Mercedes ESF: Ein Roboter stellt das Warndreieck auf

Automobil : Ein Roboter stellt das Warndreieck auf

Mit seinem Experimental-Sicherheits-Fahrzeug ESF 2019 zeigt Mercedes-Benz, welche Herausforderungen beim automatisierten Fahren zu bewältigen sind.

Überall leuchtet und blinkt es. Manchmal erfüllt ein Summen oder eine mahnende Stimme die Umgebung. Die Krönung ist ein aus dem Heckboden des Experimental-Sicherheits-Fahrzeugs ESF 2019 von Mercedes-Benz herausfahrender Warndreieck-Roboter. Bei der Vorführung im leicht abgedunkelten Sindelfinger Entwicklungszentrum fühlt man sich tatsächlich in eine futuristische Zeit versetzt. Dabei ist diese Epoche gar nicht mehr so weit weg, wie der Leiter des Fahrzeugsicherheitscenters, Professor Rodolfo Schöneburg, betont: „In unserem Technologieträger auf Basis eines Mercedes GLE sind mehr als ein Dutzend Innovationen eingebaut. Sie drehen sich maßgeblich um Elektromobilität und automatisiertes Fahren.“

Lichtsignale warnen Fußgänger Auf dem Dach sitzen vier Laserstrahl-Sensoren (Lidar). Türkisfarbenes Licht erstrahlt, wenn der Wagen voll automatisiert unterwegs ist. Diese Farbe leuchtet auch am Kühlergrill oder am Heck auf, sobald mit anderen Fahrzeugen kommuniziert wird oder wenn beispielsweise einem Fußgänger am Bordstein signalisiert werden soll, dass er die Straße überqueren kann.

„Vorsicht!“, schallt es einem unachtsamem Menschen entgegen, der ohne zu schauen auf die Straße getreten ist. Natürlich bremst das ankommende ESF in diesem Moment schon ab. Rote Leuchtstreifen an allen vier Karosserieseiten können indes auf der Landstraße einem an eine Kreuzung herannahenden Verkehrsteilnehmer vermitteln, dass er das vorfahrtsberechtigte Fahrzeug beachten soll.

Warnhinweis auf der Heckscheibe Eine nicht minder wichtige Funktion nimmt das Heck der Zukunft ein. Auf die dortige Scheibe können Informationen für den nachfolgenden Verkehr eingeblendet werden. Typische Situation: Vor dem ESF will ein Radfahrer nach links abbiegen oder eine Person tritt auf die Straße. Das ESF bremst ab, der Nachfolgende kann diese Situation aber nicht sehen. Mit einem entsprechenden Bild auf der Heckscheibe weiß er sofort Bescheid und kann rechtzeitig reagieren.

Für Verblüffung sorgt das bei einer simulierten Verkehrsstörung stehende ESF, bei dem sich im Heckboden eine Klappe öffnet und ein Warndreieck-Roboter herausfährt. Er stellt automatisch ein beleuchtetes Warndreieck in entsprechender Entfernung zum Fahrzeug auf. Eine entscheidende Bedeutung haben solche Merkmale zweifelsohne, wenn dereinst im Mischverkehr automatisierte und klassische Autos aufeinandertreffen.

Das Experimental-Sicherheits-Fahrzeug ist aber nicht nur von außen ein erkennbar anders ausgestattetes Gefährt als heutige motorisierte Fortbewegungsmittel auf vier Rädern. Im Cockpit fällt vor allem das quadratische Lenkrad auf, das sich genauso wie die Pedale zurückzieht, wenn der Autopilot fährt. Das Lenkrad wird also Richtung Armaturentafel und die Pedale werden Richtung Wagenboden eingezogen. Dadurch entsteht am Fahrerplatz eine völlig neue Architektur – und mit ihr im Innenraum mehr Bewegungsfreiheit.

Flügelförmiger Seitenairbag Darauf müssen wiederum die Gurt- und Airbag-Spezialisten reagieren. Daher sind die Gurte direkt an den Sitzen und nicht mehr an den Säulen verankert. Der Fahrer-Airbag verlässt ebenfalls seinen angestammten Platz im Lenkrad und schießt nun bei Bedarf aus der Armaturentafel heraus. Weil er an seiner neuen Position größer und flexibler konstruiert werden kann, verbessert sich seine Wirksamkeit. Sitzt bei einem Unfall ein Fahrer am Lenkrad, zieht dieses sich blitzschnell zurück. Eine weitere Verbesserung stellen die größeren Seitenairbags dar, die in jeden Sitz eingepasst sind. Sie ersetzen die Fensterairbags und schützen auch die Köpfe der Insassen.

