1. Leben
  2. Motor

Gibt’s für Nachtfahrten bald Minuspunkte?

Datenschutz : Gibt’s für Nachtfahrten bald Minuspunkte?

Bei den Telematiktarifen für Kfz-Versicherungen entscheidet die individuelle, ständig überwachte Fahrweise darüber, wie hoch die Versicherungsbeiträge letztlich sind.

Digital ist schick. Das meint auch ein knappes Dutzend Autoversicherungen, die für kontrollwillige Autofahrer einen sogenannten Telematiktarif anbieten. Durch das Erfassen der realen Fahrweise soll den Versicherten ein Prämiennachlass bis zu 30 Prozent ermöglicht werden.

Dafür gibt es mindestens so viele Argumente wie dagegen, die Diskussion in der Öffentlichkeit ist in vollem Gange. So gab es einmal mehr am Rande des diesjährigen Verkehrsgerichtstages in Goslar ein Podium, auf dem sich Datenschützer, Wissenschaftler, Medienvertreter sowie Versicherungsfachleute zu dem etwas sperrig formulierten Thema äußerten: „Der digitale Schritt in der individuellen Risikobewertung der Kfz-Versicherung.“

Die Idee ist auf den ersten Blick einleuchtend, wie Dr. Jörg Rheinländer, Vorstandsmitglied der HUK-Coburg-Versicherungsgruppe, anfänglich erläutert: „Wir wollen die Kfz-Versicherung nachvollziehbar machen. Wer vernünftig fährt, zahlt weniger.“ Es gibt unterschiedliche Techniken, welche die Versicherer verwenden. Allen gemeinsam ist, dass aktuelle Fahrdaten erfasst sowie bewertet werden und dann dem Nutzer nach jeder Fahrt das Ergebnis mittels Mobiltelefon mitgeteilt wird – mit Hinweisen, wie die zurückgelegte Tour noch sicherer werden könnte.

„Das ist schön und gut“, meint Sven Hermerschmidt, Experte der Bundesbehörde für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. „Grundsätzlich besteht jedoch ein gewisses Misstrauen, was mit den Daten im Hintergrund passiert: Wem werden sie obendrein zur Verfügung gestellt? Was macht die Versicherung, wenn der Staatsanwalt vor der Tür steht, mit nachvollziehbarem Interesse bei einer Straftat, in der möglicherweise der Autofahrer verwickelt war?“

Selbstverständlich betonen die Versicherungen, dass die Daten nur zu dem von ihnen umschriebenen Zweck erfasst und gespeichert werden und dies für lediglich ein Jahr. Gewisse Bedenken schweben aber auch an dem Diskussionsabend über Podium und Zuhörerschaft. Dahinter steht der stets wiederkehrende Konflikt, ob man für finanzielle Vorteile seine Daten preisgeben soll.

Datenschützer Hermerschmidt erkennt bei den Bürgern „einen digitalen Fatalismus“ „Viele sagen, sie sind sowieso gläserne Menschen, dann könnten sie wenigstens einen finanziellen Profit daraus ziehen.“ Trotzdem sei es vielen mulmig, wenn sie daran denken, dass erfasst wird, wann sie wo und wie fahren oder parken.

Rheinländer präsentiert der Gesprächsrunde konkrete Erkenntnissen der HUK-Coburg zum Telematik-Tarif. Inzwischen hätten sich 200 000 Kunden für dieses Angebot entschieden, bereits zwei Milliarden gefahrene Kilometer dienten als Datenbasis. Im Vergleich zu einer Testgruppe mit normalem Tarif sei die Schadenwahrscheinlichkeit um 20 Prozent vermindert worden. Repräsentativ wurden solche Zahlen zur Unfallverminderung aber noch nicht erforscht.

Zweifellos ist der Schritt in die digitale Kfz-Versicherungswelt eine bedeutende Veränderung. Geht es bei den klassischen Kfz-Versicherungen um generelle Merkmale wie Autotyp, Dauer des Führerscheinbesitzes, Kilometerleistung sowie Garagenwagen oder Laternenparker, steht bei den Telematiktarifen das reale Fahrverhalten im Vordergrund. In erster Linie sind dies die Geschwindigkeit, Beschleunigen, Bremsen und das Verhalten in Kurven.

Ganz genau lassen sich die Anbieter nicht in die Karten schauen, was wie gewichtet wird. Die Rechenmodelle für den sogenannten Score (Punktestand), aus dem sich der Prämiennachlass ergibt, sind nicht bekannt. Auf jeden Fall sammelt man bei jeder Fahrt die dazugehörigen Punkte: Je risikoärmer die Fahrweise und damit höher die Punktzahl, desto günstiger wird es.

Abgesehen davon, dass ein recht undurchschaubarer Datendschungel das Versicherungsmodell letztlich auch nicht viel transparenter macht als das klassische Modell, weist Hermann-Josef Tenhagen auf ein weiteres, möglicherweise diskriminierendes Problem hin. Der Geschäftsführer und Chefredakteur von Finanztip-Verbraucherinformation gibt zu bedenken: „Merkmale wie Nachtfahrten oder konkrete Stadtteile sollten keinen Einfluss haben. Denn was können beispielsweise Krankenschwestern dafür, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten müssen?“ Tenhagen hält die unbedingte Freiwilligkeit, einen solchen Telematiktarif zu wählen, für entscheidend.

Sein Tipp: „Grundsätzlich sollte man die Versicherungen über seriöse Portale vergleichen. Manches Mal ergibt sich auch die Möglichkeit, einen günstigeren klassischen Tarif abzuschließen als bisher. Man sollte es sich einfach gut überlegen, ob man bereit ist, mittels Telematik die Kosten zu senken und die Folgen zu tragen.“

Für wen eignet sich der auf Fahrdaten basierende Tarif? Die Mehrheit der Podiumsteilnehmer ist sich einig, dass es vor allem für Fahranfänger attraktiv ist, für Fahrer mit niedrigem Schadenfreiheitsrabatt sowie für alle, die noch etwas lernen wollen. Allerdings wirft in diesem Zusammenhang HUK-Vorstand Rheinländer ein, dass laut einer Studie 80 Prozent der Autofahrer meinten, sie würden besser fahren als die anderen.

Datenschützer Sven Hermerschmidt hält fest, dass ein Kfz-Fahrer prinzipiell auch Alternativangebote vorliegen haben muss, also herkömmliche Tarife. Sollte sich die Telematik künftig aber stärker durchsetzen, worauf derzeit jedoch noch nichts hinweist, könnte es mit der Freiwilligkeit irgendwann einmal vorbei sein. Geht man einen großen digitalen Schritt weiter und betrachtet die Einflussnahme von Künstlicher Intelligenz, wäre es gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass eines Tages biometrische Merkmale wie Müdigkeit, Selbstüberschätzung oder Aggressivität erfassbar sind – ausschließlich autonomes Fahren wäre dann womöglich die logische Konsequenz.