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Schutz des Lebens geht vor
Justitia spricht Krebspatientin neuartige Chemo-Therapie zu

Wie lässt sich die Bildung von Metastasen verhindern?
Wie lässt sich die Bildung von Metastasen verhindern? FOTO: Becker && Bredel / BECKER&BREDEL
Dresden. Hoffnung für eine Brustkrebspatientin. Ihre Krankenkasse hatte ihre Behandlung mit einem neuen, nicht komplett zugelassenen Medikament abgelehnt. Die Justiz machte da nicht mit. Wolfgang Ihl

Eine gute Nachricht für Krebspatienten, die auf neuartige Therapien hoffen, kommt aus Dresden. Das dortige Sozialgericht hatte in einem Eilverfahren über den Fall einer Patientin mit Brustkrebs zu entscheiden, der von der zuständigen Krankenkasse die Behandlung mit einem neuen, noch nicht komplett geprüften und zugelassenen Medikament versagt worden war. Entscheidung der Richter: Das Grundrecht auf Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes kann es gebieten, dass einer Patientin die Behandlung mit einer neuartigen Chemotherapie zugesprochen wird, auch wenn noch nicht feststeht, dass das Medikament für diese Behandlung zugelassen werden kann und sicher wirksam ist. Der Beschluss des Gerichts ist rechtskräftig (Az.: S 18 KR 268/17).



Die 48 Jahre alte Betroffene erkrankte 2008 an einer aggressiven Form von Brustkrebs. Nach einer Operation wurde sie mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt. Dennoch bildeten sich immer wieder Metastasen. Ihr Arzt schlug 2017 die Behandlung mit „Pertuzumab“ im Rahmen einer Kombinationstherapie vor. Die AOK Plus lehnte die Übernahme der Kosten ab. „Pertuzumab“ ist in Europa seit 2013 zugelassen. Die Zulassung ist allerdings beschränkt auf Fälle, in denen noch keine vergleichbare Behandlung statt fand (so genannte "first-line"). Für die so genannte "further-line-Therapie" fehlt eine Zulassung. Da die Betroffene bereits seit 2008 mit Chemotherapie behandelt wird, war eine first-line-Behandlung nicht mehr möglich.

Die Frau beantragte den Erlass einer einstweiligen Anordnung durch das Sozialgericht. Die 18. Kammer des Sozialgerichts hat dem Eilantrag stattgegeben und der Frau einen Anspruch auf Behandlung mit der neuartigen Chemotherapie zugesprochen. Begründung: In der Kürze der Zeit war nicht aufzuklären, ob die von der Krankenkasse als Alternative vorgeschlagene Chemotherapie mit zugelassenen Medikamenten gleichwertig ist. Die vom Gericht befragten Ärzte bestätigten allerdings, dass die Antragstellerin von der further-line-Behandlung mit „Pertuzumab“ in Dreierkombination profitieren könnte. Ob diese Einschätzung zutrifft, könnte nur durch einen Obergutachter geklärt werden. Dazu fehlte wegen des akut lebensbedrohlichen Zustandes der Klägerin allerdings die Zeit. Unter diesen Umständen mussten die wirtschaftlichen Interessen der Krankenkasse hinter dem Schutz des Lebens der Antragstellerin zurücktreten.