer Frédéric Auguste Bartholdi charakterisiert wurde. Der französische Bildhauer, dessen bekanntestes Werk die Freiheitsstatue in New York ist, schuf ihn als Denkmal zur Erinnerung an den Widerstand Belforts während der 103-tägigen Belagerung der Stadt im Deutsch-Französischen Krieg in den Jahren 1870 und 1871. Heute ist die Skulptur mit rund 60 000 Besuchern im Jahr ein Touristenmagnet der ­Region.

Das „Territoire de Belfort“ ist das kleinste Departement Frankreichs außerhalb des Pariser Einzugsgebiets. Es grenzt im Süden an den Schweizer Kanton Jura, im Norden liegt der Elsässer Belchen, auch bekannt als Ballon d’Alsace, ein Berg von 1247 Metern Höhe. Auch die deutsche Grenze ist nicht weit.

In dieser Gegend, zwischen Mülhausen, Basel, Montbéliard und Belfort, erstreckt sich die Burgundische Pforte. Der rund 30 Kilometer weite, flache Sattel zwischen den Vogesen und dem Jura galt schon in der Antike als strategisch wichtige Verbindung vom Rhein- ins Saônetal und war im Lauf der Geschichte oft umkämpft. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Stadt Belfort, die im 19. Jahrhundert gleich drei großen Belagerungen standhielt.

Bereits 1687 hatte Ludwig XIV. seinem Baumeister Vauban den Auftrag gegeben, die Zitadelle der Stadt zur Festung auszubauen sowie eine Stadtmauer und zahlreiche Wehrtürme zu errichten. Vieles davon ist bis heute erhalten.

Besucher der Zitadelle haben von der frei zugänglichen Panorama­terrasse einen weiten Ausblick über die Stadt und die umliegende Region. Wer möchte, kann einen Entdeckungsrundgang durch die unterirdische Festungsanlage unternehmen oder sich im Museum mit Militärgeschichte und dem Werk Bartholdis beschäftigen. Ein kleiner Felsengang unterhalb der Zitadelle führt direkt zum Löwen.

Am Fuße des 70 Meter hohen Zitadellen-Felsen erstreckt sich Belfort, das im Lauf der vergangenen 300 Jahre weit über die Stadtmauern hinausgewachsen ist. Beim Bummel durch die Altstadt fallen reizvolle pastellfarbene Fassaden sowie markante Gebäude und Sakralbauten in verschiedenen Architekturstilen, darunter Belle Epoque und Klassizismus, auf. Der Löwe ist allgegenwärtig: Rund 150 Darstellungen gibt es im gesamten Stadtgebiet.

In der warmen Jahreszeit ziert zudem üppiger Blumenschmuck die Stadt. Belfort ist eine ausgezeichnete Gemeinde des „Concours des villes et villages fleuris“, des französischen Wettbewerbs der blumengeschmückten Gemeinden. Der Ort trägt zudem den Titel „Ville d’Art et d’Histoire“, auf Deutsch „Stadt der Kunst und Geschichte“. Mehrere Kunstmuseen überraschen mit Werken großer Meister, darunter das Museum der schönen Künste mit Skulpturen von Auguste Rodin, Gemälden von Gustave Courbet und Stichen von Albrecht Dürer.

Nur rund 20 Kilometer von Belfort entfernt beeindruckt ein weiterer Ort Menschen aus aller Welt: die Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp, eine der Jungfrau Maria geweihte, katholische Wallfahrtskirche. Dass sie nicht nur Ziel für Gläubige, sondern auch für Architekturfans aus aller Welt ist, liegt an ihrem berühmten Baumeister. Le Corbusier hat hier zwischen 1953 und 1955 einen der bekanntesten Kirchenbauten der Moderne errichtet. Die Kapelle gilt als Ikone der Architektur und zählt mit 16 weiteren Le-Corbusier-Bauten zum Unesco-Weltkulturerbe. Brutalismus, ein Baustil, der nach dem französischen Wort für „béton brut“, auf Deutsch „Sichtbeton“ benannt ist, zeigt sich hier in einer besonders poetischen Form.

Das Kirchlein steht auf einer Lichtung an der Spitze eines bewaldeten Hügels. Schon von Weitem ist das weiße Bauwerk zu erkennen. Markant ist das Dach, das aus zwei geschwungenen Betonschalen besteht, und einer Krebsschale nachempfunden ist. Es erhebt sich neun Meter hoch und ragt weit über die Wand hinaus, um so bei Freiluftgottesdiensten dem außenliegenden Altar sowie der Sängerempore und der Kanzel Wetterschutz zu bieten.

In unmittelbarer Nähe zur Kapelle stehen zwei weitere Le-Corbusier-Gebäude: das Wohnhaus des Kaplans und die ehemalige Pilgerunterkunft, die besichtigt werden kann. Die Glocken der Kapelle sind nicht im 27 Meter hohen Hauptturm zu finden, sondern in der Nähe auf freiem Feld. Das Geläut besteht aus drei Bronzeglocken, die nebeneinander in einer einfachen Stahlkonstruktion hängen.

Die Lichtführung im schlicht gestalteten Innenraum der Kapelle sorgt für eine andächtige, geheimnisvolle Atmosphäre. Dies wird vor allem in den drei Seitenkapellen deutlich, wo das von oben einfallende Tageslicht sanft reflektiert wird. Bunte Glasöffnungen sorgen für ein meditatives Farbenspiel. Sowohl außen als auch innen zeigt sich eine Fülle an visuellen Metaphern. Es ist ratsam, an einer Führung teilzunehmen, um die Symbolkraft der zahlreichen gestalterischen Elemente, die sich oftmals erst beim zweiten Blick offenbaren, zu verstehen.

Ronchamp ist ein Ort der Kunst, der Architektur und der Spiritualität. Um Letztere kümmern sich die sieben Schwestern des nahegelegenen Klarissenklosters, das 2011 eröffnet wurde. Auch hier war ein Star-Architekt am Werk: Der Italiener Renzo Piano schuf das Gebäude, das sich unauffällig in die hügelige Landschaft einpasst. Jede der zwölf Zellen, sowohl die für die Nonnen als auch jene für Gäste, hat einen kleinen Wintergarten und eine Glasfront, die Blick auf die freie Natur bietet. Hier und bei den Gemeinschaftseinrichtungen wurden nur Beton, Holz und Zinkblech als Baumaterialien verwendet. Doch was auf den ersten Blick schlicht, wenn nicht karg anmutet, strahlt nach kurzer Zeit Wärme und Geborgenheit aus. Besucher können mit den Nonnen beten oder persönliche Gespräche führen.

Die Kapelle „Notre Dame du Haut de Ronchamp“ wurde nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtet. Foto: G.Vielle/ AONDH

Und es bietet sich noch eine weitere besondere Gelegenheit: ein kurzer Spaziergang zur Kapelle von Ronchamp in der Abend- oder Morgendämmerung. Dann ist der Zauber des Ortes besonders intensiv zu spüren.