Nahe an der Serienreife dürften die erstmals gezeigten Luftsäcke mit neuartiger Röhrenstruktur im Fond sein. Das Material erlaubt ein ebenso stabiles wie weiches Luftkissen. Je nachdem ob kleine oder große Passagiere auf den hinteren Plätzen sitzen, wird es individuell aufgeblasen.

Jeder zweite Kindersitz ist nicht richtig in der zweiten Reihe angebracht, lautet die erschreckende Erkenntnis aus vielen Kontrollen. Im zukunftsweisenden ESF gibt es auch hierfür eine Lösung. Die Sitzschale ist so konstruiert, dass sie nicht falsch eingebaut werden kann. Vielleicht entlockt es manchem ein erstauntes Lächeln, aber die Fürsorge geht noch weiter. Der vernetzte Kindersitz gibt dem Erwachsenen am Steuer Auskunft darüber, ob sich der Nachwuchs während der Fahrt von den schützenden Gurten freigemacht hat.

Zudem überträgt eine Kamera auf den Bildschirm, wie es den lieben Kleinen geht. Überflüssig? Wer sich während einer Reise mehrmals nach hinten dreht, um einen prüfenden Blick aufs Geschehen zu werfen, wird froh sein, die Bilder live ins Cockpit geliefert zu bekommen.

Lichtdusche für die Insassen Weitere Innovationen betreffen die Beleuchtung. Aus skandinavischen Ländern kennt man sogenannte Lichtduschen, die während der dunklen Monate über eine spezielle Lampe vitalisierendes Licht ins Büro oder ins heimische Wohnzimmer abstrahlen. Dieses Prinzip machen sich die kreativen ESF-Designer zu eigen und lassen solches Licht aus entsprechenden Zellen nahe der Sonnenblenden auf die Insassen strömen. Auf diese Weise steigt die Aufmerksamkeit, was bestenfalls zur Verkehrssicherheit beiträgt.

Ideen und Konzepte gibt es in Hülle und Fülle im visionären ESF. Es ist bei einem solch umfangreichen Projekt allerdings schwer zu sagen, welche Systeme jemals die Serienreife erreichen können und welche technologisch machbaren, aber schlussendlich nicht gewünschten Lösungen nur ins Archiv wandern werden.

Ein Warndreieck-Roboter kommt bei einer Panne oder einem Unfall unter dem Heck hervor und stellt automatisch ein beleuchtetes Warndreieck in einiger Entfernung zum ESF auf, auch wenn dieses ohne Fahrer unterwegs ist. Foto: Daimler
Das ESF 2019 nutzt Lichtsignale und Projektionen auf der Heckscheibe, um andere Verkehrsteilnehmer vor Gefahren zu warnen. Hier weist ein eingespiegeltes Warndreieck nachfolgende Fahrer auf den Stau hin. Foto: Daimler
Im ESF sitzt der deutlich größere Fahrer-Airbag nicht mehr im Lenkrad, sondern im Armaturenbrett. Bei einem Crash zieht sich das Lenkrad blitzschnell in den Instrumententräger zurück, der Airbag entfaltet sich darüber. Foto: Daimler
Der in die Seitenwagen der Vordersitze eingebaute flügelförmige Seitenairbag mit 40 Litern Volumen entfaltet sich beidseitig. Seine Schutzwirkung ist weitgehend unabhängig von der Sitzposition und Lehneneinstellung. Foto: Daimler
Das Experimental-Fahrzeug nutzt die sogenannte kooperative Fahrzeugumfeld-Kommunikation. Hier zeigt das blaue Lichtsignal auf dem Frontpanel dem Motorradfahrer an, dass er bemerkt worden ist und einscheren kann. Foto: Daimler
Das ESF 2019 nutzt Lichtsignale, um andere Verkehrsteilnehmer auf Gefahren aufmerksam zu machen. In diesem Fall wird die von ihrem Smartphone abgelenkte Fußgängerin mit einem hellen Lichtschein gewarnt. Foto: Daimler

Als Erfinder des Automobils hat Mercedes-Benz traditionell eine federführende Rolle bei der Entwicklung von Sicherheitskonzepten. In jedem Fall soll die fortschrittliche Technik dazu beitragen, Unfälle zu verhindern oder mindestens Verletzungen zu minimieren. Die Ingenieure sind optimistisch, dass sie mit ihrer Forschungsarbeit an wegweisenden Entwicklungen der Zukunft beteiligt sind und das ESF 2019 den Beginn einer neuen Mobilitätsära markiert.

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