Welcher Wanderschuh wirklich passt

Verbrauchertipp : Welcher Wanderschuh wirklich passt

Die Industrie teilt Schuhe für Wanderer je nach Einsatzzweck in verschiedene Kategorien ein. Es gibt Modelle für leichte Touren durch Wald und Feld, aber auch Wanderstiefel für extreme Touren. Daher ist der eigene Anspruch wichtig.

(dpa) Auf eine teure Funktionsjacke oder ein Hightech-Navigationsgerät können Wanderer oft gut verzichten, nicht jedoch auf gute Schuhe. Daran sollte nicht gespart werden. Die Vielfalt an Modellen mit Einsatzgebieten von Wald bis Berg ist allerdings riesig. Daher ist es nicht einfach, den richtigen Schuh für den persönlichen Anspruch zu finden.

Der renommierte Hersteller Meindl hat schon vor vielen Jahren ein System entwickelt, um Schuhe nach Einsatzzweck zu klassifizieren. So gibt es Modelle mit den Kennzeichnungen A, A/B, B, B/C und D. „Die Kategorien sind jedoch nicht in Stein gemeißelt. Das ist keine DIN-Norm“, sagt Franz Güntner vom Deutschen Alpenverein (DAV). Man solle das passende Modell nicht allein anhand der Bezeichnung wählen. Doch auch andere Hersteller und Händler orientieren sich an dem System, denn es bietet Orientierung.

Kategorie A: der Freizeitschuh Dieses flache Alltagsmodell ist mehr sportlicher Turnschuh als echter Wanderschuh im klassischen Sinne. Meindl beschreibt die Einsatzgebiete mit „Freizeit, Alltag, Reise, Walking“.

Kategorie A/B: das Einstiegsmodell Schuhe dieser Kategorie eignen sich für Flachland-Wanderungen sowie Touren im Mittelgebirge und in den Voralpen auf ausgebauten Wegen. Die Schuhe haben bereits einen höheren Schaft. „Wer einmal um den Tegernsee wandern will, für den reicht ein Schuh der Kategorie A oder A/B“, sagt Bene Benedikt, Chefredakteur der Zeitschrift Alpin.

Kategorie B: der klassische Trekkingschuh Dieser Schuh wird für leichte Trekkingtouren im Gebirge und anspruchsvolle Mittelgebirgs-Wanderungen empfohlen. Darunter fällt zum Beispiel meist auch die Wanderung zu einer Hütte. Der hohe Schaft und die festere Verarbeitung bieten soliden Schutz vor dem Umknicken auch auf schlechteren Wegen und Steigen.

„Kategorie B ist für Tagestouren ideal“, lautet Benedikts Fazit. „Für den Aufstieg zu einer Hütte oder Gipfeltouren auf Berge bis 2000 Meter reicht in der Regel ein solcher Schuh.“ Güntner nennt den Schuh einen „klassischen Allrounder“ für weniger Erfahrene.

„Welcher Schuh ein Allrounder ist, hängt vom eigenen Können und auch den Gewohnheiten ab“, sagt der DAV-Experte. „Die Watzmann-Ostwand, eine Tour mit 2000 Metern Kletterfels, machen sehr erfahrene Alpinisten heutzutage oft sogar mit leichten Zustiegsschuhen“ – ohne hohen Schaft.

Dass die Wahl des Schuhwerks von den Fertigkeiten des Trägers abhängt, bestätigt auch Bene Benedikt. Bei der Tageswanderung zu einer alpinen Hütte etwa komme es auf den Weg und die Höhe an. „Auf gut gebauten Wegen tut es ein leichter, niedriger Schuh.“ Anders sehe es aus, wenn die Hütte nur per Seilbahn oder Helikopter versorgt wird und der Zustieg somit nicht so gut ausgebaut ist.

„Professionelle Bergführer gehen auch solche Strecken viel in Halbschuhen.“ Denn die sind schön leicht, das Laufen ist weniger anstrengend. „Aber normale Wanderer sollten zu ihrem eigenen Schutz lieber festere Schuhe mit höherem Schaft tragen“, rät Benedikt.

