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Auszeit inmitten fruchtbarer Hügellandschaft

Auszeit inmitten fruchtbarer Hügellandschaft

Sie kommen mit Wohnmobilen oder mieten Ferienhäuser mit Blick auf die Adria. An so manchem Strand liegen Touristen so dicht nebeneinander, dass kaum noch zu sehen ist, ob der Untergrund aus Kies oder Sand besteht. Um dem Trubel an Kroatiens Küste zu entgehen gibt es zwei Möglichkeiten: Reisende können eine der vielen einsamen Buchten besuchen oder ins Landesinnere ziehen. Denn auch dort hat sich in den vergangenen 15 Jahren für Touristen viel getan. Wer Aktivurlaub schätzt, dem bieten sich Wander- und Radfahrstrecken durch das fruchtbare Land, vorbei an Olivenhainen, Feigenbäumen und Lavendelbüschen.

Zuhause bei Familie Tikel

So entstand der Tourismus in {Scaron}pinovci, einem Dorf mit fünf Häusern inmitten der Hügellandschaft Istriens. Die dort seit mehreren Generationen ansässige Familie Tikel richtete drei Appartements in ihrem 300 Jahre alten Steinhaus ein, stilecht mit Dielenboden und alten Möbelstücken. Das ist mittlerweile fast 20 Jahre her. Zwar hat sich in der Zwischenzeit viel auf dem Hof der Familie getan. Neben der holprigen Piste, über die man anreist, ist allerdings auch die Ruhe geblieben, die schon die ersten Besucher schätzten. Außer gelegentlichem Bellen, Gackern oder Summen hört man nichts von der Terrasse der Taverne, von wo man auf das mittelalterliche Städtchen Motovun blickt, das isoliert hoch oben auf einem Hügel liegt.

Auf dem 13 Hektar großen Gelände des Bauernhofs wachsen Weintrauben , Oliven, Feigen, Äpfel, Pfirsiche, allerlei Sorten Gemüse - eben alles, was ein Selbstversorger braucht. Nur wenige Produkte kauft Familie Tikel ein, allerdings alles regional. Deswegen auch der Name "Agroturizam Tikel". Der Begriff besiegelt, dass alles Angebotene auf dem Hof aus eigener Produktion beziehungsweise umliegenden Bio-Betrieben stammt.

Das Tikel-Olivenöl beispielsweise kommt von den derzeit etwa 7000 Olivenbäumen. Und aus den Weintrauben , die an Rebstöcken auf fast einem Drittel des Anwesens gedeihen, produziert die Familie im Jahr 25 000 Liter Wein.

Für die Familie bedeutet der Bauernhof natürlich vor allem eines: Arbeit. Dass ein solcher Ort für Touristen interessant sein könnte, daran dachte lange niemand. Heute nimmt die elfköpfige Familie interessierte Gäste mit aufs Feld und in den Wald und zeigt ihnen alle Aspekte des Landlebens. Die Hauptaufgaben auf dem Hof teilen sich drei Geschwister: Der 42-jährige Denis ist darunter der älteste. Er sorgt für alles Landwirtschaftliche rund ums Haus. Im Juni und Juli etwa ist er damit beschäftigt, die Reben von Blättern zu befreien, damit die noch kleinen Trauben mehr Sonne abbekommen und somit besser reifen.

Denis' Hände sind von der Arbeit auf dem Feld gezeichnet, dünne, dunkle Schnitte überziehen seine Finger. Fünf Jahre studierte er Landwirtschaft in Zagreb, zwei Jahre arbeitete er in Italien. Dass er zurückkommt, war für ihn klar. "Ich bin glücklich hier", sagt der Familienvater.

