1. Leben
  2. Motor

Der erste Bus, der sich selbst trug

Der erste Bus, der sich selbst trug

Die Omnibusmarke Setra feiert ihr 65-jähriges Jubiläum. Zwar gehört sie seit 1995 zum Daimler-Konzern, aber in Ulm erinnert man sich mit großer Freude und Respekt an die Wurzeln des Unternehmens und seine Gründer-Familie Kässbohrer.

Am liebsten würden die Setra-Mitarbeiter jedes Jahr feiern, denn was vor 65 Jahren Otto Kässbohrer gelang, half der Wirtschaft der ganzen Region auf die Sprünge. Dabei war seine zündende Idee auch aus der Not heraus geboren. Die noch junge Bundesrepublik Deutschland brauchte dringend Lastwagenfahrgestelle, um die zerstörten Städte und Industrieanlagen wieder aufzubauen. Dadurch kamen die Kässbohrer-Fahrzeugwerke in arge Bedrängnis, denn es gab nicht mehr genügend Lkw-Fahrgestelle für die hauseigene Bus-Produktion, die bereits 1910 mit einem motorbetriebenen Linienomnibus begonnen hatte.

Otto Kässbohrer fiel ein, dass die Firma bereits in der 30er Jahren mal einen kleinen Kraftwagen mit einer eigenständigen Struktur gefertigt hatte. Ob dies aber auch für einen Omnibus geeignet war? Tatsächlich zeigte er 1951 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt den ersten Bus mit selbsttragender Karosserie, den Setra S 8. Ganz nebenbei war der Markenname Setra - selbsttragend - geboren. Mit dieser Entwicklung hat der Tüftler Otto Kässbohrer die Weichen für den modernen Omnibusbau in der ganzen Welt gestellt.

Die Vorteile lagen auf der Hand. Es gab mehr Sicherheit durch die höhere Festigkeit, ein Heckmotor mit direktem Antrieb auf die Hinterachse machte den Bus leichter, zudem vergrößerte sich der Gepäckraum, und die Fahrgäste saßen bequemer.

"Taucht heute auf Messen und Veranstaltungen ein S 8-Reisebus auf, stiehlt er anderen Klassikern die Schau", erzählt Werner Maier, der eigens für die Präsentation dieser Schätze angeheuert wird. Egal, ob der S 8 mit acht Sitzreihen oder der S 11 mit elf Sitzreihen vorfahre, "die Menschen sind von diesen Gefährten einfach begeistert, weil sie offenbar noch seltener zu sehen sind als manch anderer Oldtimer", meint Maier.

In den letzten sechs Jahrzehnten wurden weltweit über 107 000 Setra-Linien- und Reisebusse in sechs Baureihen verkauft. Zahlreiche Innovationen säumten den Weg. Den Sprung von der Baureihe 10, zu der auch die oben erwähnten Modelle S 8 und S 11 zählen, auf 100 markierte 1967 die Serieneinführung der Einzelradaufhängung mit Luftfederung. Bei Baureihe 200 bestach eine neuartige Querstrombelüftung. Bereits auf den ersten Blick gut zu erkennen sind die 1991 eingeführten Integral-Außenspiegel in der Baureihe 300. Anfänglich wurden sie spöttisch als Maikäferfühler bezeichnet, doch zwischenzeitlich werden sie mit ihren typisch abgeknickten Spiegelarmen von den meisten Busherstellern nachgeahmt.

2001 kam die Baureihe 400, die mit ihren Topclass-Bussen Luxus und Komfort in den Mittelpunkt stellt: Panoramadach, moderne Küche und Multi-Media-Systeme hielten Einzug ins Reisegeschäft. Mit der 2012 eingeführten 500er-Baureihe ist man auf dem aktuellen Stand der Branche - aber noch längst nicht am Ende der Fahnenstange.

 1991 führte Setra die Integral-Außenspiegel ein. Sie sind heute Standard für die ganze Branche.
1991 führte Setra die Integral-Außenspiegel ein. Sie sind heute Standard für die ganze Branche.

Werner Maier überlegt aber nur kurz, als er gefragt wird, was eigentlich den größten Unterschied zwischen alten und neuen Bussen ausmacht. Mit einem Augenzwinkern meint er: "Früher hat man in den Bussen noch richtig geschwitzt und gefroren."