| 20:56 Uhr

Landgericht Saarbrücken
Haftstrafe nach Angriff auf Busfahrer

Der Busfahrer leidet bis heute unter den Folgen des Angriffs: Schlaflosigkeit und Panikattacken plagen ihn. Symbolfoto: Hildenbrand/dpa
Der Busfahrer leidet bis heute unter den Folgen des Angriffs: Schlaflosigkeit und Panikattacken plagen ihn. Symbolfoto: Hildenbrand/dpa
Saarbrücken. Weil ein Busfahrer einen Mann mit einer Dose Bier nicht hereinlassen wollte, wurde er mit einem Messer angegriffen. Der Fahrer leidet bis heute. Wolfgang Ihl

Wegen Körperverletzung und Beleidigung hat das Landgericht einen 34 Jahre alten Mann aus Saarbrücken zu acht Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte hatte am 21. Februar 2017 an einer Haltestelle in der Saarbrücker Innenstadt einen Busfahrer wüst beschimpft, bespuckt und mit einem Messer angriffen. Zum Glück konnte der Fahrer des Linienbusses den Angriffen ausweichen und verletzte sich physisch lediglich an der Hand. Die psychischen Folgen der Tat dürften schwerer wiegen. Derzeit leidet der dienstunfähige Busfahrer an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und gelegentlichen Panikakttacken. Ob er seinen Beruf in Zukunft ohne Angst ausüben kann, ist noch ungewiss.



Der 47-jährige Berufskraftfahrer sagte dazu als Zeuge vor Gericht: Der Angreifer habe sein Leben bedroht. „Dabei ging es doch nur um eine Dose Bier.“ Er habe lediglich zu der Freundin des Angeklagten beim Einsteigen gesagt, dass diese nicht mit einer offenen Dose Bier in seinen Bus mitfahren könne. Daraufhin habe sich der 34-Jährige eingemischt und sei unflätig geworden. Was dann geschah, das ergibt sich aus den Schilderungen des Busfahrers und den Aufzeichnungen der Videoüberwachung in dem Bus der Linie 106.

Der Angeklagte beschimpfte demnach den 47-Jährigen, ging auf ihn los und spuckte ihm an Hals und Oberkörper. Der Fahrer stand auf und konnte den Angreifer zurückdrängen. Der zog sich in den hinteren Teil des Busses zurück. Dort öffnete der 34-Jährige die Tür über die Notentriegelung und ging raus aus dem Bus. Auch der Fahrer stand auf und ging in die noch offene vordere Einstiegstür. Als er dort auf der obersten Treppenstufe stand, kam der Angeklagte von hinten seitlich am Bus vorbei und seine Hand mit einem Messer bewegte sich quasi im Halbkreis in Richtung des Busfahrers. Der wich blitzschnell zurück und drehte sich dabei um die eigene Achse mit einer Hand an einer Haltestange des Busses. So weit die Videoaufzeichnung der Überwachungskameras, die vor Gericht abgespielt wurde.

Nach dem Vorfall kam die Polizei, nahm alles zu Protokoll und der 47-Jährige fuhr mit seinem Linienbus ins Depot. Bis auf die Stauchung oder Sehnenverletzung an der Hand schien alles in Ordnung zu sein. Nach wenigen Tagen war er wieder im Dienst. Aber dann machten sich die psychischen Folgen der Tat bemerkbar – zeitverzögert in Etappen. Dazu der 47-Jährige: Richtig klar geworden sei ihm alles zum ersten Mal, als er zu Hause in aller Ruhe mit seiner Frau darüber geredet habe. Die sei fassungslos darüber gewesen, dass sein Leben wegen einer Dose Bier in Gefahr gewesen war. Dann kam seine Vernehmung bei der Polizei nebst Auswertung der Videobänder. Plötzlich sei ihm bewusst geworden, wie knapp das tatsächlich für sein Leben gewesen sei.

Ab diesem Punkt habe seine Psyche nicht mehr richtig mitgemacht. Sehr zum Missfallen des 47-Jährigen, der über sich sagte: „Ich liebe meinen Beruf. Ich mag den Umgang mit Menschen. Und ich will wieder Bus fahren können.“ Aber derzeit geht das nicht. Zum einen wegen der Verletzung an der Hand, die wohl gravierender ist oder sich gravierender entwickelt hat, als zunächst gedacht. Zum anderen wegen seiner Angstzustände. Diese hatten ihn bei seiner bislang letzten, ganz normalen Fahrt nach dem Vorfall an der Johanniskirche buchstäblich in den Fahrersitz gepresst. Damals sei am Bahnhofsvorplatz in Saarbrücken ohne Vorwarnung eine Panikattacke gekommen. Die Angst vor einem Messer, das jemand ziehen könnte. Die Angst vielleicht sogar vor dem nächsten Fahrgast. Danach sei er keinen Linienbus mehr gefahren, so der 47-Jährige. Ob seine Angst noch da ist? Antwort des Busfahrers: „Ich weiß es nicht. Ich werde es wissen, wenn ich wieder Bus fahre.“