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Serie von Gewaltdelikten bringt Saarländer in forensische Psychiatrie

Urteil am Landgericht : Saarländer muss nach Serie von Gewaltdelikten auf Dauer in die forensische Psychiatrie

Nach einer Serie von Gewaltdelikten musste sich ein Saarländer vor Gericht verantworten. Der Mann leidet unter einer Minderung der Intelligenz. Er hat deshalb oft Probleme im Alltag. Dann wird er aggressiv.

Keine Strafe ohne persönliche Schuld. Es gehört zu den Grundsätzen des Strafrechts, dass jemand nur dann für sein Tun bestraft wird, wenn ihm sein Fehlverhalten subjektiv vorgeworfen werden kann. Wenn er also in der Lage war, das Unrecht seiner Tat einzusehen und außerdem dazu fähig war, sein Verhalten entsprechend zu steuern. Es gibt Menschen, die dies aus persönlichen Gründen nicht richtig können. Sie sind beispielsweise durch eine Minderung der Intelligenz - das Gesetz spricht von Schwachsinn - mehr oder weniger in ihrer Fähigkeit zur Schuld eingeschränkt. So wie im Fall eines 40 Jahre alten Saarländers.

Der Mann musste sich wegen einer Serie von Gewaltdelikten und sonstigen Straftaten vor dem Landgericht verurteilen. Ende März wurde er wegen Raubes, gefährlicher Körperverletzung, Körperverletzung, Sachbeschädigung und mehrfachen Diebstahls zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Außerdem ordneten die Richter die unbefristete Unterbringung des als vermindert schuldfähig eingestuften Mannes in der forensischen Psychiatrie an. Das ist zwar keine Strafe aber trotzdem eine der schwersten Maßnahmen, die der Staat anordnen kann. Sie dient dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern, die nicht oder nicht voll verantwortlich für ihr Tun sind.

Im konkreten Fall ist diese eingeschränkte Schuldfähigkeit eine Folge der Minderung der Intelligenz des Angeklagten. Er hat laut Feststellung einer psychiatrischen Gutachterin einen Intelligenzquotienten (IQ) von 55. Das entspricht etwa dem Intelligenzalter von Kinder zwischen neun und elf Jahren. Erwachsene mit einem solchen IQ - der Durchschnitts-IQ bei Erwachsenen liegt bei etwa 100 - können grundsätzlich arbeiten und soziale Kontakte pflegen. Es sind aber auch Auffälligkeiten im Umgang mit schwierigen Situationen möglich. Wie gut jemand in solchen Situationen klar kommt, das hängt auch von seinem Lebenslauf, seinen Lernerfolgen und den konkreten Umständen ab.

Im Leben des Angeklagten lief es in dieser Hinsicht nicht gut. Nach dem Kindergarten besuchte er eine Sonderschule, schaffte aber keinen Abschluss. Er arbeitete als Leiharbeiter oder Türsteher, aber das funktionierte offenbar nicht. Zuletzt lebte er von Hartz IV und hatte mehrfach Probleme in alltäglichen Situationen. In einer früheren, dörflich geprägten Umwelt mit strengen Regeln auch für Außenseiter wäre er vielleicht zurecht gekommen. Aber die schnelle, hektische, moderne Welt im städtischen Umfeld überfordert ihn. Von außen sieht man ihm dies nicht an. Da ist er ein Mann mit einem gepflegten Äußeren. Er hat Manieren, ist freundlich und höflich. Dieser äußere Schein, den er über Jahre aufgebaut und gepflegt hat, steht aber im Widerspruch zu seinen inneren Fähigkeiten. Er hat Probleme damit, schwierige Situationen zu erkennen, zu verstehen und darauf angemessen zu reagieren. Wenn es dabei an seine intellektuellen Grenzen geht, wird er impulsiv und aggressiv. Das kann auch in ganz alltäglichen Situationen passieren, so die Gutachterin.

Für den Angeklagten bedeutet dies ein Leben unter ständigem Stress. Ein ständiger Zustand der Überforderung und versuchten Anpassung. Dazu kam als verstärkendes Element der Konsum von Alkohol und Drogen. Sie machten es noch schlimmer. Auch wenn der 40-Jährige für sich selbst das Versinken im akuten Drogenrausch „wie im Paradies“ empfand. Dann war er innerlich für kurze Zeit raus aus der Realität. Aber die Welt draußen war noch vorhanden und brachte ständig Probleme, auf die der Angeklagte oft mit Aggression reagierte. Mehrfach wurde er wegen Körperverletzungen verurteilt. Mehrfach ging er freiwillig in psychiatrische Kliniken. Einmal brachte ihn wohl ein Familienangehöriger zur Klinik, nachdem er ihn zusammengekauert in einer Ecke gefunden hatte. Aber alles wirkte nur auf Zeit.

Eine frühere Lebensgefährtin beschrieb ihn sinngemäß so: Er sei wie ein kleines Kind, das etwas haben will und verhalte sich auch so. Erst sei er freundlich, dann komme das Heulen. Und wenn er nicht bekommt, was er will, dann werde er aggressiv. Als die Beziehung der beiden Ende 2017/Anfang 2018 auseinander ging, wurde es besonders schlimm. Es kam zu Bedrohungen, Beleidigungen und Körperverletzungen durch den Angeklagten, wegen derer er jetzt unter anderem verurteilt worden ist.

Nach der Trennung kam der Saarländer mit einer anderen Frau zusammen, die im Strafprozess vor dem Landgericht neben ihm auf der Anklagebank saß. Sie ist drogenabhängig, mehrfach vorbestraft und hat mehrere Therapien ohne Erfolg abgebrochen. Der Mann und die Frau fühlten sich beieinander wohl. Aber das Ganze konnte trotzdem nicht gut gehen, wie einer der Verteidiger betonte. Es seien zwei Menschen mit massiven akuten Schwierigkeiten gewesen, die ihre Probleme nicht gemeinsam gelöst sondern verschärft hätten. Gemeinsam entwendete das Paar im Jahr 2019 Wertsachen bei Bekannten, in Geschäften oder auf dem Arbeitsamt, um die Beute zu Geld für Drogen zu machen. Und wenn es Streit gab, reagierten beide Angeklagten in manchen Situationen auch mit Gewalt.

Wegen einer Vielzahl von Delikten wurde das Paar deshalb am Ende des Strafprozesses verurteilt. Die Frau muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Der Mann wurde zu drei Jahren Gefängnis und der unbefristeten Unterbringung in der forensischen Psychiatrie verurteilt. Dort sitzt er bereits vorläufig seit Mitte 2019. Die Zeit, die strengen Regeln, die ersten Behandlungsansätze sowie die Abstinenz von Alkohol und Drogen haben ihm offenbar gut getan. Aktuell ist er nach Aussage einer Zuschauerin „ein attraktiver Mann“. Jemand, der mit seinem Auftreten und seinem Aussehen besser durch manche Situationen kommt, als andere mit ähnlichen Schwierigkeiten. Aber die Probleme und das Risiko künftiger Gewalttaten sind weiter da. So lange sie nicht beseitigt sind, wird der 40-Jährige zum Schutz der Allgemeinheit in der forensischen Psychiatrie bleiben müssen. Das kann sehr lange sein.