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Polizei verfolgt jetzt Gaffer und Handyfilmer an Unfallorten

Verkehrssicherheit : Polizei verfolgt jetzt Gaffer und Handyfilmer an Unfallorten

(np) Bei einem schweren Unfall auf der A8 zückten kürzlich in einer Stunde 100 Autofahrer ihr Smartphone und filmten im Vorbeifahren. Jetzt wehren sich die Einsatzkräfte: Sie machen Fotos von Gaffern.

Darüber berichtet die Zeitschrift Auto-Bild in ihrer jüngsten Ausgabe (9/20).

„Wir drehen den Spieß einfach um“, sagt zum Beispiel die hessische Polizei. Sie suchte im Januar erstmals per Fahndungsfoto nach einem Handyfilmer. Dieser hatte in Wiesbaden Unfallopfer nach einem Busunglück mit einem Toten und 23 Verletzten gefilmt und auf entwürdigende Weise im Netz zur Schau gestellt. Kaum waren die Fotos der Überwachungskamera veröffentlicht, stellte sich der Beschuldigte. Die Reaktionen auf diese Aktion der Polizei waren auf den Social-Media-Kanälen des Polizeipräsidiums positiv.

Einsatzkräfte stellen sich immer offensiver gegen Gaffer. Die Pforzheimer Polizei setzt einen 180 000 Euro teuren, aufgerüsteten Mercedes-Benz Sprinter ein. Auf dem Dach des Sonderfahrzeug ist eine Spezialkamera installiert. Sie soll dabei helfen, Verkehrsdelikte festzuhalten, aber auch Gaffer zu identifizieren, vor allem wenn sie Fotos und Videos machen.

Bundesweit einmalig sind die Drohnen an Bord, die Unfallstellen dokumentieren und die Einhaltung von Rettungsgassen kontrollieren können. Die Drohnen werden ebenfalls eingesetzt, um Gaffer erfassen und ermitteln zu können.

Noch steht aber die Änderung des Gaffer-Paragrafen aus. Wer mit Aufnahmen „die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt“ muss laut Paragraf 201a Strafgesetzbuch mit einer Geldstrafe oder bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen. Ein Gesetzesentwurf weitet den Schutz auf Verstorbene aus. Die Umsetzung soll in dieser Legislaturperiode erfolgen, teilte jüngst das Bundesjustizministerium mit.

Die Verkehrspsychologin Nina Wahn vom ADAC kritisiert, dass nach einem Unfall zwar viele Autofahrer anhalten, jedoch nicht um zu helfen, sondern um zu gaffen, zu fotografieren und zu filmen. „Vielen Schaulustigen fehlt das Bewusstsein für die Situation völlig“, sagt Wahn. „Sie können das Ausmaß und die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht ermessen und stellen ihre eigenen Motive der Sensationsbefriedigung über die Bedürfnisse anderer.“ Da das Einfühlungsvermögen in Situation und Betroffene fehle, hätten Gaffer auch kein Verständnis für die angespannten Rettungskräfte.

Internetnutzer, die auf einen solchen Film stoßen, sollten am besten gar nicht oder nur in ablehnender Weise reagieren, rät die Verkehrspsychologin. Denn hohe Klickzahlen bestätigten noch das Verhalten der filmenden Gaffer.