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Datenschutz
Der Kampf um den gläsernen Autofahrer

 Mithilfe der App Bonus Drive der Allianz-Autoversicherung können Autofahrer über ihr Smartphone ständig abrufen, wie ihr Fahrstil beurteilt wird. Einige Autoversicherer bieten für einen vorbildlichen Fahrstil bereits verbilligte Tarife an. Voraussetzung ist jedoch, dass der Fahrer sein Fahrverhalten durch technische Systeme im Auto dauerhaft kontrollieren und protokollieren lässt.
Mithilfe der App Bonus Drive der Allianz-Autoversicherung können Autofahrer über ihr Smartphone ständig abrufen, wie ihr Fahrstil beurteilt wird. Einige Autoversicherer bieten für einen vorbildlichen Fahrstil bereits verbilligte Tarife an. Voraussetzung ist jedoch, dass der Fahrer sein Fahrverhalten durch technische Systeme im Auto dauerhaft kontrollieren und protokollieren lässt. FOTO: dpa / Peter Kneffel
Goslar. Wo man geht und fährt, unablässig werden Daten gesammelt – und verwertet. Der Kampf um die Daten ist in vollem Gang, wobei sich die Schützer der sensiblen Informationen ebenso im Recht sehen wie deren eigenmächtigen Nutzer.

Die Lage ist unverändert. Datenschützer und Datennutzer stehen einander misstrauisch gegenüber. Das zeigte sich auch auf dem diesjährigen Verkehrsgerichtstag in Goslar. Wissenschaftler, Versicherungsfachleute, Juristen, Datenschützer und Vertreter der Medien diskutierten im Rahmenprogramm über die Zukunft der sogenannten Big-Data-Problematik.


„Keiner kann sich mehr der Erfassung von vielfältigen Informationen in Echtzeit entziehen“, erklärte Professor Fred Wagner vom Institut für Versicherungslehre an der Universität Leipzig. Er ist Mitautor der Studie „Big Data – Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?“, in Auftrag gegeben vom Goslar Institut für verbrauchergerechtes Versichern.

Wagner ist vom positiven Potenzial der immensen Datenmengen überzeugt. Er sieht den Nutzen in neuen Serviceleistungen, die das Leben verbessern könnten. Davon würden Privatpersonen ebenso profitieren wie Unternehmen. Als Beispiele nannte der Professor die Bereiche Wohnen, Gesundheit und Mobilität.



Ins gleiche Horn stieß Klaus-Jürgen Heitmann, Vorstandssprecher der Versicherung HUK Coburg. „Wir wären dankbar, wenn wir auf alle Daten zugreifen dürften, die in den Autos produziert werden. Damit könnten wir das Fahrverhalten umfassend analysieren und entsprechende finanzielle Nachlässe beim Kfz-Versicherungsschutz gewähren.“

Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits. Bei einigen Tarifen werden auf Kundenwunsch mittels Sensoren die Geschwindigkeit und das Bremsverhalten erfasst und in Bonuspunkte umgewandelt. Bislang haben die Autohersteller noch das Monopol der in ihren Fahrzeugen erfassten Informationen. Und geht es nach deren Willen, wollen sie diese Vormachtstellung auch nicht aufgeben.

Das Gerangel um die Daten betrifft jedoch nicht nur jene Gruppen, die damit arbeiten. Auch der einzelne Bürger halte in diesem lukrativen Spiel einige Trümpfe in der Hand, führte Dr. Michael Giese, Geschäftsführer von it’s my data, aus. „Unser Unternehmen möchte es Privatpersonen ermöglichen, auf die eigenen Daten zuzugreifen und sie zu Geld zu machen.“ Über ein Datenportal (https://itsmydata.de) können Nutzer derzeit sämtliche von Unternehmen, Auskunfteien und sozialen Netzwerken gespeicherte Daten einsehen. Die dahinter stehende Idee klingt gut: Der Kunde handelt künftig selbst und kann darüber entscheiden, wer zu welchem Preis seine gemeinhin als Goldgrube bezeichneten Informationen bekommt.

Hier griff Thilo Weichert in die Diskussion ein. Das Vorstandsmitglied der „Deutschen Vereinigung für Datenschutz e.V.“ bezweifelte, dass der Konsument seine Daten lukrativ vermarkten kann. Abgesehen davon müsse „vorher sowohl der vollständige Schutz als auch die absolute Verfügungsmacht für jeden Betroffenen sichergestellt sein. Davon sind wir noch meilenweit entfernt“.

Tatsache scheint bislang zu sein, dass niemand so richtig weiß, was mit den über ihn erhobenen Daten passiert. Oftmals ist es einem sogar noch nicht einmal bewusst, wo und wie die Big-Data-Sammler zugreifen. Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der vorsichtige Umgang mit jeglichen Informationen für alle nachfolgenden Entwicklungen eine wichtige Rolle einnimmt. Hierbei gebe es immer noch eine starke Sorglosigkeit beim Einstellen von Nachrichten in soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter.

„Einerseits fürchtet der Bürger die totale Überwachung, andererseits trägt er eine Smartwatch am Handgelenk, die wie ein Schwamm Einzelheiten aufsaugt und somit einen erstklassigen Einblick ins persönliche Leben ermöglicht“, gab Studien-Autor Wagner zu bedenken.

Der Wissenschaftler stellte aber auch eine wachsende Akzeptanz für das Datensammeln und die Verwertung fest, sobald man einen persönlichen Nutzen erkenne. Dies gelte in besonderem Maße, wenn es um die Abwehr von Gefahren gehe, sei es im Hinblick auf die Gesundheit, den Einbruchschutz oder die Überwachung von Verkehrsregeln.

Im Prinzip begrüßte auch Datenschutz-Experte Weichert solche positiven Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise wenn die Telematik-Tarife der Kfz-Versicherer dazu führten, die Autofahrer zu einem regelkonformen Verhalten zu bewegen. Das sei Zweckbindung im besten Sinn und somit eine akzeptable Big-Data-Auswertung. „Aber wenn Unternehmen die gesammelten Daten dazu einsetzen würden, um irgendetwas anderes zu verkaufen, wird es problematisch.“