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Der Außenseiter hat den Aufstieg geschafft

Frankfurt. Vor nicht allzu langer Zeit hat so mancher Autofreak die Modelle von Hyundai und Kia noch belächelt. Inzwischen gewinnen die Fahrzeuge aus Südkorea sogar Vergleichstests der großen Magazine gegen renommierte Konkurrenz. Ingo Reuss

Kias Kleinwagen Picanto ist jetzt in dritter Generation erhältlich. In vielen Disziplinen hat er sich verbessert, auch beim Design und bei der Technik. Kia macht es Einsteigern leicht und bietet den City-Floh zum günstigen Preis ab 9990 Euro an. Dafür bekommt der Käufer den Picanto in der Einstiegsausstattung "Attract" mit dem Dreizylinder-Basismotor, der aus einem Liter Hubraum zahme 67 PS/49 kW mobilisiert. Für die Stadt und das nahe Umland reicht die Motorisierung aus, zumal das kleine Auto keine 1000 Kilogramm wiegt.



Mit dem Dreizylinder kann man freilich keine Bäume ausreißen, aber er schnurrt brav vor sich hin und ist auch sparsam im Verbrauch. Zumindest liegt der Normverbrauch bei 4,4 Litern Super (CO{-2}-Ausstoß: 101 g/km).

Kaum mehr leistet der 1,2-Liter-Vierzylinder mit 84 PS/62 kW. Er zieht aber besser durch und lässt sich mit weniger Schaltvorgängen fahren. Er ist ab 11 890 Euro in der Ausstattung "Edition 7" erhältlich. Auf Wunsch kann der stärkere Motor mit einer Automatik kombiniert werden, aber erst in Stufe "Spirit" ab 15 090 Euro. Dafür erhält der Kunde jedoch nur eine preiswerte, vierstufige Lösung, die nicht gerade neuester Stand der Technik ist und auch mehr verbraucht. Nach der Norm sind es 5,4 statt der 4,5 Liter mit Fünfgangschaltung.

Richtig Power soll der Picanto erst im vierten Quartal bekommen, wenn der neue 1,0-Liter-Turbobenziner mit 100 PS/74 kW verfügbar ist. Bei lediglich 3,9 Litern Super soll der Normverbrauch des Topmodells liegen. Laut Kia ist das weniger als beim Konkurrenten VW Up TSI.

Im Alltag erweisen sich die beiden bekannten Picanto-Motoren als eher brav. Sie verführen nicht gerade zu agiler Fahrweise, obwohl der 1.2 von null auf Tempo 100 in zwölf Sekunden sprintet und nach längerem Anlauf in der Spitze 173 km/h schafft. Gewiss ist das für den Winzling schon einiges, sogar autobahnreif.



Auf kurvenreichen Landstraßen fühlt man sich ebenfalls wohl mit dem Picanto. Die ausgewogene Fahrwerksabstimmung und feinfühlige Lenkung tragen dazu ebenso bei wie der solide Gesamteindruck und nicht zuletzt das niedrige Geräuschniveau. Die Insassen fühlen sich großzügiger untergebracht als im Vorgänger.

Im Segment der 3,60 Meter langen Autos tummeln sich einige Konkurrenten, darunter Citroën C1, Toyota Aygo, Hyundai i10, Fiat Panda, Nissan Micra und Renault Twingo. Deshalb hat Kia beim neuen Picanto einiges unternommen. Das fängt bei der Optik an. Auffällig sind die Front mit "Tigernase" und die stämmigen Schulterpartien. Die Sportversion GT Line wird durch rote Zierleisten, Alufelgen und Diffusor mit integriertem Doppelauspuff aufgewertet. Innen sitzt man auf Kunstlederbezügen.

Das Platzangebot im Kleinwagen ist vor allem vorne dank der weit verschiebbaren Sitze besser geworden. Auch hinten gibt es etwas mehr Platz, obwohl der Radstand - der Abstand zwischen Vorder- und Hinterachse - nur um 15 Millimeter gewachsen ist. Für Erwachsene bleibt es dennoch auf den hinteren Sitzen sehr eng und man fragt sich, ob dem Picanto nicht zwei Zugangstüren reichen würden. Kia bietet den Wagen aber nur noch als Fünftürer an. Die dreitürige Variante ist nicht mehr im Programm.

Das Gepäckabteil mit herausnehmbarem Boden fasst 255 Liter, maximal 1010 Liter, ein guter Wert in der Kleinwagen-Klasse. Kia hat das Cockpit sehr ansprechend gestaltet. Zu den markanten Elementen zählen das Dreispeichen-Lenkrad und der hoch angeordnete, freistehende Sieben-Zoll-Touchscreen-Bildschirm des neuen Infotainmentsystems. Ein Navigationsgerät gibt es ab der mittleren Ausstattungsstufe für 890 Euro Aufpreis. Die Klimaanlage kostet nur in der sonst schon ganz gut ausgestatteten Einstiegsversion 890 Euro extra.

Kia geht davon aus, dass 40 Prozent der Käufer die Ausstattungsstufe "Dream Team Edition" (ab 12 690 Euro) bevorzugen werden. Sie ist praktisch komplett ausgestattet - bis hin zur Lenkradheizung. Diese gibt es laut Kia im Segment nur noch bei der Schwestermarke Hyundai und bei Opel. Ein Notbremsassistent (590 Euro Aufpreis für alle Versionen) ist sonst nur noch bei Toyota erhältlich. Wer eines der diversen zusätzlichen Ausstattungspakete oder eine andere Lackierung (490 Euro) als das serienmäßige "Schneeweiß" bestellt, landet schnell bei rund 15 000 Euro. Dennoch hat Kia nichts zu verschenken und musste mit spitzem Bleistift rechnen. Daher wurde selbst an sichtbaren Stellen gespart. Ein Beispiel dafür ist das harte Plastik unter anderem an der Armaturentafel.