Rentner um Ersparnisse betrogen: Haftstrafe für Saarländer

Kostenpflichtiger Inhalt: Haftstrafe nach Anlagebetrug : Den geheimen Code der Börse geknackt? Mann versprach Anlegern bis zu 36 Prozent Zinsen im Jahr

Ein Saarländer glaubte offenbar, dass er den geheimen Gewinn-Code der Börse kennt. Geldanleger gaben ihm in der Hoffnung auf hohe Zinsgewinne ihr Erspartes. Das Geld ist nun weg - und der Mann muss ins Gefängnis.

Wegen Anlagebetrugs in 26 Fällen hat das Landgericht Saarbrücken einen Diplom-Ingenieur zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der 60 Jahre alte Familienvater aus dem Nordsaarland hatte via Internet im großen Stil mit Optionen an der Börse spekuliert und Geldanleger dazu gebracht, ihm insgesamt mehr als 1,16 Millionen Euro anvertrauen. Im Gegenzug hatte er ihnen eine 100prozentige Kapitalsicherheit und zudem Zinsgewinne von bis zu 36 Prozent im Jahr versprochen.

Ein traumhafter Deal - mit einem entscheidenden Haken: das Ganze klappte nicht. Am Ende war ein Großteil des Geldes weg. Die Ehefrau des Ingenieurs - sie hatte ihren Mann bei der faktischen Abwicklung der Geldflüsse unterstützt - wurde wegen Beihilfe zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Paar ist in Insolvenz. Es schuldet den früheren Geld-Anlegern mehr als 970 000 Euro. Viele der Betroffenen sind frühere Arbeitskollegen oder Bekannte des Mannes. Der Löwenanteil der verlorenen Investitionen stammt von einer Witwe aus dem Saarland und von einem Handwerker-Ehepaar im Ruhestand aus Rheinland-Pfalz. Sie hatten dem Ingenieur nahezu ihr komplettes Erspartes für den Lebensabend anvertraut.

Der Angeklagte und seine Frau waren vor Gericht voll geständig. Sie entschuldigten sich bei den Opfern für den Verlust des Geldes. Die beiden hatten zumindest zeitweise selbst an den Erfolg der Börsen-Spekulationen geglaubt. Der Angeklagte hatte nach dem Ergebnis der Ermittlungen vor etwa zehn Jahren mit den Geldgeschäften im großen Stil angefangen. Kurz zuvor war seine bis dahin mustergültige berufliche Karriere in einem Industriekonzern mit Sitz in Süddeutschland ins Stocken geraten. Über Jahre hatte sich der Ingenieur nach oben gearbeitet und war dafür auch aus dem Saarland weggezogen. Zuletzt machte er sich Hoffnungen auf eine leitende Position. Aber ein Konkurrent bekam die Stelle. Das zog dem Angeklagten nach eigener Aussage den Boden unter den Füßen weg. Er ging weg von der Firmenzentrale und zurück zu seiner Familie im Saarland.

Dort stürzte sich der gut situierte Mann in die Arbeit. Er schrieb ein noch nicht vollendetes Buch über sein Leben - und er wollte seine privaten Geldanlagemodelle mit Wertpapieren und Optionen perfektionieren. Dazu sagte eine Ermittlerin als Zeugin vor Gericht: „Er hat viel gelesen. Er hat viel gerechnet.“ Und irgendwann habe er für sich geglaubt: „Ich habe es geschafft.“ Oder mit den Worten eines Zeugen aus dem Umfeld der Familie: Der Mann habe offenbar geglaubt, dass er den „Code der Börse“ zum Geld-Verdienen geknackt habe. Dieses Wissen nutzte der Mann anschließend zum Anlegen des eigenen Geldes. Außerdem bot er sein Modell ehemaligen Arbeitskollegen, Freunden und Bekannten an. Viele von ihnen und deren Bekannte machten mit. Insgesamt kamen so mehr als 40 Anleger zusammen, die ihr Geld dem Ingenieur anvertrauten.

Mit verschiedenen Kunden wurden verschiedene Anlage-Modelle verabredet. In der Regel wurde das eingesetzte Kapital zu 100 Prozent garantiert - konnte also angeblich nicht verloren gehen. Gleichzeitig wurden Zinseinnahmen von bis zu 36 Prozent im Jahr oder bis zu drei Prozent im Monat versprochen. Zuletzt waren es wohl 1,78 Prozent im Monat. Das Geld wurde zum Spekulieren mit Optionen benutzt. Eine Option ist die Möglichkeit, in Zukunft etwas zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Es ist also ein Spekulieren auf die (ungewisse) Zukunft. Das ist hoch riskant. Wenn es gut läuft, verdient man zwar Geld - wenn nicht, dann ist aber unter Umständen alles weg.

Und beim Angeklagten, der zeitweise angeblich mehr als sieben Millionen Euro schwere Optionen in seinem Depot hatte, drehte sich die Sache im Jahr 2010. Damals verdiente er weniger Geld, als er seinen Anlegern gutschreiben musste. Aber er wollte nicht aufgeben und machte weiter - mit noch mehr Geld, um die entstandenen Löcher zu stopfen. Aber das klappte nicht. Am Ende blieben unter dem Strich mehr als 1,16 Millionen Euro offen, die zwischenzeitlich auf rund 970 000 Euro reduziert werden konnten. Im Jahr 2010, als die ersten Finanzierungslöcher auftraten, waren angeblich schätzungsweise 60.000 Euro offen gewesen - abgedeckt durch das eigene Geld des Angeklagten.

Dazu der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung: Der entscheidende Zeitpunkt sei das Jahr 2010 gewesen. Damals gab es die ersten Löcher, die man stopfen musste. „In dem Moment hätte man stoppen und die Reißleine ziehen müssen.“ Aber dies habe der Angeklagte in Kenntnis der Risiken seines Anlage-Modells nicht getan. Er habe weiter Geld gesammelt mit Versprechungen, die er nicht einhalten konnte. Das Ganze sei wie „ein sinkendes Schiff“ gewesen. Ein sinkendes Schiff mit dem Angeklagten auf der Kommando-Brücke, der seine Kunden dazu einlud, an Bord zu kommen. Laut Strafgesetzbuch ist das Betrug. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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