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Besorgte Bürger rüsten auf

Besorgte Bürger rüsten auf

Immer mehr Menschen in Deutschland besitzen einen Kleinen Waffenschein. Er ist erforderlich, um Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen führen zu dürfen. Für Pfefferspray ist kein Schein erforderlich.

Gestiegene Einbruchszahlen, die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und eine diffuse Angst vor Terroranschlägen verunsichern viele Menschen in Deutschland. Immer mehr wollen scheinbar in der Lage sein, sich notfalls selbst zu verteidigen. Sie besorgen sich dafür zum Beispiel Pfefferspray oder eine Schreckschusswaffe.

Für die Schreckschusswaffe benötigen sie einen von einer Behörde ausgestellten "Kleinen Waffenschein". Pfefferspray, das mit dem Begriff "Tierabwehrspray" oder "nur zur Tierabwehr" gekennzeichnet ist, unterliegt nicht den Vorschriften des Waffengesetzes. Dieses Pfefferspray kann ohne Alterseinschränkung von jedermann gekauft und mitgeführt werden. Sobald jedoch der Aufdruck "Tierabwehrspray" fehlt, ist ein Kleiner Waffenschein zwingend erforderlich. Gegen Menschen darf Pfefferspray in Notwehr eingesetzt werden. In anderen Situationen ist das Sprühen strafbar.

Wie viele Menschen besitzen aktuell einen Kleinen Waffenschein?

Im November 2015 besaßen laut Nationalem Waffenregister rund 275 000 Menschen in Deutschland einen Kleinen Waffenschein. Wenige Monate später stieg die Zahl. Ende Januar 2016 waren bereits rund 300 000 Kleine Waffenscheine im Register gespeichert. Die Steigerungsrate ist verglichen mit der Entwicklung in den Jahren 2013 bis 2015 etwas höher.

Wann braucht man einen Kleinen Waffenschein?

Grundsätzlich kann jeder in Deutschland ab 18 Jahren Schreckschuss-, Gas- oder Signalwaffen frei erwerben. Vorausgesetzt diese Arten von Waffen haben das Siegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Dann dürfen Besitzer diese Waffen in ihren eigenen vier Wänden auch ohne behördliche Genehmigung aufbewahren. Wer hingegen unterwegs eine der genannten Waffen bei sich trägt, braucht einen Kleinen Waffenschein. Er gilt nur in Verbindung mit einem gültigen Personalausweis oder Pass. Selbst wenn eine solche Waffe im Handschuhfach eines Pkw liegt, ist ein Kleiner Waffenschein erforderlich. "Denn im Sinne des Waffengesetzes führt man die Waffe mit sich", erklärt Frank Scheulen vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen.

Unter welchen Voraussetzungen bekommt man einen Kleinen Waffenschein?

Wer einen Kleinen Waffenschein beantragen will, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Weitere Voraussetzungen sind Zuverlässigkeit und persönliche Eignung. Dazu gehört etwa, dass man keine Vorstrafen haben darf. Ein Sachkunde- oder ein Haftpflichtversicherungsnachweis seien aber nicht nötig, sagt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin .

Wo kann man den Kleinen Waffenschein beantragen?

Je nach Kommune stellt den Schein das Ordnungsamt, die Polizei oder die Kreisverwaltung aus. Interessenten sollten sich bei ihrer Stadt- oder Gemeindeverwaltung erkundigen. Die zuständige Behörde gleicht die Angaben des Antragstellers mit eventuellen Eintragungen im Bundeszentralregister und bei der Staatsanwaltschaft ab. Für den Antrag fällt eine Gebühr an. Diese kann je nach Bundesland variieren. "Im Saarland liegen die Kosten bei 50 Euro", informiert der Sprecher der Stadt Saarbrücken, Robert Mertes.

Was passiert, wenn die waffenrechtliche Erlaubnis fehlt?

Das ist eine Straftat und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. "Man sollte sich bei Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen sehr sicher sein, dass der Erwerb und der Besitz im Sinne des Waffengesetzes auch erlaubnisfrei ist", betont Scheulen. Er rät davon ab, solche Waffen im Ausland zu erwerben und in Deutschland zu verwenden. Oft erfüllen sie nicht die deutschen gesetzlichen Normen zum erlaubnisfreien Erwerb und Besitz.

"Ist kein PTB-Zeichen vorhanden, dann wird die Waffe nach dem Waffengesetz erlaubnispflichtig", sagt Scheulen. Ohne Erlaubnis ist also bereits strafbar, die Waffe zu erwerben. Für den Besitz gilt das dann sowieso. Und es gilt auch, wenn an einer zugelassenen Waffe Veränderungen vorgenommen werden, beispielsweise wenn man die Laufsperren ausbaut.

Was ist Besitzern eines Kleinen Waffenscheins untersagt?

Bei Veranstaltungen wie Volksfesten, Sportfesten, Messen oder Ausstellungen dürfen Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen nicht mitgeführt werden, auch nicht mit einem Kleinen Waffenschein, erklärt der Ministeriumssprecher. Auch außerhalb von Schießstätten ist das Schießen verboten, es sei denn, es liegt ein Fall der Notwehr und des Notstands vor. Ansonsten ist das Schießen strafbar.

Welche Risiken gibt es?

Es kann schnell zu Überreaktionen kommen, warnt der Angstforscher Professor Dr. Borwin Bandelow. Der stellvertretende Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Göttingen nennt ein Beispiel: "Unter Umständen ist jemand in einer Gefahrensituation gar nicht in der Lage, zum Beispiel Pfefferspray zielgerichtet gegen einen Täter zu richten. So kann man sich in einem Gerangel unter Umständen versehentlich sogar selbst verletzen."

Werde jemand anderes geschädigt, etwa durch den Einsatz von Pfefferspray gegen eine Person, könne das eine strafrechtliche Prüfung sowie ein Ermittlungsverfahren nach sich ziehen, erläutert Frank Scheulen. Auch Missverständnisse können gefährlich werden, etwa wenn die Polizei jemanden mit einer Waffe sieht, aber nicht weiß, dass diese nicht scharf ist. "Letztendlich wird die Unsicherheit eher größer als kleiner, wenn mehr Leute mit Waffen unterwegs sind", ist Borwin Bandelow überzeugt.

Welche Alternativen gibt es?

"Wenn man pöbelnde Personen sieht, dann könnte es die bessere Entscheidung sein, einen weiten Bogen um sie zu machen", erklärt Scheulen. Vorausschauendes Verhalten ermögliche es, Gefahren zu erkennen und ihnen frühzeitig aus dem Weg zu gehen. Wer sich in einer bedrohlichen Situation befindet, sollte durch Schreien oder Trillerpfeifen auf sich aufmerksam machen. Oder man spricht jemanden gezielt an: "Sie mit der blauen Jacke! Ich brauche Hilfe!"