Alpine A 110: Der Westentaschen-Porsche einst und jetzt

Automobil : Ein Grummeln kündigt die Ankunft an

Renault hat im Frühjahr 2017 seine Ikone Alpine A110 wiederaufleben lassen. Wir besuchten mit einem modernen Modell eine Werkstatt, die sich im süddeutschen Raum der Alpine-Traditionspflege widmet, um uns auch alte Exemplare anzusehen.

Moderne Technik in nachempfundenen klassischen Karosserieformen, kurz Retro genannt, das gelingt manchmal und manchmal nicht. Volkswagen hat Mitte des Jahres die Herstellung seiner Stil-Ikone, des neuen Käfers, nach zwei Generationen gestoppt, während BMW aus dem Mini eine ganze Marke entwickelt hat. Und die Fiat 500er erfreuen sich einer ungebrochenen Begeisterung.

2017 stellte Renault die Alpine A110 vor und belebte damit eine Marke wieder, deren Produkte von 1962 bis 1977 einen großen Freundeskreis gefunden hatten. Ihre Fahrleistungen verdankte die Alpine einer leichten Kunststoffkarosserie, die zu einem Leergewicht von wenig mehr als 700 Kilogramm führte.

Das haben die Ingenieure ein halbes Jahrhundert später nicht geschafft, obwohl sie viel Aluminium eingesetzt haben. Die technischen Daten stehen im beigefügten „Autogramm“, sodass wir uns den Fahreindrücken widmen können: Man schlüpft auf die beiden Sitze wie in ein paar maßgefertigte Schuhe. Kopf- und Beinfreiheit reichen auch für Menschen mit mehr als 1,80 Meter Größe. Der Motor wird per Knopfdruck angelassen. Auch Vorwärts- und Rückwärtsgang werden über Knöpfe gewählt. Alle sitzen auf der freischwebenden Mittelkonsole. Ein Knopf am Lenkrad ermöglicht es, die Motorcharakteristik und das Auspuffgeräusch zu verändern, wobei das 1,8-Liter-Triebwerk auch im Normalbetrieb kein Leisetreter ist. Biegt die A110 abends in die heimische Straße ein, beginnt der daheim gebliebene Partner den Tisch zu decken – so charakteristisch grummelt der Auspuff.

Fürs Wochenendgepäck zu zweit reichen die beiden Stauräumchen vorn und hinten mit jeweils rund 100 Litern. Rückt der Beifahrersitz nach vorn, können schlanke Behältnisse hinter die nicht kippbare Lehne gezwängt werden. Die berühmte Sprudelkiste ist nur im Ein-Mann-Betrieb im Fußraum rechts zu befördern – Ende des Berichts über die Alltagstauglichkeit.

Wir sind mit dem Testwagen zu einem Hort der Traditionspflege nach Weil der Stadt im Süden von Stuttgart gefahren, wo sich die Firma Worresch seit dem vergangenen Jahrhundert bevorzugt der Instandsetzung, Pflege und dem Verkauf historischer Alpine-Exemplare widmet. Frank Worresch (www.worresch.de) betreut an die 60 Alpine und deckt in einer von drei deutschen Spezialwerkstätten den Südwesten bis hinein in die Pfalz und das Saarland ab. Ersatzteile bezieht er aus Frankreich.

Die erste Alpine wurde zwischen 1962 und 1977 gebaut. Die Motorleistungen reichten von 52 PS bis 200 PS. Foto: Renault
Die Ur-Alpine (rechts) ist ein kleines, flaches Coupé. Der Vergleich mit dem aktuellen Modell zeigt, dass die Designer sich erfolgreich bemüht haben, das senkrecht abfallende Heck unter der dezenten Abrisskante beizubehalten. Foto: Gundel Jacobi
Auf der Mittelkonsole der Alpine sitzen Startknopf und die Knöpfe zur Auswahl von Vorwärts- und Rückwärtsgang. Foto: Gundel Jacobi

Die Frage, ob mit der neuen Alpine A110 ein neuer Klassiker das Licht der Landstraße erblickt, beantworten wir zustimmend. 2018 wurden im Ur-Alpine-Werk Dieppe an der Atlantikküste 3300 Exemplare vom A110 gefertigt und dazu knapp 4000 Renault Clio RS. Die Alpine-Kapazität lässt sich also bei Bedarf mühelos verdoppeln. In Deutschland kann die Nachfrage als rege bezeichnet werden, obwohl es derzeit nur elf Alpine-Zentren gibt, davon eines in Saarbrücken.