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Citroën Ami: Der elektrische Regenschirm auf Rädern

Neuvorstellung : Der elektrische Regenschirm auf Rädern

Citroën hat ernst gemacht und den Entwurf Ami Concept, der zum 100-jährigen Markenjubiläum 2019 gezeigt wurde, binnen Jahresfrist in ein überraschendes Serienmodell verwandelt.

Gedanklich knüpft der neue Ami, den Citroën im Laufe dieses Jahres in Frankreich und zum Jahreswechsel 2020/21 auch bei uns auf die Straße bringen will, an den legendären 2CV an. Der war damals eine Art Regenschirm auf Rädern für vier Personen und einen Sack Kartoffeln. Mit seiner großen Bodenfreiheit und wiegenden Federung war er vorwiegend für die Landbevölkerung gedacht.

Das alles hat man über 70 Jahre später auf die Fortbewegung in Großstädten und Umgebung umgedacht, wo es auf jeden Fall in Zukunft abgasfrei vorangehen soll. Der Citroën Ami ist folglich ein Elektroauto, eines, das die Ideen konsequent umsetzt, die Swatch-Inhaber Nicolas Hayek (1928 – 2010) einst mit seiner Smart-Idee im Sinn hatte: ein leichter und wendiger Zweisitzer, der für alle möglichen Antriebe vorgesehen war.

Nachdem Mercedes-Benz das Smart-Projekt übernommen hatte, beschäftigte sich das Schweizer Entwicklungsteam mit einem kleinen E-Mobil namens Sam, das heute in Polen hergestellt wird (http://friends-of-sam.com/de). Dieser Sam hat wie der Renault Twizzy den Nachteil, dass Fahrer und Mitfahrer hintereinander sitzen.

Diese Architektur löste man bei Citroën anders: Nach dem Vorbild der ersten Smart-Generation haben die Konstrukteure auf einer Außenbreite von nur 1,39 Meter zwei Plätze nebeneinander untergebracht, die etwas versetzt angeordnet sind. Der Beifahrersitz ist weit hinten fest eingebaut, der Fahrersitz kann längs verschoben werden. So kommen sich die beiden Insassen mit ihren Schultern nicht ins Gehege.

Einen Gepäckraum gibt es nicht. Eventuelles Transportgut lagert nur im Fußraum des Beifahrers. Die Armaturen sind überschaubar. Die Funktion eines heutzutage weitverbreiteten Bildschirms übernimmt das Smartphone, über das Fahrzeug-
informationen einschließlich Navigation abgerufen und gesteuert werden können. Eine entsprechende Halterung ist vorhanden. Airbags sucht man vergebens, Gurte gibt es natürlich.

Von vorn erinnert der Ami etwas an den Mia, ebenfalls ein Elektroauto, das vom namhaften Designer Murat Günak (unter anderem bei Peugeot, Mercedes-Benz und VW) gestaltet worden war und dessen Produktion in Frankreich zeitweise aus dem saarländischen Merzig gesteuert wurde. Allerdings sind die Citroën-Designer einen Schritt weiter gegangen und haben die Bug- und Heckpartie der Karosserie gleich gestaltet. Wo vorn die Scheinwerfer strahlen, leuchten hinten die Rück- und Bremslichter. Aus durchgefärbtem Kunststoff ist die Karosserie geformt, anfangs nur in der Farbe eines hellen Blaugrau. Mit verschiedenen Aufklebern lässt sich das Auto aufpeppen.

Vieles dient der Vorgabe, einen möglichst günstigen Verkaufspreis zu ermöglichen. Mit 6000 Euro in Frankreich liegt man 900 Euro unter dem Renault Twizzy. So gleichen sich die Türen rechts und links. Während sich die Fahrertür nach hinten öffnet, ist die für die mitfahrende Person wie üblich vorn angeschlagen. Außen sind Knöpfe zum Öffnen der Portale angebracht, innen gibt’s Zugschlaufen. An die legendäre Ente erinnern die Fenster, da sie zur Hälfte außen nach oben klappbar sind.

Mit 2,41 Metern Länge ermöglicht der Ami das Querparken, das Smart-Förderer Hayek ursprünglich im Sinn hatte. Außerdem wird ein anderer derzeitiger technischer Irrweg widerlegt: Mit viel Glasfläche – mehr als 50 Prozent oberhalb der Gürtellinie – ist der Kleine so übersichtlich, dass er keine Parkpiepser und Rückfahrkamera braucht. Die Designer aller größeren Autos sollten sich ein Beispiel nehmen.

Das Gewicht einschließlich Batterie wird mit 485 Kilogramm angegeben. Mit einer 5,5-kWh-Ladung kommt der Ami 70 Kilometer weit, er fährt nicht schneller als 45 km/h. Damit ist er in Frankreich führerscheinfrei und darf schon mit 16 Jahren bewegt werden. In Deutschland, wo das Wägelchen zum Jahreswechsel erwartet wird, ist ebenfalls als Einstiegsalter 16 vorgesehen. Man braucht aber den Führerschein AM. Dieser gilt für Kleinkrafträder bis 50 Kubikzentimeter Hubraum mit einer Spitze von höchstens 45 km/h.

Der Ami ist sozusagen ein überdachtes E-Moped auf vier Rädern mit einem Wendekreis von 7,20 Metern. Als Ladedauer des Akkus an einer Haushaltssteckdose werden drei Stunden genannt.

Gebaut wird der Elektro-Ami dem Vernehmen nach in Marokko. Zum Vertrieb haben sich die Verkaufsstrategen etwas Neues ausgedacht. Außer bei Citroën-Händlern und im Online-Handel wird das kleine Stadtmobil auch von der Handelskette Fnac Darty angeboten, die bisher vorwiegend Unterhaltungselektronik, Tonträger und Bücher in Frankreich sowie in elf weiteren Ländern unter die Leute bringt. Bei uns hat sie allerdings nicht Fuß fassen können.

Im Ami gibt es keinen Bildschirm. Fahrzeuginformationen werden über das Smartphone abgerufen und gesteuert. Foto: Citroen/Bluche Nicolas, Citroen
Während sich die Fahrertür des Ami nach hinten öffnet, ist die für den Beifahrer wie üblich vorn angeschlagen. Foto: Citroen
Bug- und Heckpartie des Ami sind gleich gestaltet. Nur durch die Scheinwerfer vorne und die Rück- und Bremslichter hinten sind sie unterscheidbar. Foto: Citroen/Bluche Nicolas, Citroen
Citroen Ami Heck Foto: Citroen/Bluche Nicolas, Citroen

Man kann davon ausgehen, dass es ähnlich wie beim zweisitzigen Renault Twizzy irgendwann eine zweite Ami-Stufe mit stärkerer Batterie, etwas mehr Reichweite und höherer Geschwindigkeit geben wird, vielleicht schon zur Markteinführung in Deutschland.