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Jaguar XE: Die Katze scheucht die Platzhirsche

Fahrbericht : Die Katze scheucht die Platzhirsche

Jaguar hat die Limousine XE stramm aufgefrischt. Sie zieht dadurch mit dem Audi A4, dem 3er-BMW und C-Klasse von Mercedes-Benz gleich.

SUV hin, Elektroauto her, in der Mittelklasse spielt die Musik immerfort munter auf. Einen Schub haben die Konkurrenten vor allem dank der Veränderungen im Flottengeschäft erfahren. Dienstwagen werden jetzt gerne eine Klasse kleiner bestellt: Audi A4 statt A6, 3er- statt 5er-BMW, C- statt E-Klasse von Mercedes und bei Jaguar XE statt XF.

Jüngst hat die britische Marke die Sportlimousine XE aufgefrischt, technisch aufgewertet und optisch breiter gemacht. Ab 43 690 Euro gelingt der Einstieg in die englische Mittelklasse. Dafür gibt es das Basismodell mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner, der 180 PS/132 kW leistet. Schwungvoller lässt sich die mittlere Motorvariante bewegen, die es auf 250 PS/184 kW bringt. Dann werden 50 200 Euro fällig. Unser Testexemplar kam mit einigen feinen Extras auf 58 538 Euro.

Vor allem vorne wurde der XE ordentlich aufgehübscht. Die schlanken LED-Scheinwerfer, die zur Serienausstattung gehören, sind kaum mehr als ein Schlitz im Blechkleid und rahmen den breiter gewordenen Kühlergrill ein. Zusammen mit einem neuen Stoßfänger betont er so die Horizontale und lässt den XE noch satter auf seinen bis zu 21 Zoll großen Rädern stehen.

Umfassender waren die Designer im Innenraum zugange. Hochwertige Materialien und Kunststoffverkleidungen, die sich angenehm anfassen, werten das Interieur deutlich auf. Die berührungssensitiven Bildschirme liefern gestochen scharfe Bilder, es dauert freilich eine Weile, bis sich die Wege durch die Infomenüs erschließen. Dennoch ist die Bedienung wesentlich einfacher geworden.

Wer nach dem Anlassen der Maschine per Startknopf den gewohnten Drehknopf der Automatik erwartet, der zuvor elegant aus seiner Ruhestellung nach oben schwebte, sucht vergebens. Jaguar hat sich von ihm verabschiedet und setzt nun auf einen eher beliebigen Joystick, wie er in Dutzenden anderen Wettbewerbs-Modellen auch zu finden ist.

Insider glauben zu wissen, dies sei mit Blick auf kommende Spionage-Thriller mit dem unverwüstlichen James Bond geschehen. Dem würde beim langsamen Hochfahren des Wahlknopfes bei einem Alarmstart die Zeit ausgehen. Einer der Gründe vielleicht, warum 007 bislang mit den schillerndsten Verkehrsmitteln unterwegs war, niemals jedoch mit einem Jaguar.

Agententauglicher ist der mit einer Rückfahrkamera gekoppelte Rückspiegel, der nicht nur beim Zurücksetzen, sondern auch der Fahrt nach vorne das rückwärtige Verkehrsgeschehen einblendet. Auf Wunsch wechselt das Bild aber auf eine reale Spiegelung, was für manchen Brillenträger hilfreich ist, da das Fokussieren zwischen dem Blick nach vorn und der Monitordarstellung entfällt.

Ein Spurhalteassistent, die Einparkhilfe, elektrisch verstellbare Vordersitze und eine Audio-Anlage gehören außerdem zum Serienstandard. Der Passagierraum ist geschmackvoll und stilsicher eingerichtet, unter sechs verschiedenen Dekoren kann gewählt werden. Für die Bezüge der angenehmen Sportsitze stehen drei unterschiedliche Farben und drei Lederstrukturen zur Verfügung.

