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Die Kraft der Wüstenlilie

Die Kraft der Wüstenlilie

Es gibt kaum eine Pflanze, der so viele positive Eigenschaften zugeschrieben werden, wie der „Wahren Aloe“: Aloe Vera. Die Wüstenlilie soll schön machen und sogar heilen. Wissenschaftler bleiben jedoch skeptisch.

Aloe Vera ist ein stacheliges, großblättriges Wüstengewächs. Äußerlich ähnelt sie der Agave, auf der Fensterbank zu Hause wird sie schon mal mit einem Kaktus verwechselt. Wie dieser kann sie reichlich Wasser speichern. Sie wird häufig in tropischen und subtropischen Regionen angebaut, wo sie dann zu Kosmetikprodukten verarbeitet wird - so wie auf Fuerteventura . Dort entstand 1989 die erste Aloe-Fabrik Europas, ein Anziehungspunkt für Touristen. Wer hierher kommt, kann sich selbst überzeugen, wie erfrischend sich das gelartige Fleisch des Aloe-Blattes auf der Haut anfühlt.

Cremes besser als Shampoo

Um es herauszulösen, entfernt Gästebetreuer Dino mit einem Messer die äußere Haut des Aloe-Blattes, schneidet das übrige, durchsichtige Fleisch in kleine Würfel und reicht sie den Besuchern. Beim Zerreiben in der Hand zieht das Gel sofort in die Haut ein, es riecht angenehm und hinterlässt keine klebrigen Spuren. Für den Laien ist es gut vorstellbar, dass dieser Stoff bei all dem hilft, was man ihm zuschreibt: Wundheilung, Hautregeneration, Feuchtigkeitsspende.

Wissenschaftlich ist das jedoch nicht bewiesen. "Ob Aloe Vera auf der Haut etwas bewirkt, hängt ganz vom Produkt ab", bemerkt die Stiftung Warentest . "In ausspülbaren Kosmetika wie Shampoos oder Duschgel sind keine zusätzlichen Feuchtigkeitsspenden zu erwarten, weil beides zu kurz auf der Haut bleibt. In Cremes und Körperlotionen dagegen können Aloe-Vera-Bestandteile mehr ausrichten." Am effektivsten sei die Wirkung, wenn frische Aloe im Produkt verwendet wurde, kein Konzentrat, ergänzen die Tester und berufen sich auf die Weltgesundheitsorganisation . Bei der Verarbeitung würden die Inhaltsstoffe oft an Aktivität einbüßen.

Auf Fuerteventura legen Dino und seine Kollegen Wert darauf, in ihren Lotionen, Handgelen und Anti-Aging-Produkten nur frische Aloe Vera zu verarbeiten - kein Pulver, kein Konzentrat, alles unverdünnt und ohne chemische Zusatzstoffe. Nachprüfen kann der Kunde das nicht, er muss auf das Gütesiegel vertrauen. Das wird zum Beispiel vom "International Aloe Science Council" (IASC) verliehen. Auch die Stiftung Warentest sieht es als hilfreich an, um sich vor schlechter Qualität bei Pflegemitteln zu schützen und rückzuversichern, dass die verarbeitete Rohware kontrolliert wurde. Die Verbraucherzentrale NRW schränkt ein, dass es sich bei diesem Siegel allerdings nur um eine Qualitätskontrolle handelt. Es sei "kein Beweis für irgendeine Wirkung".

Heilpraktikerin Kerstin König aus Meerane nutzt in ihrer Praxis ausschließlich zertifizierte Mittel und hat gute Erfahrungen damit gemacht. Sie schwört jedoch nicht nur auf Kosmetika wie Deo-Sticks oder Gesichtsmasken, sondern nutzt Aloe Vera auch zur inneren Anwendung: "Zur Aloe Vera bin ich über meinen Mann gekommen. Er war leidenschaftlicher Sportler und hatte mit Arthrose im Knie zu kämpfen. Nachdem er etwa zwei Monate Aloe-Vera-Saft getrunken hatte, wurden die Beschwerden deutlich weniger und er konnte seinem Sport wieder nachgehen." Aus dieser Erfahrung heraus behandelt sie deshalb auch ihre Schmerzpatienten mit dem Mittel.

Wissenschaftler wie Peter Proksch, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Uni Düsseldorf, nehmen Erfolgsmeldungen zur Kenntnis, beobachten die Forschung allerdings seit Jahren. So gut alles in der Praxis klingt: Immer noch fehlt es seiner Meinung nach an Studien, die eindeutig belegen, dass Aloe Vera bei bestimmten Krankheitsbildern wirkt. Zudem warnt er: "Vor allem bei Krankheiten wie Diabetes ist es fahrlässig, positive Eigenschaften von Aloe Vera zu versprechen und zum Beispiel das Insulin abzusetzen." Auch wenn Aloe Vera als Naturprodukt gelte, heiße das nicht, dass Wechselwirkungen ausgeschlossen seien. Aloe Vera als Nahrungsergänzungsmittel sieht auch die Verbraucherzentrale NRW kritisch. Sie rät Verbrauchern, vollmundige Werbeversprechen zu hinterfragen und misstrauisch bei improvisierten Handzetteln und selbstständigen "Aloe-Vera-Beratern" zu werden. Die Hersteller müssten sich ohnehin zurückhalten, da es ihnen laut Gesetz untersagt sei, krankheitsbezogene Werbung für Lebensmittel zu machen. Sie müssten sie sonst als Arzneimittel deklarieren.