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Der Audi E-Tron S zeigt, wie Allrad in Zukunft geht

Kostenpflichtiger Inhalt: Fahrbericht : Die Zukunft des Allradantriebs

Im Sommer starten die S-Versionen des Elektroautos Audi E-Tron. Die drei Elektromotoren ermöglichen einen neuartigen Allradantrieb.

Der Audi E-Tron 55 Quattro ist ein Elektroauto der Oberklasse mit zwei Motoren. Einer davon sitzt an der Hinterachse und leistet 300 PS/265 kW. Ab Sommer wird es auch S-Versionen des E-Tron und des E-Tron Sportback geben, bei denen dieser E-Motor an die Vorderachse gewandert ist. Dort bringt er 169 PS/124 kW, in der per Fahrschalter wählbaren Boost-Funktion, einer Art Kickdown, kurzzeitig sogar 204 PS/150 kW.

Hinzu kommen jedoch zwei weitere Elektromotoren im Heck – abgeleitet vom kleinen Elektro-Frontmotor im E-Tron 55 Quattro –, die gemeinsam 266 PS/196 kW leisten, im Boost sogar 359 PS/264 kW.

Alle drei Motoren im E-Tron S stellen eine Systemleistung von 435 PS/320 kW, im Boost von 503 PS/370 kW bereit. Die maximalen Drehmomente sind mit 808 beziehungsweise 973 Newtonmetern angegeben.

Audi hat einen Prototypen des E-Tron S auf seiner Test- und Trainingsstrecke in Neuburg an der Donau für erste Fahreindrücke zur Verfügung gestellt. Mit den beiden Modellversionen E-Tron S und E-Tron S Sportback will Audi ein Bekenntnis zur Elektromobilität abgeben und zum 40. Geburtstag des Quattro-Allradantriebs etwas Besonderes anbieten. Der Fünftürer ist der erste Großserienwagen, der mit drei elektrischen Antriebsmotoren auf Tour geht. Das birgt immense Chancen zur Steigerung der Agilität. Denn über die komplexe Steuerung der Antriebe lässt sich das kurvenäußere Rad mit erheblich höherem Drehmoment beaufschlagen als das Rad im inneren Kurvenradius.

Torque Vectoring nennen die Fahrwerks-Ingenieure diesen Kniff, der die Grenzen des Machbaren beinahe schon hinter den Horizont schiebt. Denn der Drehmomentunterschied von bis zu 2000 Newtonmetern – je Rad plus 1000 oder minus 1000 Nm – unterstützt das Einlenkverhalten in die Kurve erheblich. Das Lenkrad dient letztlich nur noch dazu, sanfte Korrekturen des Kurses vorzunehmen.

Der E-Tron S ist mit rund 2,6 Tonnen Gewicht ein schwerer Brocken. Allein 700 Kilogramm wiegt seine im Unterboden eingebaute, flache Batterie. Das aus 36 einzelnen Modulen bestehende Paket ist nur 34 Zentimeter hoch und 2,28 mal 1,63 Meter lang und breit. Der Akku arbeitet mit einer Spannung von 397 Volt, kurzfristig kann er 430 kW elektrische Spitzenleistung abgeben. Seine Kapazität liegt brutto bei 95 kWh. Davon sind 86,5 kWh, also 91 Prozent, nutzbar.

Die Fahrdaten sprechen Bände. In 4,5 Sekunden beschleunigt der Wagen von 0 auf 100 km/h. Wobei sich die Frage stellt, wie sinnvoll es ist, den ganzen langen Alltag über ein solches Extragewicht mitzuschleppen, nur um gelegentlich den Anderen den nicht vorhandenen Auspuff zu zeigen. Am Ende wird der elektrische Audi von seinen konventionell angetriebenen Brüdern ohnehin abgehängt. Seine Höchstgeschwindigkeit ist auf 210 km/h limitiert.

Aber das Elektro-Quattro-System kann viel. Die kräftige Kühlung erlaubt sogar eine Boost-Funktion. Bis zu acht Sekunden lang generiert der Antrieb dann 503 PS/370 kW und 973 Nm. Das wird in Kurven besonders deutlich. Tritt man genau am Kurvenscheitelpunkt aufs Fahrpedal, ist der Schub gewaltig, weil das Drehmoment anders als bei einem Turbomotor sofort zur Verfügung steht. Sanft verlässt das Heck die Spur der Vorderräder, der E-Tron S schwingt sich durch die Biegung. Das gelingt auch jenen, die keine professionellen Rallyefahrer sind. Mühelos lässt sich der Fahrweg trotz der verlorengegangenen Haftung der Hinterräder bestimmen. Leichte Korrekturen am Lenkrad genügen, um die Kurve sicher zu meistern, auch wenn der Chauffeur nicht durch die Front-, sondern durch die Seitenscheibe den besten Ausblick auf sie hat.

Das funktioniert allerdings nur dann, wenn der Fahrmodus „Dynamic“ gewählt wurde und das elektronische Stabilitätsprogramm in der Einstellung „Sport“ bestimmte Driftwinkel zulässt. Bei „Sport plus“ ist es dann völlig abgeschaltet und der Fahrer auf sich allein gestellt. Wobei die Frage auftaucht, wo und wann der Kunde eines E-Tron S jemals diese Funktionen ausprobieren kann oder einsetzen muss. Vermutlich ausschließlich genau hier, im Audi-Trainingszentrum.

Zur Serienausstattung des E-Tron S zählt die Luftfederung mir adaptiver Dämpfung, die bei schneller Fahrt die Karosserie um 26 Millimeter absenkt. Im Offroad-Modus erhöht sie die Bodenfreiheit, die sogenannte Trimmlage lässt sich um 7,6 Zentimeter variieren.

Die Wahl von schlanken Kameras statt zweier Außenspiegel verbessert den Luftwiderstandsbeiwert des Audi, er liegt bei cw 0,26 statt 0,28 bei den Brudermodellen. Die Bilder der Kameras werden auf kleinen Monitoren in den Türverkleidungen kurz unterhalb der vorderen Dachsäulen wiedergegeben.

Beim E-Tron S kann der Kunde die zwei Außenspiegel durch schlanke Kameras ersetzen lassen. Ihre Bilder erscheinen auf kleinen Monitoren in den Türverkleidungen. Foto: Audi/sagmeister_potography, Audi

Das Laden des Akkus geht notfalls in der heimischen Garage an einer 230-Volt-Steckdose, dauert dann aber eine kleine Ewigkeit. An Schnellladestationen mit 150 kW Leistung dauert die Ertüchtigung der noch zu fünf Prozent gefüllten Batterie auf 80 Prozent rund eine halbe Stunde. Der E-Tron S wird schätzungsweise rund 90 000 Euro kosten.