Kategorie B/C: der ambitionierte Wanderschuh Ganz grob lässt sich sagen: B heißt Trekkingstiefel, C heißt Bergstiefel. Die Zwischenkategorie gilt oft als schwerer Trekkingstiefel, was etwas in die Irre führt. Denn viele Hersteller haben sehr leichte Modelle im Angebot. Anspruchsvolles Trekking, mittlere Alpin-Einsätze und Klettersteige gelten als mögliche Einsatzgebiete.

Der Unterschied zwischen B und B/C liegt Benedikt zufolge in der Stärke und Dämpfung der Sohle, wobei die Kategorien gewisse Übergänge hätten. Eine zu dünne Sohle auf Mehrtagestouren mit Steinen und Geröll könne irgendwann Schmerzen bereiten.

Für mehrtägige Touren wie Hüttenwanderungen rät der Experte eher zu einem Schuh der Kategorie B/C. „Auf Höhenwegen kann auch mal ein Schneefeld zu queren sein, da braucht es besonders guten Halt. In solchen Fällen hilft mir ein etwas festerer Schuh.“ Manche B/C-Schuhe haben zudem bereits eine Vertiefung hinten an der Sohle. Dort lassen sich halbautomatische Kipphebel-Steigeisen anbringen.

Kategorie C: der alpine Bergstiefel Diese Modelle empfiehlt Güntner für Bergfreunde, die auch Hochtouren jenseits der 3000 Meter unternehmen. Solche Touren führen über Gletscher, also braucht es gut sitzende Steigeisen. Kategorie C ist hier oft ratsam. „Trekkingstiefel der Kategorie B haben meist keine entsprechende Lippe dafür an der Sohle“, sagt Güntner. Sie sind also allenfalls bedingt steigeisenfest.

„Hier verlassen wir den Komfortbereich des Bergwanderns und kommen zum Bergsteigen“, erklärt Benedikt. Von einem Stiefel der Kategorie C könne man auch einen Geröllschutz erwarten, eine Art Gummikappe, die um den Schuh herumläuft und das Gewebe schützt. Das Gleiche gelte für eine Kipphebelvorrichtung für Steigeisen.

Kategorie D: der Profi-Stiefel für extreme Touren Diese Bergstiefel sind so fest, dass sich die Sohle praktisch gar nicht mehr abrollen lässt. Vorne und hinten gibt es eine Vertiefung für vollautomatische Steigeisen, die dadurch noch besser sitzen. Einen Schuh der Kategorie D brauchen laut Güntner nur Bergprofis, die herausfordernde Touren in Fels und Eis machen – wie das Matterhorn.

Alpinstiefel der Kategorie D eignen sich meist auch für Expeditionen auf hohe und kalte Gipfel jenseits Europas. Einige Modelle sind speziell isoliert, um die Füße auch in Höhen jenseits der 6000 Meter warm zu halten. Die Unterschiede innerhalb diese Kategorie sind groß. Spitzenmodelle etablierter Hersteller kosten viele Hundert Euro.

Benedikt rät im Zweifel dazu, den etwas höheren und festeren Schuh zu wählen – allein aus Sicherheitsgründen. „Da ist die Drei-Lagen-Jacke für 600 Euro in den meisten Fällen eher verzichtbar.“

Zu schwer sollte ein Wander- oder Bergschuh aber auch nicht sein. „Der Schuh muss am Fuß Spaß machen“, sagt Benedikt, „sich also gut anfühlen.“ Wer zum Beispiel einen Hochtouren-Schuh wähle, dessen Sohle nicht mehr wirklich abrolle, der werde damit auf vielen weniger anspruchsvollen Routen keine Freude haben.

Die Experten raten in jedem Fall dazu, im Fachgeschäft mehrere Modelle an- und auszuprobieren und dafür Zeit mitzubringen. In größeren Sportgeschäften gibt es kleine Parcours, wo Käufer Schuhe testen können. Schuhe sollte man nicht morgens oder abends kaufen, sondern am besten am frühen Nachmittag, denn der Fuß ist nicht immer gleich groß. Im Laufe des Tages schwillt er leicht an.

Mehr von Saarbrücker Zeitung