Blutropfen zeigen: Hier stand der Täter der tödlichen Messer-Attacke

Plädoyers in Totschlag-Prozess : Überall Blut - nur an einer Stelle nicht: Dort stand der Täter der tödlichen Messer-Attacke

Einem jungen Afghanen, der einen Landsmann erstochen haben soll, droht eine Haftstrafe von zehn bis zwölf Jahren. Das ergibt sich aus den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung vor dem Landgericht.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 23-jährigen Afghanen bleibt das Motiv der Bluttat zwar weiter im Dunkeln. Der Ablauf der Ereignisse am Abend des 14. April 2019 in Saarbrücken wurde zwischenzeitlich aber Schritt für Schritt an drei Prozesstagen vor dem Landgericht rekonstruiert. Dort sitzt ein ebenfalls 23 Jahre alter Afghane auf der Anklagebank. Er soll seinen Wohnungsnachbarn mit einem Messer und insgesamt 32 Stichen und Schnitten getötet haben. Dabei soll der Angeklagte nach Feststellung eines psychiatrischen Gutachters voll und ganz für sein Tun verantwortlich gewesen sein. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine schwere psychische Erkrankung, Alkohol oder Drogen.

Dem Angeklagten droht damit eine mehrjährige Gefängnisstrafe im zweistelligen Bereich. Das ergibt sich aus den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung am dritten Prozesstag. Nach Abschluss der Beweisaufnahme hat der Staatsanwalt wegen Totschlags zwölf Jahre Haft beantragt. Eine niedrigere Strafe von „unter zehn Jahren“ hat der Verteidiger gefordert. Der Angeklagte sagte dazu in einem letzten Wort nichts. Er entschuldigte sich aber ausdrücklich bei den Angehörigen des Getöteten. Daraufhin zogen sich die Richter zur Beratung zurück. Sie wollen ihr Urteil am vierten Prozesstag (Dienstag) verkünden.

Alles andere als eine Verurteilung des Angeklagten wäre eine Überraschung. Zu eindeutig sind die objektiven Spuren, die auf den 23-Jährigen als Täter hindeuten. In einem gewissen Sinn hat der Angeklagte auch ein Geständnis abgelegt. Er schilderte zum Prozessauftakt, dass er an jenem Abend zum Abendessen bei seinem Bekannten gewesen sei. Dann habe der ihn mit einer schlimmen Bemerkung in seiner Ehre verletzt und er habe zum Messer gegriffen. Das sei ganz schnell gegangen. Warum er so massiv reagierte? Was der Auslöser dafür war? Keine Antwort. Wie das Ganze mit dem Messer im Detail ablief? Daran könne er sich nicht mehr erinnern, so der Angeklagte vor Gericht.

Also war die Gerichtsmedizin mit zwei Gutachtern am Zug. Einer von ihnen hatte den Toten obduziert und lieferte im Detail ein Bild der 32 Verletzungen des Getöteten. Aus der Art der Verletzungen und deren Zustand ließen sich erste Rückschlüsse auf die Reihenfolge der Stiche und Schnitte ziehen. Der zweite Gutachter hatte sich die Blutspuren vor Ort angesehen und dokumentiert. Daraus rekonstruierte er Schritt für Schritt den Ablauf der Ereignisse - fast jeder Bluttropfen, seine Form und sein Zustand hatte bei diesem Puzzle eine Bedeutung.

Im Ergebnis hat die Tat im kombinierten Wohn/Schlafzimmer des Getöteten begonnen. Der junge Mann saß auf oder stand vor seinem Sofa, als er von vorne mit dem Einhandmesser des Angeklagten angegriffen wurde. Er kippte nach hinten auf das Sofa. Dann auf das nahe stehende Bett, wo er kurz lag. Von dort - schwankend, taumelnd - raus aus der Wohnung in den Flur und durch eine Zwischentür. Dann bis vor die Wohnungstür des 23-Jährigen Angeklagten. Dort blieb der schwerst Verletzte liegen und verblutete. Das Ganze dauerte nach Aussage der Gutachter wenige Minuten. Ein kontinuierlicher Fluss von Bewegungen des Opfers. Aber auch der Täter habe am Tatort eine Spur hinterlassen. Fast überall sei Blut. Aber es gebe eine Stelle auf dem Boden, vielleicht 60 Zentimeter und ovalförmig, an der kaum Tropfen oder Spritzer zu finden waren. Warum nicht? Antwort der Gerichtsmedizin: An dieser Stelle sei das Blut auf ein Hindernis gestoßen. Dort habe nämlich der Täter gestanden. Er habe damit sein Abbild am Tatort hinterlassen.

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