Eine taugliche Sitzposition ist schnell gefunden, nur beim Einsteigen gilt es aufzupassen. Denn das seitlich stark ausgeformte Armaturenbrett zieht sich weit in die Türöffnung hinein und stellt sich gerne dem Knie entgegen. Auch dies dürfte 007 nicht an einem Jaguar gefallen. Der Überblick ist dagegen nach vorne gut, die Sicht nach hinten wird von der schmalen Heckscheibe eingeschränkt.

Im Fond sitzt man ebenfalls komfortabel. Kopf- und Beinfreiheit lassen kaum Wünsche offen. Beim Gepäck muss sich der XE-Fahrer dagegen zurückhalten, denn mit 410 Litern Volumen ist der Kofferraum nicht besonders üppig ausgefallen. Auch die Zuladung von 471 Kilogramm ist eher knapp bemessen. Mehr Format zeigt der Jaguar als Zugwagen. 1800 Kilogramm Anhängelast werden ihm gestattet, da dürfen Wohnwagen oder Boot gerne etwas größer sein.

Die 250-PS-Maschine rangiert mit ihrer Leistung zwischen dem 180-PS-Basistriebwerk und der 300-PS-Spitzenmotorisierung im XE P 300 und begeistert mit einem seidenweichen Lauf. 365 Nm stellt sie schon bei 1300 U/min bereit, bis 4500 U/min bleibt das Drehmoment konstant erhalten. Das müsste nicht sein, denn die achtstufige ZF-Automatik beherrscht den weichen Gangwechsel stets zum richtigen Zeitpunkt, hält die Übersetzung bei Gefällstrecken, um das Motorschleppmoment zu nutzen, und vermeidet frühzeitiges Hochschalten, wenn es mal bergauf geht.

Wer will, kann die Stufen über zwei große Schaltpaddel am Lenkrad, gearbeitet aus feinem Aluminium, auch manuell wechseln. Das ist auf kurvigen Bergstraßen eine wahre Freude, denn der XE zeigt sich mit seinem adaptiven und bis in den letzten Winkel perfekt abgestimmten Fahrwerk als engagierter Gipfelstürmer. Zielsicher bleibt er auf Kurs, zeigt, wie agil und behände ein Hinterradantrieb nun eben mal ist, und gibt sich selbst bei anspruchsvollen Kombinationen der Kurvenradien keine Blöße. Ein sanftes Untersteuern ist die Grenze dessen, was er sich dabei erlaubt.

Die Federung muss schlechte Fahrbahnen nicht scheuen, die präzise Lenkung unterstützt in allen Situationen gefühlvoll und angemessen. Akustisch bleibt die Maschine bei zügiger Fortbewegung unauffällig, die Bremsen erweisen sich als überaus standfest und lassen sich ausgezeichnet dosieren.

Beim Verbrauch punktet der Motor weniger. 7,2 Liter Super auf 100 Kilometer waren auf unseren Fahrten der Mittelwert. Das sind 0,8 Liter mehr, als im WLTP-Zyklus ermittelt wurde. Wer es weniger eilig hat, kommt jedoch auch mit knapp sechs Litern Treibstoff 100 Kilometer weit. Langeweile verströmt der XE auch bei der gemächlicheren Gangart nicht.

Unter dem Kofferraumdeckel verbirgt sich ein Stauraum, der 410 Liter Gepäck fasst. Besonders üppig ist das nicht. Foto: Jaguar

Die Jaguar-Mittelklasse hat nach ihrer Überarbeitung bis auf Augenhöhe zu den bekannten Kontrahenten von BMW und Mercedes-Benz aufgeholt. Vor allen mit ihrer Fahrdynamik begeistert sie immer wieder aufs Neue. Solange der Preis des XE durch die Wirrungen des Brexit aufgrund höherer Importzölle nicht unmäßig ansteigt, ist er als Alternative zu den etablierten Marken die erste Wahl.