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Ohne Verrenkungen das Alpenglühen genießen

Ohne Verrenkungen das Alpenglühen genießen

Die Daimler-Bussparte Evobus besteht aus zwei Mitgliedern: Die Mercedes-Busse werden überwiegend in Mannheim gefertigt, sozusagen auf dem Boden der badischen Benz-Heimat. Die Marke Setra wiederum wurzelt in Ulm, wo man 1995 die Busproduktion von Kässbohrer erwarb.

 Heute gilt der rund zehn Meter lange Setra S 511 H mit 43 Sitzplätzen als kompakter Reisebus. Er gehört zur Baureihe Comfort Class 500.
Heute gilt der rund zehn Meter lange Setra S 511 H mit 43 Sitzplätzen als kompakter Reisebus. Er gehört zur Baureihe Comfort Class 500.
 Viel Licht, viel Sicht: Die Panorama-Dachfenster sind eine Besonderheit des S 6. Fotos: Jacobi
Viel Licht, viel Sicht: Die Panorama-Dachfenster sind eine Besonderheit des S 6. Fotos: Jacobi

Der Name der im Daimler-Konzern beheimateten Busmarke Setra ist von "selbsttragend" abgeleitet, weil Karl Kässbohrer im Jahre 1951 einen Bus auf den Markt brachte, der nicht mehr nach Lkw-Art auf einem Rahmen aufgebaut war. Vielmehr gelang ihm nach Pkw-Vorbild die Entwicklung einer ausreichend stabilen selbsttragenden Karosserie.

Heutzutage gilt als kompakter Reisebus ein reichlich zehn Meter langes Gefährt des Typs S 511 HD der Baureihe Setra Comfort Class 500 mit 43 Sitzplätzen. Vor 60 Jahren hatte das Wort "kompakt" noch eine andere Bedeutung. Der Setra S 6 aus dem Jahre 1955 maß nur 6,70 Meter und bot 25 Passagieren Platz. Als Frontlenker - der Vierzylinder-Diesel mit 85 PS/67 kW von Henschel arbeitete im Heck - ähnelte er mit seinen Fensterchen in der Dachrundung einem aufgeblasenen Samba-Bus von VW . Die kleinen Scheiben aus Plexiglas werden von den Engländern "alpine windows" genannt, weil man durch sie die Alpengipfel ohne Verrenkungen betrachten kann.

Weil der Pkw das Maß der Dinge in Sachen Komfort war, besaß der Bus eine Einzelradaufhängung rundum. Der Fahrer wiederum wechselte im Stil der damaligen Zeit die Gänge mit Hilfe einer Lenkradschaltung.

Eine Fahrt in einem 60 Jahre alten Setra S 6 ist der in einem gleichalten Pkw nicht unähnlich. Es knistert und knastert, man spürt natürlich den Straßenzustand, aber die Rundumsicht vom Fahrerplatz ebenso wie von den Passagiersitzen aus ist wegen der zierlichen Dachsäulen deutlich besser als in heutigen Fahrzeugen. Die modernen Dachsäulen sind natürlich viel stabiler. Erste Überrollversuche hatte Daimler 1980 mit dem Modell O 303 gemacht. Die Ergebnisse wurden beim Nachfolger O 404 im Jahre 1991 genutzt.

Es ist natürlich nicht ganz fair, aus einem Setra S 6 aus den 1950er Jahren in ein brandneues Modell S 511 HD umzusteigen. Schon beim Einstieg bildet sich keine Schlange, denn es gibt auch eine Hecktür. Die Sitze haben integrierte Kopfstützen sowie Bauchgurte, und das Fahren gleicht eher einem komfortablen Schweben. Die Abkürzung HD bedeutet Hochdecker. Die Passagiere sitzen höher, man rollt mit Klima-Automatik durch die Lande, und das Gepäck fährt im Erdgeschoss mit. Auch Zwei-Meter-Menschen stoßen nicht an ihren Scheitel, denn die Stehhöhe beträgt 2,10 Meter.

Wenn man den aktuellen kompakten Setra-Bus luxuriös mit zwei Sitzen auf einer und einem Sitz auf der anderen Seite bestuhlt, kommt man auf 26 Plätze und damit fast genau auf die Beförderungskapazität des Ahnen S 6 auf dem Jahre 1955.