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Allwetterreifen werden zur Alternative
Ein Reifensatz für beinahe jede Witterung

In alpinen Regionen oder bei Tiefschnee führt an vollwertigen Winterreifen kein Weg vorbei.
In alpinen Regionen oder bei Tiefschnee führt an vollwertigen Winterreifen kein Weg vorbei. FOTO: Jochen Faber
Saarbrücken. Ganzjahresreifen ersparen lästige Räderwechsel in Herbst und Frühjahr. Manche machen selbst bei Eis und Schnee eine gute Figur. Im Gebirge oder bei tiefen Minusgraden sind echte Winterreifen allerdings immer noch unerlässlich. Von Stefan Woltereck

Auch der schönste Sommer geht einmal zu Ende. Regen, Kälte und Raureif drohen, in größerer Höhe auch wieder Eis und Schnee. Von O bis O, von Oktober bis Ostern, so die alte Regel, rollen Autos besser auf Winterreifen. Wer noch auf Sommerpneus unterwegs ist, muss daher schnell einen Termin beim Händler vereinbaren, hinfahren, warten und zahlen oder alternativ Räder aus Keller oder Garage wuchten, Auto aufbocken und selbst montieren. Umstände und Kosten durch die neuen Reifendruck-Kontrollsysteme kommen noch hinzu. Muss das alles sein?


„Jein“, antworten Hersteller und Handel gleichermaßen. Ein klares Ja gilt für alle, die täglich fahren müssen. Matsch und Schnee auf der Straße sind auch in warmen Wintern nicht ausgeschlossen. Und da sind bei uns Winterreifen Pflicht. Wer ohne sie angetroffen wird, muss mit Bußgeld und einem Flensburg-Punkt rechnen.

Das klare Ja gilt auch für alle, die in größerer Höhe unterwegs sind, etwa in den Wintersport fahren. Österreich schreibt wie Tschechien M+S-Reifen bei winterlichen Bedingungen vor, und für diese sogar vier Millimeter Mindestprofil. Entsprechende Gebote gibt es auch in anderen Ländern, manchmal auch regional (Schweiz, Italien). Winterreifen empfehlen sich auch generell für große und schwere Wagen. Sie haben meist Hinterradantrieb, und der ist von Haus aus weniger wintertauglich.



Echte Winterreifen tragen nicht nur die Buchstaben „M+S“ (auch M&S) für Matsch und Schnee auf der Seitenflanke, sondern dazu den dreizackigen Berg mit Schneeflocke in der Mitte. Nur dieses Alpinsymbol garantiert ein Minimum an Wintertauglichkeit.

Die Buchstaben „M+S“ sind allerdings nicht geschützt, sie sagen nichts. Die Unterscheidung ist vor allem bei Reifen für Geländewagen wichtig. Viele von ihnen sind mit „M+S“ bezeichnet, leisten aber wenig auf Glätte. Neu produzierte Winterreifen müssen seit Anfang dieses Jahres das Alpinsymbol tragen, Lagerbestände dürfen bei uns ohne Symbol bis 30. September 2024 aufgebraucht werden.

Anders lässt sich die Reifenfrage für Zweitwagen in Städten beantworten. „Für einige Autofahrer können auch Ganzjahresreifen eine Alternative sein“, drückt sich Continental vorsichtig aus. „Für gemäßigte klimatische Bedingungen, nicht unter minus fünf Grad“, schränkt Deutschlands größter Reifenhersteller weiter ein, „für kompakte Fahrzeuge mit geringer Kilometerleistung eher im städtischen Raum.“ Hier wird geräumt und gestreut, ein Zweitwagen kann, wenn es ganz schlimm kommt, auch einmal stehen bleiben.

Continental verkauft seinen neuen „AllSeasonContact“ damit unter Wert. Bei zahlreichen Tests glänzte er mit Bestnoten. Ähnliches gilt für den ebenfalls neuen ­„CrossClimate+“ von Michelin. Er erzielte auf nasser Straße sogar bessere Werte als der mitgetestete Winterreifen. Überwiegend gute Noten erreichten auch die anderen großen Marken. Ganzjahresreifen, noch vor wenigen Jahren ein eher fauler Kompromiss, bilden inzwischen tatsächlich eine brauchbare Lösung. Sie erreichen in diesem Jahr bereits einen Marktanteil in der Gegend von 20 Prozent. Und laut einer ADAC-Studie kann sich mehr als die Hälfte der Fahrer von Klein- und Zweitwagen vorstellen, in Zukunft auf „All Season“ oder „CrossClimate“ zu rollen.

Eine gute Nachricht gibt es für alle, die neue Winterreifen brauchen. Es müssen nicht immer die teuersten sein. Beim jüngsten ADAC-­Test (Dimension 205/55 – R 15) schnitt der „Krisalp HP3“ der Michelin-Zweitmarke Kleber für 77 Euro pro Stück besser ab als der Alpin 5 der Hauptmarke, der um die Hälfte teurer ist. Mit den Zweitmarken der großen Hersteller macht man generell nichts falsch. Wohl aber mit besonders billigen (Fernost-)Importen, die bei Tests noch immer oft erschreckende Defizite auf Nässe offenbaren. Und Nässe ist der häufigste Straßenzustand im Winter.

Für Diskussion in der Branche sorgte jüngst auch Michelin. Mit „Long Lasting Performance“ verspricht der Hersteller hohe Leistung bis zur Abfahrgrenze. Bei Demonstrationen auf nasser Straße erreichten seine Reifen mit 1,6 Millimeter Restprofil sogar kürzere Bremswege als neue Vergleichsreifen anderer Marken.

Der Gedanke, Reifen nicht unnötig früh auszumustern, ist zumindest gut für die Umwelt. Er sollte dazu führen, das Haftvermögen auf Nässe nicht nur bei neuwertigen Reifen zu bewerten, sondern auch in gebrauchtem Zustand.