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Bessere Luft dank Corona?

Autoabgase : Warum Corona nicht automatisch zu besserer Luft führt

Das drastisch verringerte Verkehrsaufkommen der letzten Zeit verbesserte die Luft. Aber nicht immer und überall: Die Zusammenhänge bedürfen weiterer Erforschung.

Bis zu 70 Prozent weniger Verkehrsaufkommen: Die Corona-bedingten Geschäftsschließungen und privaten Ausgangssperren wirkten sich drastisch auf das Verkehrsaufkommen aus. Weniger Autos, jubelten vor allem Bewohner von Großstädten, weniger Lärm, endlich saubere Luft. Wie damals, so die Erinnerung, als wir jung waren, als es viel weniger Industrie gab, vor allem viel weniger Autos.

Nein. Vor 60, 70 Jahren war die Luft in den Städten, das belegen alle Statistiken, viel höher belastet als heute. Kohle und Holz spielten eine viel größere Rolle – in Kohlekraftwerken ohne Filter, in der Ofenheizung zuhause. Natürlich, auch Autos gab es weniger, doch die Diesel qualmten, kleine und große Zweitakter wirbelten Wolken auf. Die an­deren rollten ohne Katalysator, ohne Partikelfilter und mit simplen Vergasern, die längst nicht die Präzision heutiger Motor-Elektronik erreichten.

Satellitendaten aus dem Programm Copernicus der europäischen Raumfahrtagentur Esa zeigen zuletzt tastsächlich geringere Stickoxidbelastungen. „Satellitenbilder können aber immer nur ein Indiz sein“, schränkt das Umweltbundesamt ein. Sie sagen wenig über die Atemluft am Boden, einen Trend für lange Zeiträume bilden sie kaum ab.

Wer tiefer in die Materie eindringt, entdeckt Merkwürdigkeiten. Trotz geringerer Fahrzeugzahlen sank die Luftbelastung durchaus nicht überall. Manche Messstationen an den Straßen verzeichneten sogar höhere Werte. Eine große Rolle spielt das Wetter: Wind verteilt Schadstoffe, Regen wäscht sie aus. So auch Feinstaub, der aus vielen Quellen stammt – vom Kaminofen in mancher Wohnung bis zu Wüstensand aus der Sahara (mit Südwind als Transportmittel), von den Autos bis zur Landwirtschaft. Die Gleichung „weniger Autos = bessere Luft“ scheint so einfach nicht aufzugehen. Politiker aus CDU und FDP stellen Diesel-Fahrverbote in Frage. „Interessant an den Messwerten ist, dass weniger Verkehr kein Garant für saubere Luft ist“, meint zum Beispiel Judith Skudelny, die umweltpolitische Sprecherin der FDP.

Insgesamt freilich ist die Luft tatsächlich viel besser geworden in den letzten Jahren. Stuttgart war vor Jahren bundesweiter Vorreiter beim Feinstaub-Alarm. Er sollte Autofahrer animieren, auf Bus, Bahn, Fahrrad umzusteigen. Der Alarm wurde jüngst aufgehoben. Für ältere Diesel allerdings ist das Stadtgebiet noch immer gesperrt, sogar für Euro-5-Diesel gelten Fahrverbote auf einigen Straßen.

Andere Städte sehen von Verboten ab. Sogar die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die bisher Städte mit Klagen regelrecht vor sich her trieb, schaltet auf versöhnlich. So zog sie jüngst eine Klage gegen das Land Baden-Württem­berg zurück, mit der die Stadt Esslingen zur Einführung eines Luftreinhalteplanes gezwungen werden sollte.

Essen, Bielefeld, Dortmund, Wuppertal und weitere können auf Verkehrsverbote für ältere Diesel verzichten. Oberverwaltungsgerichte erreichten eine Schlichtung mit der DUH, die Luft soll auf andere Weise verbessert werden. Wie­der andere Gerichte lehnen Verbote als unverhältnismäßig ab, wenn die Luftbelastung nur wenig oberhalb der geltenden Grenzwerte liegt und der Trend alsbald ein Einhalten dieser Werte erwarten lässt.

Corona und die verbundenen Beschränkungen sollten Anlass sein, aus der Diskussion um Luftschadstoffe, Antriebsformen und Fahrverbote die Emotionen heraus zu nehmen, das Ganze zu versachlichen. Wichtigstes Ziel muss weiter sein, Schadstoffe unter den gesetzlich begrenzten Werten zu halten. Zum anderen aber sollten unnötige volkswirtschaftliche Schäden vermieden werden. Alte Diesel mit erhöhten Schadstoffen verschwinden ohnehin nach und nach. Motoren mit neuester Technik bleiben zum Teil weit unter den Grenzen, die die schärfste Abgasnorm Euro 6d vorschreibt.