Verbrauchertipp: Plötzlich berufsunfähig: verkanntes Risiko

Verbrauchertipp : Plötzlich berufsunfähig: verkanntes Risiko

Die Berufsunfähigkeitsversicherung zählt für die meisten Experten zu den wichtigen Policen. Sie ist ein finanzielles Sicherungsnetz, wenn man aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann. Aber sie ist meist teuer.

(dpa) Im Schnitt trifft es Arbeitnehmer mit 47 Jahren. Das ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können. Das hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ermittelt. Die Gründe, warum Beschäftigte nicht mehr arbeiten können, sind vielfältig. Bei Frauen sind laut GDV psychische Erkrankungen mit einem Anteil von 30 Prozent die häufigste Ursache. Bei den Männern führen psychische Erkrankungen (22 Prozent) etwa genauso häufig zur Berufsunfähigkeit wie Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats (21 Prozent). Auch Krebserkrankungen sind ein häufiger Grund (22 Prozent Frauen, 16 Prozent Männer).

Berufsunfähigkeit ist ohne Frage ein gravierendes Problem. Wer mitten im Berufsleben steht und dauerhaft nicht mehr arbeiten kann, verdient auch kein Geld mehr. „Der Staat sorgt an dieser Stelle nicht mehr ausreichend für die Betroffenen“, erklärt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Denn die Erwerbsminderungsrente, die den Berufsunfähigen dann zustehe, decke nur einen Teil des Einkommens ab. „Insofern geht es hier um die existenzielle Absicherung“, sagt Boss.

So ist es kaum verwunderlich, dass viele Verbraucher eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen haben. Laut Statistischem Bundesamt gibt es in gut 30 Prozent der Erwerbstätigenhaushalte eine entsprechende Police. Für das Jahr 2016 weist die GDV-Statistik 4,3 Millionen Hauptversicherungen sowie 12,6 Millionen Zusatzversicherungen aus.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist jedoch keineswegs preiswert. „Je risikoreicher der Beruf, desto teurer ist die Absicherung“, erklären die Experten der Stiftung Warentest in der Zeitschrift „Finanztest“ (Heft 7/2017). Ein Industriemechaniker zum Beispiel müsste bei einem Eintrittsalter von 25 Jahren 894 Euro pro Jahr zahlen, um einen sehr guten Vertrag zu bekommen, der ihm im Ernstfall eine monatliche Rente von 1500 Euro zusichert. Pro Monat ergibt das einen Beitrag von 74,50 Euro. Für manche Berufe lehnen die Versicherer einen Schutz sogar explizit ab. Dazu zählen zum Beispiel Sprengmeister und Rennfahrer.

Aus Sicht von Dirk Ulbricht, Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen in Hamburg, ist die Absicherung des Risikos Berufsunfähigkeit damit zu teuer erkauft. „Bei dieser Versicherung geht es um eine reine Statusabsicherung“, erklärt der Volkswirt. „Denn die Versicherung soll verhindern, dass die Betroffenen im Ernstfall Abstriche an ihrem Lebensstandard machen müssen. Ob ich die Versicherung wirklich in Anspruch nehmen muss, weiß ich ja gar nicht.“ Selbst wenn der Fall der Berufsunfähigkeit eintrete, seien Betroffene durch das Krankengeld zunächst eine Zeit lang finanziell abgesichert. „Oft sind die Betroffenen ja nicht ihr Leben lang nicht mehr in der Lage zu arbeiten, sondern nur zeitweise“, erklärt Ulbricht. Viel wichtiger aus seiner Sicht ist der Aufbau eines ausreichenden finanziellen Polsters für die Altersvorsorge. „Die Rente erwischt mich ganz sicher.“

Die Rechnung, die Ulbricht aufmacht, ist einfach: Legen Verbraucher in guten Zeiten genügend Geld zur Seite, können sie Zeiten der Berufsunfähigkeit mit diesen Mitteln überbrücken. „Wenn Sie 48 000 Euro angespart haben, könnten Sie sich zwei Jahre lang jeden Monat 2000 Euro auszahlen“, rechnet er vor. Ein weiterer Vorteil dieser Lösung ist, dass Betroffene an ihre eigenen Rücklagen im Prinzip jederzeit herankommen, während die Versicherung erst prüft, ob die Leistung auch wirklich ausgezahlt wird. Laut GDV entscheiden die Versicherer darüber zwar im Schnitt innerhalb von 13 Tagen, wenn alle Unterlagen vorliegen. Doch die Zusammenstellung der Unterlagen kann durchaus länger dauern. Für die komplette Leistungsprüfung vom Eingang des Leistungsantrags bis zur Entscheidung vergehen im Durchschnitt 101 Tage.

Bianca Boss sieht das anders: „Vorzusorgen, indem Sie selbstständig sparen, ist schwierig.“ Oft legten Verbraucher nicht genug Geld beiseite, um auch längere Zeiten der Berufsunfähigkeit zu überbrücken. „Außerdem wissen Sie nicht, wie viel Zeit Sie zum Sparen haben“, sagt Boss. „Berufsunfähigkeit kann Sie theoretisch jederzeit treffen.“

Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen möchte, sollte das am besten tun, wenn er noch jung ist. Dann ist der Schutz laut den Experten der Stiftung Warentest meist deutlich günstiger, und Kunden sind in der Regel noch gesund. „Das ist wichtig, denn Versicherer können kranke Kunden ablehnen“, erklären die Warentester. Für manche Beschwerden, wie zum Beispiel Rückenleiden, verlangen die Versicherungen Beitragszuschläge oder schließen diese Beschwerden vom Schutz aus.

Ehrlichkeit ist aus Sicht von Bianca Boss unerlässlich, wenn man den Antrag stellt. „Die Gesundheitsfragen müssen wahrheitsgemäß beantwortet werden“, sagt die Expertin. Haben Versicherte Vorerkrankungen verschwiegen, kann der Versicherungsschutz im Zweifel verloren gehen. „Und dann stehen Sie am Ende mit leeren Händen da.“

Kritiker betonen allerdings, Versicherungen lehnten häufig die Zahlung bei Berufsunfähigkeit ab. Grund sind einer Studie der Beratungsgesellschaft Premium Circle Deutschland zufolge mehrere Hundert schwammige Begriffe in den Verträgen der Versicherer. Diese machten für jeden Fall eine Ablehnung möglich. Einige Versicherungen lehnten jeden siebten Antrag auf Berufsunfähigkeit ab, andere dagegen jeden zweiten, berichtet Premium Circle. Interessenten sollten daher beim Abschluss einer solchen Versicherung auf klare Formulierungen bestehen.