Verschwunden aber nicht vergessen: Der kleine Pascal aus Burbach

Trauriger Jahrestag im Saarland : Verschwunden aber nicht vergessen: Der kleine Pascal aus Burbach

Vor 18 Jahren, am 30. September 2001, verschwand der fünf Jahre alte Pascal aus Saarbrücken-Burbach spurlos. Sein Schicksal ist bis heute nicht geklärt. Wir erinnern in unserer Chronologie an die letzten bekannten Stunden in seinem Leben und vieles, was danach passiert ist.

Saarbrücken, Stadtteil Burbach. Es ist ein ruhiger Sonntagnachmittag im September. Kirmessonntag. Wenige hundert Meter vom Festplatz entfernt ist Pascal (5) mit seinem Rad unterwegs. Weil er so klein ist, fährt er Schlangenlinien. „So ein kleines Kind allein auf der Straße“, denkt der Autofahrer hinter ihm. Er sieht, wie Pascal zu zwei anderen Kindern fährt, und merkt sich kopfschüttelnd das Gesicht des Jungen. Der Autofahrer wird einer der letzten sein, die den Fünfjährigen lebend gesehen haben. Denn am Abend des 30. September 2001 ist Pascal aus Saarbrücken-Burbach spurlos verschwunden.

Seine Familie, Freunde, Bekannte und Nachbarn machen sich auf die Suche. Mit dabei sind auch Bedienungen und Stammgäste aus der Burbacher Bierkneipe „Tosa-Klause“. Die Wirtin, ihre Helfer und viele Gäste der eher schmuddeligen Kneipe in einem Barackenbau kennen den Jungen aus der Nachbarschaft. Doch die erste Suche nach Pascal am Abend des Sonntags bleibt ohne Erfolg. Ebenso wie die groß angelegten Suchaktionen der folgenden Tage mit Hundertschaften der Polizei, mit Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und anderen. Nahezu jeder Stein in dem von hoher Arbeitslosigkeit und dem früheren Eisenhüttengelände geprägten Saarbrücker Stadtteil wird dabei quasi mehrfach umgedreht. Nachbarn, Bekannte, Freunde, Verwandte, sogar alle Schausteller der Kirmes werden befragt. Ohne Erfolg.

Auch die rund 400 Hinweise aus der Öffentlichkeit führen ins Nichts. Was bleibt, als die Sonderkommission der Polizei im Frühjahr 2002 personell reduziert wird, ist eine düstere Vermutung. Sie stützt sich auf den Charakter des hübschen Jungen, der von vielen als scheu beschrieben wird. „Mit Fremden hat er nicht geredet, mit Fremden wäre er nie mitgegangen“, heißt es. Dies und der rekonstruierte Tagesablauf des Jungen weisen eindeutig in Richtung Burbach. Dort war Pascal offenbar den ganzen Kirmessonntag im September 2001 unterwegs. Morgens mit dem Kindergarten im Gottesdienst und nach dem Mittagessen zu Hause dann allein mit seinem Rad. Auf die Kirmes durfte er nicht, das hatte ihm die Mutter verboten, also suchte er im Ort Gesellschaft. Ein Spielkamerad hatte keine Zeit, bei einem Nachbarn war seine Ansprechpartnerin nicht zu Hause. Und so weiter. Es war eben Kirmessonntag. Letztlich, so gegen 17 Uhr, stand der Junge an einer Straßenkreuzung, nur wenige Meter entfernt von der „Tosa-Klause“. Ein Nachbar kam vorbei, streichelte ihm über den Kopf und meinte: „Pascal, geh‘ doch heim.“ Schließlich war es schon spät für den kleinen Jungen, so allein auf der Straße. Aber Pascal ging nicht nach Hause. Wohin es ihn stattdessen verschlug, das bleibt unklar.