Auch Ivica hat "die Tikels" vergrößert, seine zwei Kinder wachsen ebenso hier auf. Während seine Frau Gäste in der Taverne bedient, steht er in der Küche. "Es ist ein einziges Experiment", sagt der 36-Jährige über das Kochen. Dabei träumte er als Jugendlicher davon, mit Holz zu arbeiten. "Aber warum fortgehen, wenn es zuhause Arbeit gibt", sagt er. Für den Job in der Küche war er schnell zu begeistern. Dort bereitet er heute lokale Spezialitäten zu. Dazu gehört der Schweinerücken auf istrische Art, Ombolo genannt, grobe Bratwürste, hausgemachte Schupfnudeln oder Gnocchi mit Trüffelsoße.

Der kulinarisch wertvolle Pilz wächst in der Region. Ivica geht oft mit seinen Trüffelhunden auf Suche. "Ich muss immer aufpassen, dass niemand sieht, wo ich hingehe", erzählt er. Denn jeder Trüffelsucher habe so seine Fundstellen, an denen es wahrscheinlich ist, dass dort immer mal wieder etwas wächst. Neugierige Gäste nimmt Ivica allerdings mit und präsentiert ihnen, wie seine Hunde den Trüffel aufspüren können.

Weiße Trüffel im Herbst

Im Herbst, besonders wenn die Saison für den weißen Trüffel beginnt, führt der 36-Jährige seine Hunde mehrmals täglich aus. Und zwar nicht nur seine Trüffel-Schnüffler sondern auch seine Jagdhunde. Auch hierbei dürfen Touristen ihn begleiten.

Seine Schwester Marijana finden Besucher meist in der Taverne. Die temperamentvolle 30-Jährige hat Tourismus studiert und unterstützt die Familie mit ihrem Fachwissen, wo sie kann. Jedes der drei Geschwister hat seinen Platz auf dem Hof gefunden. Sie alle sind freiwillig geblieben, auch wenn es für sie harte Arbeit bedeutet. "Am Ende des Tages, weiß man, was man geschafft hat", sagt Marijana. Ivica arbeitet im Sommer oft 15 Stunden am Tag. Wenn er selbst einmal Urlaub machen könnte, dann würde er gerne auf eine einsame Insel ohne Menschen gehen, sagt er und lacht dabei. Doch alles Geld, was er verdient, fließt gleich wieder in den Familienbetrieb.

Selbst die Großmutter hockt Tag für Tag in der Scheune und leistet mit ihren 92 Jahren noch ihren Beitrag während ihr Urenkel Valentin seinem Vater auch mal mit aufs Feld folgt. Die vier Generationen der Familie Tikel setzen das fort, was ihr österreichischer Vorfahre vor etwa 350 Jahren begonnen hat. Als Waise sei er in die Gegend gekommen, erzählt Marijana. Erst habe er sich im Tal als Feldarbeiter verdingt, bevor er dann die Tochter eines Landbesitzers geheiratet und schließlich das Steinhaus auf dem Hügel gebaut habe.

Ein weiteres Relikt vergangener Zeiten, das dort quasi vor der Haustür liegt, ist die ehemalige Strecke der Parenzana. Diese Bahn, die vom italienischen Triest bis an die istrische Küste nach Porec fuhr, war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Betrieb. 1935 wurde die Bahnstrecke stillgelegt. Als Rad- und Wanderweg ist sie heute einer der zahlreichen Anziehungspunkte für Aktivurlauber. Viele von ihnen machen einen Stopp auf dem Hof. Laut Marijana sind es meist Stadtmenschen, aber auch Familien. "Sie kommen hierher, weil sie einfach mal nichts machen wollen."

Zum Thema:

Auf einen Blick Wer ein wenig die Gegend erkunden will, der erreicht das Meer in einer halben Stunde, die Stadt Porec in etwa 40 Minuten mit dem Auto, Wasserfälle gibt es in Pazin, der Radweg Parenzana und die Stadt Motovun liegen direkt vor der Haustür. Und wer außer Hasen füttern und Esel streicheln noch mehr erleben möchte, dem zeigt Familie Tikel ihr Leben auf ihrem istrischen Bauernhof. Für Touristen ist besonders der späte Sommer und Herbst zur Traubenernte oder Pilzsuche interessant. pam