Eine Spur führt in die zwischenzeitlich abgerissene „Tosa Klause“. Ab Februar 2003 erzählen drei Frauen und ein Mann aus der Burbacher Kneipe, dass Pascal an besagtem Kirmessonntag von einem Nachbarn in die „Tosa-Klause“ gelockt worden sei. In dem Kämmerchen der vollen Kneipe sei er von insgesamt fünf Männern sexuell missbraucht worden und gestorben. Eine Frau sagt sagt aus, dass sie beim letzten, besonders brutalen Missbrauch des Kindes dessen Oberkörper ins Kissen gedrückt habe, damit er aufhöre zu schreien. Danach sei Pascal tot gewesen, in einen Müllsack verpackt und in einer Kiesgrube im nahen französischen Schoeneck verscharrt worden. Die Polizei findet dort aber keine Spur von Pascal. Ein Experte für Aussagepsychologie wird von den Ermittlern zu Rate gezogen. Er sieht die Gefahr, dass auch bei einer Reihe von Geständnissen am Ende eventuell die ausreichende Beweiskraft fehlen könnte. Er rät den Ermittlern, sich vordringlich auf die Suche nach Sachbeweisen zu konzentrieren und genau zu prüfen, ob die vorhandenen Aussagen „wirklich als originäre Produkte der Aussagenden angesehen werden können“. Oder ob sie auch als „Verhörprodukte“ entstanden sein könnten. Aber handfeste Beweise oder Spuren des angeblichen Geschehens sind nicht zu finden.

Also müssen die Ermittler, die unter gewaltigem Erfolgsdruck aus Richtung Politik, Medien und Öffentlichkeit stehen, weitermachen wie gehabt. Am Ende klagt die Staatsanwaltschaft im Februar 2004 insgesamt 13 Frauen und Männer, die komplette Besetzung der Kneipe an jenem Sonntag, wegen Beteiligung an Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch und/oder Mord in Sachen Pascal an. Motto: Jeder der 13 habe in irgendeiner Form mitgemacht, entweder als Täter, als Anstifter oder als Helfer, beispielsweise als „Aufpasser“. Am 20. September 2004 beginnt der Strafprozess gegen die angebliche „Tosa-Gemeinschaft“. Aber schon relativ früh, ab Oktober 2004, kommen erste Zweifel an der Tragfähigkeit mancher „Geständnisse“ auf. Je mehr die Richter in die Details und in die Historie der Aussagen einsteigen, desto größer werden die Fragezeichen. Anfang Oktober 2005 – vier Jahre nach dem Verschwinden von Pascal und nach einem Jahr Pascal-Prozess – zieht das Schwurgericht eine erste Zwischenbilanz. Dabei wird deutlich, dass die Anklage wankt.

Nach und nach werden die Geständnisse widerrufen, Angeklagte aus der Untersuchungshaft entlassen. Im April 2006 wird der letzte der vermeintlichen Tathelfer aus der Untersuchungshaft entlassen. Rund zwei Monate später, im Juni 2006, werden auch die Haftbefehle gegen die sechs Hauptangeklagten aufgehoben. Begründung: Es bestehe kein dringender Tatverdacht mehr. Objektive Beweise für die Anklagevorwürfe gebe es nicht. Und die teils vagen, teils widersprüchlichen Aussagen reichten nicht zu einer Verurteilung. Damit ist die Pascal-Anklage nahezu vom Tisch, der Prozess steckt in der Sackgasse.

Im August 2007 sind alle Zeugen und Gutachter gehört, alle Akten verlesen. Die Beweisaufnahme wird geschlossen. Der Oberstaatsanwalt bleibt weitgehend bei der ursprünglichen Anklage wegen der angeblichen Ermordung und Vergewaltigung von Pascal. Ganz anders ist die Linie der Verteidigung, die Freispruch für alle Angeklagten fordert. Am 7. September 2007 verkündet das Schwurgericht am 148. Sitzungstag im Pascal-Prozess sein Urteil: Freispruch für alle Angeklagten, überwiegend nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“. Am 13. Januar 2009 bestätigt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dieses Urteil. Fazit der Vorsitzenden Richterin des zuständigen 4. Strafsenats am Bundesgerichtshof: „Es gibt Sachverhalte, die mit den Mitteln der Justiz nicht aufzuklären sind.“ Die strafrechtliche Akte Pascal ist damit geschlossen. Der kleine Junge, der am 30. September 2001 im Alter von fünf Jahren spurlos verschwunden ist, gilt als "auf Dauer vermisst".

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